Sonntagsblatt 2/2025 | Page 31

in Deutschland noch?
Ich habe mich immer zwischen diesen beiden Welten gefühlt. In Ungarn galt ich als Deutsche und fühlte mich als Deutsche, hier in Deutschland habe ich versucht, mich als Ungarin zu fühlen, aber ich habe gemerkt, dass ich hier auch Deutsche bin, aber ich kann meinen ungarischen Akzent nicht ablegen. Man merkt ihn. Aber ich leide nicht darunter. Ich sage: „ Ich bin eine Donauschwäbin mit deutschen Wurzeln.“ Ich bin ausschließlich deutscher Abstammung. Darauf bin ich stolz. In Ungarn spielen die Deutschen eine sichtbare Rolle im öffentlichen Leben, aber das Hauptelement der Identifikation- die Sprache- stirbt aus. Ich glaube daher, dass die gesamte ethnische Gruppe an den Rand gedrängt werden wird. Es ist schön und wichtig, Musik zu machen und zu tanzen, aber es reicht nicht aus. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das gleiche Gefühl haben, die Geschichte zu kennen und die Bräuche zu leben. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt mehr spüre, weil ich bald fünfzig werde. Es ist lächerlich zu behaupten, dass die Dinge zu unserer Zeit anders waren. Ich bedauere, dass die Dörfer in der Branau so weit zurückliegen.
Und Ihre Kinder?
Meine Kinder wissen es, sie kennen meine Herkunft, sie verstehen sie als ihre eigene. In Deutschland gibt es jetzt eine Welle, nicht mehr so viel zu konsumieren, mit weniger Konsum zu leben, näher an der Natur zu leben. Das kommt bei vielen Menschen heute an. Das Interessante daran ist, dass ich von hier aus gestartet bin. So war das Dorfleben in Ungarn in den 1970er Jahren. Wir waren weitgehend autark: Wir produzierten keinen Müll und verbrauchten nicht zu viel. In Deutschland sehe ich das Gleiche bei der Generation meiner Kinder. Das ist die Generation der Zwanzigjährigen. Sie kleiden sich aus Secondhand- Läden, essen kein Fleisch und denken umweltbewusst... Das fällt auf mich zurück. Dort habe ich angefangen und dorthin werde ich vielleicht auch wieder zurückkehren. In Deutschland ziehen viele junge Menschen aufs Land, in Häuser von wenigen Quadratmetern, um eine Kommune oder ein neues Dorf- eine zusammenhängende Gemeinschaft zu bilden. Es fällt mir schwer, mir das in Ungarn vorzustellen, in einer schwäbischen Dorfumgebung mit mangelnder Infrastruktur. Wenn es so etwas in Ungarn gäbe, würde es ganz anders funktionieren als hier. Da ist die Frage der Kanalisation, des Trinkwassers, der Zugänglichkeit öffentlicher Verkehrsmittel... Allein der Internetzugang ist in Deutschland vielleicht schlechter als in Ungarn. Hier können Sie sich vor der Online-Welt in Tälern am Ende der Welt verstecken. Es ist seltsam, das zu sagen, aber das, was die jungen Leute heute anstreben, ist für mich die Art, wie wir früher in den ungarländischen „ schwäbischen” Dörfern gelebt haben.
Mein Großvater stritt mit dem Stadtrat darüber, warum er für die Müllabfuhr bezahlen soll- weil er keinen Müll produziert.
Alles ist verwendet worden. Damals war das selbstverständlich. Die Küchenabfälle wurden an die Ferkel verfüttert. Man nutzte alles, so lange man konnte. Wenn ein Hemd ein Loch hat, kann man es flicken... Unsere Kinder würden gerne dies erreichen. Ich weiß, wie man Trauben hackt, Gemüse anbaut, Küken aufzieht... Das wäre das Ziel einer umweltbewussten Zukunft, aber wir müssen einfach zu unseren Wurzeln zurückkehren. Die hiesige deutsche mittlere Generation weiß das nicht. Wir- die ehemaligen Dorfbewohner- könnten dazu in der Lage sein.
Ende des Beitrags
Quelle: https:// szabadpecs. hu / 2021 / 12 / gazdagok-szeretnenk-lenni-es-kulfoldon-elni-a-munka-miatti-elvandorlas-megtizedelte-a-svab-falvakat-is /

JBG 2025: SCHWERPUNKT AUF DER WISSENSCHAFT UND DEN AUSWÄRTIGEN BEZIEHUNGEN

Von Stefan Pleyer
Auch dieses Jahr stand die öffentliche Abhaltung der Vollversammlung der Jakob-Bleyer-Gemeinschaft an, die diesmal auf den 25. April fiel. Der Ablauf erfolgte traditionsgemäß, jedoch hatte der Vorstand eine wahre Mammutaufgabe zu bewältigen: über alle Angelegenheiten, Pläne und bisherige Erfolge der Organisation zu berichten und anschließend abzustimmen. Die Bleyerianer haben derzeit tatsächlich auf eine höhere Drehzahl umgeschaltet- sei es die teilweise Umstrukturierung des Vereins, die Rekrutierung neuer Mitglieder oder die zahlreichen Programme und Projekte, deren Umsetzung die Gemeinschaft 2025 vorhat.
Es wurden dennoch zwei Kerngebiete festgelegt, an denen sich die kurzfristigen Ziele des Vereins orientieren: Wissenschaft und auswärtige Beziehungen. Als eines ihrer wichtigsten Vorhaben beabsichtigt die Jakob Bleyer Gemeinschaft( JBG) ungarndeutschen Wissenschaftlern sowie der bürgerlichen Intelligenz und deren Nachwuchs eine Plattform zu bieten. Dieses Ziel verkörpert die Initiative „ Nationalitätenakademie“, die durch Konferenzen, Stipendien und wissenschaftliche Sammelbände unterstützt wird. Zweitens hat sich der ungarndeutsche Kulturverein der Pflege bestehender und dem Aufbau neuer auswärtiger Beziehungen verschrieben. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den deutschen Minderheitengemeinschaften in der osteuropäischen Region sowie auf Österreich als Mutterland. Die Vision deutet darüber hinaus auch auf eine Pionier-
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