besuchte in diesen zwei Wochen die örtliche Volksschule. Er kann sich auch gut erinnern, dass es in Pußtawam einen evangelischen und einen katholischen Ortsteil gab. Die Katholiken wollten die Zugeteilten( evangelische Semlaker) nicht in ihre Häuser lassen.
Auf „ gut Glück“ gehe ich hier ins „ Polgármesteri Hivatal“ – das Bürgermeisteramt- und treffe auf eine Sekretärin und auf Tibor Gerlinger, den Vorsitzenden der ´ Deutschen Nationalitätenverwaltung` in Pußtawam. Minuten später treffe ich auch auf den Bürgermeister Mihály Csordás – und alle drei sprechen Deutsch!!
Bernhard und ich werden vom Bürgermeister zum Kaffee eingeladen und dabei erzählt uns Tibor( in einem Mix aus Schwäbisch / Wienerisch), dass die ´ Deutsche Nationalitätenverwaltung` in Pußtawam das Kindergarten- und Schulwesen im Ort vom ungarischen Staat übernommen hat und 90 Kindergartenkinder und 130 Schüler( in 8 Klassen) betreut. Und das sogar mit einem sehr großzügigen Schlüssel für Lehrer / Schüler: ein Lehrer für acht Schüler, weil der Unterricht zweisprachig geführt wird! Schulsprache ist natürlich ungarisch, aber alle Schüler verlassen die Schule mit sehr guten Deutschkenntnissen. Ich bin hocherfreut, dass wir auch in Pußtawam deutsche Spuren gefunden haben. Wir radeln weiter über Bokod und Kisbér, wo wir wieder einmal keine Unterkunft finden. Also geht es weiter bis nach Pannonhalma( Martinsberg) – 101 km. Beim Telefonat mit einer Vermieterin und meiner Frage „ deutsch oder englisch“ bekomme ich zur Antwort „ magyar e un poco d ´ italiano“! Also verhandeln wir auf Italienisch – und landen in einer sehr schönen Panzió.
Am Samstag dem 27.7. fahren wir nur bis Pápa( 48 km), weil wir nicht sicher sind, auf der Strecke nach Pápa noch eine Unterkunft zu bekommen.
Der Sonntag- Tag 9- beginnt wieder sehr heiß und extrem windig. Wir radeln über Vág und Beled bis Csapod und legen hier nach 55 km eine Pause bei Bier & Radler ein. Wir laden dabei auch die Akkus wieder auf, damit wir weiter mit voller Kraft gegen den starken Wind fahren können.
Nach 77 anstrengenden km erreichen wir Hegykő und kommen in der Panzió „ Marben“( mit Swimmingpool) unter. Am Abend bekomme ich dann endlich meine „ rántott libamáj“ – die gebackene Gänseleber! Herz, was willst du mehr?
Finale am Montag dem 29.7 – Tag 10! Es ist wieder wolkenlos. Vor dem Start decken wir uns noch ordentlich mit „ paprikakolbász“ ein. Dann geht’ s los auf schönen Radwegen Richtung Ödenburg. In Agendorf / Ágfalva machen wir zum letzten Mal in Ungarn eine Trinkpause.
Wir überqueren später bei Loipersbach die österreichisch / ungarische Grenze- ohne es zu bemerken. Über Bad Sauerbrunn radeln wir zum Bahnhof Wr. Neustadt. Das ist das vorläufige Ziel. Die restliche Route über Baden- St. Pölten – Krems – Amstetten bis Neuhofen / Ybbs wollten wir im Oktober 2024 zu dritt fertig fahren. Wegen dem Jahrhunderthochwasser im Herbst 2024 – Niederösterreich versank im Wasser- haben wir die letzten Etappen auf Mai 2025 verschoben.
Mein Resümee: Wir erlebten in 10 Tagen hautnah mit, wo meine Familie auf der Flucht unterwegs war. Wir radelten durch tolle Landschaften und hatten auch heute nach 80 Jahren die Probleme mit Sand und tiefem Untergrund- wie auch der Flüchtlingskonvoi. Die Fluchtroute führte ja fast ausschließlich über Nebenstraßen, um eventuellen Militärfahrzeugen auszuweichen. Ich habe Dinge- oft sehr emotional- erlebt, mit denen ich nicht rechnen konnte. Ich bin wider Erwarten in Kier und Pußtawam auf deutsche Spuren gestoßen. Und ich habe durch diese Tour Kontakt mit einem der letzten Zeitzeugen, ´ Gottschick Andreas bácsi`, bekommen. Er war immer wieder mal bei meinen Eltern und Großeltern zu Besuch – ich wusste aber nicht, dass er damals bei der Flucht der Semlaker dabei war. Mein Bruder Konrad und ich haben nie erfahren, warum mein Großvater nach dem Krieg in Österreich geblieben ist – er hatte bei seiner Flucht doch eine Landwirtschaft zurückgelassen. Und mein Großvater konnte nicht wissen, dass der rumänische Staat 1947 alle Agrarflächen verstaatlichen würde.
Herr Gottschick wusste eine Antwort darauf – aber das ist eine andere Geschichte.
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Ein Kuriosum deutscher Nachkriegsgeschichte – die Ostpriesterhilfe betreute zwei Jahrzehnte lang deutsche Heimatvertriebene mit Kapellenwagen
Von Richard Guth
Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach verfügt seit April diesen Jahres über eine neue Ausstellung: Sie zeigt die ersten Jahre der deutschen Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und aus Ost- und Mitteleuropa. Durch exemplarische Darstellung von Ankunft und allmählicher privater und beruflicher Integration der Heimatvertriebenen in Hessen, die zeitweise ein Viertel der Bevölkerung stellten( in manchen ostdeutschen Landkreisen / Bezirken bis zu 50 %), erhalten die Besucher einen vielschichtigen Einblick- auch in den Alltag in der neuen, oft „ kalten” Heimat der Vertriebenen aus Plankenhausen / Győrsövényháza und Leyden / Lébény, dem ungarischen Referenzgebiet der Ausstellung.
Die Ankunft der Heimatvertriebenen hatte auch Konse-
16 quenzen für das konfessionelle Bild: So siedelten sich katholische Sudetendeutsche im bis dahin evangelisch-lutherischen Marburger Land an oder evangelische Tolnauer Schwaben in den katholischen Dörfern des Bistums Fulda in Osthessen. Das Zusammenleben gestaltete sich nach Augenzeugenberichten nicht zuletzt aufgrund der konfessionellen Unterschiede nicht immer einfach. Die Neuankömmlinge katholischen Glaubens fanden in den evangelischen Dörfern naturgemäß keine kirchliche Infrastruktur vor. Die Ostpriesterhilfe( heute Kirche in Not) unter der Leitung des flämischen Paters Werenfried van Straaten nahm sich der Aufgabe an, die Heimatvertriebenen mithilfe von sogenannten Kapellenwagen- Sattelzügen mit Zugmaschinen oder Omnibussen- besetzt mit einem Fahrer und zwei Priestern seelsorgerisch zu betreuen. Die Kapel-