wo ich meine Kindheit verbrachte. In dieser Gasse( früher die „ Daitschenstroß“) ist auch die Semlaker Torwartlegende Helmut Duckadam aufgewachsen.
Und jetzt ging es los auf der Fluchtroute: Vorbei an der alten Mühle und dem Friedhof fuhren wir auf der ehemaligen `Sandstraße ´ Richtung Norden, überquerten die Landstraße, passierten die letzten Sonnenblumenfelder und näherten uns Deutsch-Pereg. Hier hatte der Konvoi 1944 über einen Feldweg die unbewachte ungarische Grenze überquert. Das trauten wir uns jedoch nicht! Wir fuhren über Kleinpereg / Peregu Mic- bis zum Etappenziel des ersten Tages- nach Alt-Petschka / Pecska. Cristina Tomut hatte uns in Alt-Petschka bei „ Emanuela Apartment“ ein sehr schönes Apartment gebucht. Zum Dank luden wir Cristina und Radu am Abend ins Restaurant „ Terasa Sofia“ ein – die Mititei( Mici) waren hervorragend.
Mit dem Wetter hatten wir großes Glück – bis auf den NW-Wind. Wir hatten durchwegs heiteres Wetter mit bis zu 34 °. Die Prognose hatte noch eine Woche vorher bis zu 40 ° vorausgesagt. Tatsächlich hatte es eine Woche vor unserem Start in Semlak 41.9 °( im Schatten).
Am Sonntag war unser erstes Ziel Turnu. Hier überquerten wir die rumänisch-ungarische Grenze und holten in Battonya das Frühstück nach. Dann radelten wir weiter über Tótkomlós und Mezőhegyes bis Orosháza. Bei der( telefonischen) Suche nach einer passenden Übernachtungsmöglichkeit komme ich drauf, dass die Ungarn kaum gängige Fremdsprachen beherrschen. Auf meine Frage „ Sprechen Sie Deutsch oder do you speak English?“ bekomme ich immer die Standardantwort: „ Nem, magyarok!“ Aber hier in Orosháza ergänzte die Vermieterin: „ Si unpuzin de romaneste!“ Na also! Das ging auch! Im Restaurant des „ Zigeunerbades“(!) gab es hier sogar eine Speisekarte auf Rumänisch.
Ich hatte entdeckt, dass es in Orosháza eine Mol-Tankstelle geben soll. Also machten wir uns auf die Suche. Von meinen vielen Fahrten durch Ungarn wusste ich, dass es bei Mol-Tankstellen einen herrlichen Cappuccino gibt – wie in Italien. Das ist noch immer so- und war jeden Tag ein „ must have“!
Wir starten die 3. Etappe mit einem Frühstück bei der `Mol ´! Die Etappe führt uns auf tollen Radwegen immer wieder durch herrliche, große, blühende Sonnenblumenfelder nach Szentes und dann weiter über die Theiß nach Csongrád und Kiskunfélegyháza.
Am 4. Tag fängt alles wie üblich mit herrlichem Wetter an. Wir fahren über Jakabszállás bis Orgovány. Einige Kilometer später versinkt die Asphaltstraße buchstäblich im Sand, einem feinen lockeren Sand wie z. B. an der italienischen Adria in Jesolo. Hie und da quält sich ein PKW im Schritttempo durch diesen losen Sand. Radfahren ist praktisch unmöglich – wir schieben die Räder. Soweit das Auge reicht – überall tiefer Sand!
Nach 6 km erreichten wir endlich wieder Asphalt und belohnen uns in Akasztó mit kühlen Getränken, um anschließend unsere Fahrt auf einem herrlichen Radweg nach Solt fortzusetzen. Nach wenigen Kilometern überqueren wir die Donau und erreichen nach 102 km Dunaföldvár. Bei der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit landen wir in „ Rozmaringos Udvarház“( Rosmarins Herrenhaus) – einer museumsähnlichen Panzió mit einem römischen Garten. Unser Abendessen genießen wir in der „ Halászcsárda“ mit einem herrlichen Blick auf die Donau.
Der Semlaker Flüchtlingstreck gönnte sich nach der geglückten Überquerung der Donau in Németkér( Kier) und in Pusztavám( Pußtawam im Schildgebirge) jeweils eine mehrtägige Pause. Man fühlte sich westlich der Donau schon einigermaßen sicher vor der Roten Armee. Und man hatte auch die leise Hoffnung, dass es der deutschen Armee gelingen würde, die Rote Armee zurückzuschlagen. Dann wollte man natürlich gleich wieder nach Hause zurückkehren. Diese Hoffnung ging leider nicht auf.
In diesen beiden Dörfern lebten damals jeweils über 2.000 Deutsche – die Mehrzahl wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben. Diejenigen, die aber einen ungarischen Familiennamen annahmen, konnten angeblich bleiben. Ich war mir sehr sicher, in Google auf Spuren dieser Deutschen zu stoßen. Aber leider … zu meiner Enttäuschung fand ich gar nichts.
Am Mittwoch, unserem 5. Tag am Rad, starten wir Richtung Kier und landen nach 2 km Asphalt auf einem Feldweg mit mehreren cm tiefem Staub( wie seinerzeit im Sommer in Semlak). Das Fahren mit dem Rad ist schwer, aber doch möglich. Wir rutschen im tiefen Staub ordentlich hin und her und kommen dann endlich nach 13 km vor Kier wieder auf festen Boden.
In Kier ließ ich eine ältere Frau mit ihrem Urenkerl über die Straße und grüßte sie mit „ Jó napot!“. Sie lächelte mich an und erwiderte „ Grieess Gott“! Und sie ergänzte noch: „ bissi daitsch!“ Für eine Unterhaltung reichte es jedoch nicht. Sie zeigte mit der Hand aber auf das `Községháza ´( Gemeindehaus) und sagte immer wieder: „ da! da!“ Eine jüngere – deutschsprechende- Frau im Gemeindehaus verband mich dann mit ihrer ehemaligen Deutschlehrerin, Frau Agnes Szauer( ihre Urahnen kamen aus Aschaffenburg), einer Hobbyhistorikerin. Agnes hatte vor kurzem ein Haus im Ort gekauft. Bernhard und ich besuchten Agnes bei unserer Weiterfahrt und Agnes wollte alles über meine Familie und die Flucht wissen. Beim Rundgang durch das Haus habe ich dann festgestellt, dass dieses Haus( und auch noch andere im Ort) gleich angelegt war wie die Häuser bei uns in Semlak. Die „ fedderst Stub“ war z. B. eine Kopie von jener meiner Tante in Semlak.
Froh über diese nette Begegnung radelten wir weiter und kamen nach Cece, einem Zentrum des mittelungarischen Melonenanbaus.
Um die Mittagszeit machte uns jetzt täglich ein heftiger Wind aus NW zu schaffen. Es kostete uns viel Kraft, dagegen anzukämpfen. Bei der Unterkunftssuche hatten wir in Kalóz und Aba kein Glück, also mussten wir – trotz des starken Windes – bis Stuhlweißenburg weiterfahren- bis wir nach 101 km im Hotel Szarcsa endlich ein Zimmer- sogar mit Wellness- fanden. Bernhard und ich beschlossen, hier einen Ruhetag einzulegen und unsere strapazierten Muskeln mit einer Massage zu verwöhnen.
Gut erholt setzen wir am Freitag- dem 7. Tag- unsere Tour fort und kommen sehr bald ins mittelungarische Hügelland. Auf dem Radweg geht es über Bodajk hinauf nach Moor und wenige km weiter nach Pußtawam. Andreas Gottschick- 93( ein Zeitzeuge) kann sich noch gut erinnern, dass die Semlaker hier 14 Tage geblieben sind und den Einheimischen bei der Kukuruz-Ernte geholfen haben. Einige Männer haben auch in der örtlichen Kohlengrube geholfen. Andreas Gottschick war damals 13 Jahre alt und
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