Sonntagsblatt 2/2025 | Page 35

NACHRUF †

„ UNSER HERRGOTT HAT UNS ZU EINEM DEUTSCHEN ERSCHAFFEN“

Im Gespräch mit dem kürzlich verstorbenen Kleinmanoker Schriftsteller Thomas Becker( 1980-2025)
SB: Sprechen Sie heute noch Mundart?
TB: Auch heute noch: mit meiner Mutter, mit den Nachbarn zum Beispiel, aber auch mit den Dorfbewohnern! Es ist auch eine sehr interessante Sprache, weil es eine hessische Sprache ist. Und es gibt Wörter, die sind anders als in anderen Sprachen. Zum Beispiel „ dumm und ungeschickt“, sagen wir „ olwer“ bist du „ olwer“: Das versteht man nur in unserem Dorf.
Also, was die deutsche Identität für mich bedeutet: Ich denke deutsch und ich träume auch deutsch. Sehr, sehr selten, dass jemand in meinen Träumen ungarisch spricht! Wenn ich etwas denke, tue oder sage ich es nur auf Deutsch.
SB: Man kann also sagen, dass Ihre Muttersprache eigentlich Deutsch ist.
TB: Ja, meine Muttersprache ist Deutsch. SB: Und wie haben Sie Ungarisch gelernt?
TB: Das weiß ich nicht. Ich war 6 Jahre alt, da konnte ich ein bisschen Ungarisch: Jó napot kívánok! Köszönöm szépen! Viszontlátásra!( Guten Tag! Danke! Auf Wiedersehen!)- was ich so kannte und verstand. Wenn ich Fernsehen schaute oder Radio hörte, verstand ich schon, aber so sprechen konnte ich nicht.
SB: Sie sind also ein Schriftsteller?
SB-Autor Martin Szanyi führte vor einiger Zeit ein Interview mit dem Tolnauer Schriftsteller, der im März im jungen Alter von 45 Jahren von uns ging. Als Andenken an den Verstorbenen veröffentlichen wir posthum sein- womöglich – letztes öffentliches Interview. Der Herr möge ihm die ewige Ruhe geben!
SB: Wie definieren Sie Ihre eigene Identität als Ungarndeutscher und welche Rolle spielt diese Identität in Ihrem Leben?
TB: Meine ganze Identität: Ich bin als Ungarndeutscher geboren und als Ungarndeutscher erzogen worden. Mit der Sprache in der Mundart und natürlich auch mit der Hochsprache, weil unsere Bibel, unsere Gesangbücher, unsere Gebetbücher- das ist alles in Hochdeutsch geschrieben. Ich habe auch die hochdeutsche Sprache benutzt und auch die Mundart.
TB: Ja, Schriftsteller, Dichter, Komponist und auch Übersetzer! Und das ist auch interessant, dass die Leute nicht wissen, dass ich vom Deutschen ins Ungarische nicht übersetze, das ist sehr schwierig für mich, das kann ich fast nicht. Vom Ungarischen ins Deutsche kann ich übersetzen. Ich habe nicht so einen ungarischen Wortschatz. Wenn ich das jetzt lese, dann weiß ich, worum es geht. Aber so einen richtigen Wortschatz wie ein Ungar oder wie ein ungarisierter Deutscher- so einen Wortschatz habe ich nicht.
SB: Was für Werke haben Sie?
TB: Ich habe etwa 500 Gedichte, aber heute sind es mehr geworden. Diese Gedichte kann man singen. Die meisten sind auf Noten geschrieben, hauptsächlich evangelische Kirchenlieder, aber ich habe auch einige Polkastücke geschrieben, wo die Noten schon da waren. Zum Beispiel von Ladislav Kubesch und da habe ich auf diese Noten einen anderen Text geschrieben. Man kann sie auch als Gedicht lesen oder auch so spielen und singen. Der deutsche Chor in Großmanok / Nagymányok und der in Bonnhard / Bonyhád könnten es
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