Sonntagsblatt 2/2026 | Page 16

UNGARNDEUTSCHE UM IHREN PARLA- MENTSABGEORDNETEN BETROGEN?

Von Thomas Mogyoróssy
Seid gegrüßt Schwestern und Brüder! Wachet auf, es ist Zeit für die Wiederentdeckung des Lebendigen: Wir dürfen uns freuen. Wir dürfen die Welt mit kindlicher Neugier bestaunen. Wir dürfen uns treffen und einander ehrlich bewundern. Wir dürfen uns spontan begeistern. Wir dürfen tanzen und springen, singen und klingen, jauchzen, musizieren... Wir dürfen lieben und spielen. Wir dürfen lernen und lehren. Wir dürfen sprechen und verstehen.
Wir dürfen „ NEIN!“ sagen, wenn wir etwas mit uns nicht erlauben lassen wollen. Wir dürfen „ JA“ sagen, wenn wir mit etwas einverstanden sind. Wir dürfen BITTEN voneinander. Wir dürfen FRA- GEN und HINTERFRAGEN! Wir dürfen auch ENTSCHEIDEN, ob wir auf die Bitte oder Frage des Anderen eingehen oder ob wir sie missachten.
Wie stolz war ich doch 2018 zu behaupten: „ Ich bin registrierter ungarndeutscher Wahlbürger.“ Dies ist noch besser als 1963 der Spruch des Amerikaners: „ Ich bin ein Berliner” oder in der Antike der Satz des Römers: „ Civis romanus sum“.
Umso mehr fühlte ich mich am Abend der Parlamentswahlen, am 12. April 2026 von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen( LdU) betrogen, verraten und missbraucht. Was ist gescheh ′ n? Wann wird man je versteh‘ n?
Wie konnte man bloß das Boot der Ungarndeutschen so auf Grund laufen lassen? Kapitänswechsel ad hoc? Auf offenem Wasser inmitten des bereits stürmischen Wellengangs? Lange Zeit versteckt in der geschlossenen Kabine, wobei draußen schon irre Winde pfeifen und die Leute ratlos sind. Welchen Navigator kann denn so ein Wahn befallen? Oder ist es eher ein feiger Taktiker? Als ob der neue Steuermann fähig wäre auf dem neuen Fluss gegen den Strom zu manövrieren. In dem Hagelsturm bleibt er doch unkenntlich und unverständlich.
Vor dem Losfahren, im ruhigen Hafen- bevor die Strömung das Schiff vom Ufer riss-, da wäre vielleicht noch ein nüchterner Führungswechsel verständlich gewesen. Ansonsten wäre doch bitte lieber der altbewährte Schiffsbaumeister am Steuer geblieben! Er baute ja eigenhändig das Ganze mit auf. Er wäre eher fähig gewesen, den Kurs gerade zu halten, auch wenn mal eben der plötzliche Gegenwind den Rumpf nach links dreht.
Nun gerieten wir doch in den Strudel ‒ der alles umverteilte. Die Ulmer Schachtel ist weit vom Ziel gestrandet. Am Heck ein Riesen-Leck! In linker Schräglage! Das Ruder ist auch weg. Die Inhalte schon vollkommen aufgeweicht! Wer vermag sie noch gerade zu richten und zusammenzuflicken? Wer vermag sie mit frischen Inhalten zu
16 füllen? Die Flut spülte den Großteil der Passagiere über Bord. Wer weiß, ob sie noch jemals gesehen werden? Was ist gescheh ′ n? Wann wird man je versteh‘ n?
Bei ungefähr 60 Personen fragte ich nach Antworten: bei Vollversammlungsmitgliedern der LdU, den Kandidaten auf der Ungarndeutschen Landesliste, hochdotierten Vertragspartnern der LdU und Journalisten. Innerhalb der letzten vier Wochen( Stand: Mitte Mai, Red.) waren bisher 150 E- Mails noch zu wenig, um mir ein glaubhaftes Bild über die Ereignisse verschaffen zu können. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Umso größer bleibt der Raum für Annahmen. Meiner Einschätzung nach wären Schlamperei, Furcht um das Beamtengehalt oder kognitiv4e Dissonanz noch zu simpel, um solch eine Geschichte erklären zu können.
Gerade mal um die 10 Personen reagierten überhaupt. Die Vorsitzende antwortete vorwiegend in ungarischer Behördensprache: „... Az Ön jelzése alapján derült ugyanis fény egy rendszerhibára....“
Na also! Ja, ja! Ein „ rendszerhiba“. Das meine ich auch: Ein „ Systemfehler“. Für die Behebung dieses „ Systemfehlers“ wäre jedoch ‒ nach meiner Erfahrung ‒ weniger ein Informatiker erforderlich, sondern eher eine gründliche Gruppentherapie.
Üben wir die Kunst des Liebens! Geben wir einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung! Begegnen wir einander auf Augenhöhe- offen und ehrlich! Beginnen wir die Einigkeit in uns selbst und mit uns selbst! So werden wir erst fähig sein, rechtzeitig und differenziert unseren persönlichen Missmut auszudrücken- bei jedem Anzeichen von struktureller Gewalt, Doppelmoral, Paternalismus, Gruppenzwang, dilettantischer Vetternwirtschaft, Spionage, usw.
Erwachsene Menschen können verhindern, dass ein Führungsgremium abhebt. Solange wir uns Einwände und kritische Bemerkungen verkneifen, täuschen wir dem jeweiligen Gremium eine Scheinharmonie vor. So wird es zu weiteren Fehlentscheidungen verleitet. Hierdurch wiederum betrügen wir letztendlich auch uns selbst. Stehen wir für uns gerade! Bewahren wir unsere Haltung und Integrität!
Wer seine Gemeinschaft an soziale Netzwerke gewöhnt, der wird sie an den Höherbietenden verlieren. Es ist diesmal auch dumm gelaufen. Zu viele sind schon im Schmelztiegel verschwunden.
Bestehen wir auf persönliche Begegnungen von Angesicht zu Angesicht! Mir klingt noch die Mahnung von Otto Heinek in den Ohren: Nationalitäten-Interessen und die Wahrung kultureller Vielfalt können nur dann erfolgreich vertreten werden,