Sonntagsblatt 2/2025 | Page 17

lenwagen verfügten über Schlafgelegenheiten für die Mitreisenden, einen eingebauten Altar und einen Beichtstuhl
– alles besonders wichtig in Ortschaften, die über keine katholischen Kirchen verfügten. Die Mission begann 1950 und endete erst 1970: Mitte der 1950er Jahre verfügte die Ostriesterhilfe über eine Flotte von 35 Kapellenwagen und erreichte laut Ausstellung 90 % der Heimatvertriebenen. Auch sogenannte Rucksackpriester( mit Klappaltären) zogen durchs Land- anfangs mit Fahrrädern, später mit Motorrädern und Pkws( VW Käfer). Die Initiative verlor zunehmend an Bedeutung, als in den Gemeinden, wo sich die katholischen( oder evangelischen) Heimatvertriebenen niederließen, Kirchen in Massivbauweise errichtet wurden – 240 an der Zahl. Dies geschah durch Zuschüsse und Eigenleistungen der Gemeindemitglieder. Hintergrund war die Erkenntnis vieler Heimatvertriebener, dass eine Rückkehr in die angestammten Gebiete nicht möglich sein wird. Bis heute prägen diese Nachkriegsbauten das Bild vieler hessischer Gemeinden.
REISENOTIZEN( 19)

ST. STEPHANS-SIEDLUNG GRIESHEIM

Von Richard Guth
( Februar 2025) Die Landschaft erweckt einen vertrauten Eindruck. Kein Zufall, liegt doch die St. Stephans-Siedlung ca. einen Kilometer Luftlinie entfernt von der Donausiedlung, die ich zwei Jahre zuvor besucht habe. Schon damals hieß es in der Darmstädter Donausiedlung, dass „ da drüben” stramme Katholiken wohnten.
An einem bedeckten und kühlen Februarnachmittag war es soweit. Von der Autobahn 5 kommend musste ich nur wenige Kilometer in die entgegengesetzte Richtung fahren um mich in dem „ ungarndeutschen Dorf” wiederzufinden. So brachte eine Dame Anfang 60 den Charakter der Siedlung treffend auf den Punkt.
In der Wahrheit erinnert den Besucher nur wenig an die Anfangszeit der Siedlung, als sich die vertriebenen Deutschen aus Ungarn auf Initiative von Dr. Viktor Gußmann hier niederließen: Es wurde viel gebaut und nachverdichtet in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Nun erinnern nur noch wenige Gebäude an die ursprüngliche Siedlungsstruktur, die an Stelle eines ehemaligen Truppenübungsplatzes in Form eines nach Osten weisenden Christuskörpers entstand. Aber dennoch findet man hier und da über die Zäune blickend Vertrautes aus der ungarischen Heimat, als würden die Höfe in Udwo oder Senglasl stehen.
„ Wenn Sie die Donaustraße runterlaufen, Richtung Hauptstraße, finden Sie noch einige alte Gebäude aus der Anfangszeit”, sagt mir die bereits zitierte Frau in ihren Sechzigern. Sie hat gerade die Enkeltochter- „ die dritte Generation” in der St- Stephans-Siedlung- mit dem Fahrrad aus der Kindertagesstätte abgeholt. Und gleich beginne ich, sie mit Fragen zu bohren. Ich erfahre im netten Gespräch, dass die Geschichte der Familie keine Vertreibungsgeschichte war: Die Mutter habe im Jahr der Machtergreifung 1933 die Branau verlassen und sei nach Österreich gegangen, wo sie den Vater der Frau, einen Österreicher kennen lernte. Über Umwe-
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