Sonntagsblatt 2/2025 | Page 14

sche Minderheit. Es ist zu befürchten, dass ihre Zahl trotz verschiedener Unterstützungsmaßnahmen und programme weiterhin sinken wird. Dazu trägt auch die wirtschaftliche und politische Lage in Ungarn bei, denn viele, die sich für ihre Kinder eine andere Zukunft wünschen, wählen ein deutschsprachiges Land als neue Heimat – und tragen dadurch ebenfalls zur Schrumpfung der Ungarndeutschen bei.
In meinen nachfolgenden Beiträgen habe ich mir ins Auge gefasst, die in der Statistik aufgelisteten Siedlungen vorzustellen, damit die Leser sie näher kennen lernen.

UNTERWEGS AUF OPAS FLUCHTROUTE 1944

Von Josef Szarvas
Ich bin Josef Szarvas, 73, geboren in Semlak nahe Nadlac / Nagylak. Mit knapp 11 Jahren durfte ich mit meiner Familie – im Rahmen einer Familienzusammenführung – zu meinen Großeltern nach Österreich auswandern.
Zur Vorgeschichte: Rumänien hatte bis Sommer 1944 ein enges Militärbündnis mit dem Deutschen Reich. Die wehrfähigen deutschen Männer wurden überwiegend in die deutsche Armee eingezogen, auch unser Vater. König Michael I. setzte am 23. August 1944 den Regierungschef Antonescu ab und Rumänien verbündete sich sofort mit den Alliierten und hier speziell mit Russland. Damit war die in Rumänien lebende deutsche Volksgruppe mit einem Schlag angefeindet und lief Gefahr, beim Vormarsch der Roten Armee( von Ost nach West) misshandelt und sogar nach Sibirien verschleppt zu werden.
Am 14. September 1944 erschien ein deutscher Wehrmachtsoffizier begleitet von drei Soldaten in Semlak. Einer der Soldaten war Martin Schütt aus Semlak. Sie hatten von ihrem Vorgesetzten in Wien den Auftrag bekommen, nach Semlak zu fahren und die deutsche Bevölkerung zur Flucht zu bewegen. Der heranrückenden russischen Armee waren Gerüchte über Misshandlungen, Vergewaltigungen und mögliche Verschleppung von Deutschen vorausgeeilt.
Am 15. September 1944 setzte sich der Flüchtlingskonvoi mit ca. 80 Pferdewagen mit deutschen Familien Richtung Westen in Bewegung- mit dabei meine Großeltern Maria und Josef Schäffer und meine Mutter Eva Szarvas
14 geb. Schäffer. Es waren aber praktisch nur Beriner( Ostsemlak) dabei. Die Gubaschen( Westsemlak) waren der Meinung, dass sie nicht flüchten müssen, weil sie mit den Nazis nix am Hut hatten – das rächte sich allerdings im Jänner 1945, als viele der daheimgebliebenen Gubaschen nach Sibirien verschleppt wurden. Nicht alle überlebten dieses Abenteuer.
Georg Schmidt( der Mann meiner ersten Lehrerin in der Volksschule in Semlak) hat die Geschichte der Flucht der Semlaker mit Berichten von Zeitzeugen der Flucht niedergeschrieben. Ende Dezember 2018 bekam ich diese Fluchtgeschichte zugespielt und wusste sofort: Den Weg der Semlaker Flüchtlinge werde ich mit dem „ Bizigli“( Fahrrad, Red.) nachfahren – das wurde für mich eine Herzensangelegenheit. Die Umsetzung dauerte aber, auch wegen der Coronakrise, bis Sommer 2024. Mein Freund Bernhard begleitete mich – ein zweiter Freund musste krankheitsbedingt absagen.
Das Abenteuer beginnt.
Durch die `Banater Post` wusste ich, dass ´ Spier Transporte` aus Ingolstadt Personen und Pakete nach Rumänien bringt – „ Biziglis“ auch, wie Herr Spier mir versicherte.
Am Freitag dem 19. Juli 2024 um 23.30 h beginnt unser Abenteuer am Westbahnhof in Wien. Ein alter, weißer Sprinter fährt vor. Es steigen sechs Erwachsene und zwei große Hunde aus. Herr Spier( sein Großvater wohnte auch in Semlak und dessen Bruder war der `Palwira ´ unseres Großvaters) und seine Helfer schafften es, unsere Fahrräder und unser Gepäck noch in dem hoffnungslos überfüllten Laderaum unterzubringen. Jetzt konnte es endlich losgehen!
Am Samstag um 5.50 h Ortszeit erreichten wir Semlak und luden vor der Evangelischen Kirche AB in der ´ Großen Gasse ´ aus. Begrüßt wurden wir bei unserer Ankunft von einem herrlichen blutroten Sonnenaufgang. Pünktlich um 7 Uhr trafen wir bei meinen Freunden Cristina und Radu Tomut ein, die uns mit einem feinen Frühstück begrüßten.
Nach einer kleinen Dorfrundfahrt bis hinunter zur Marosch fuhren wir auch an meinem Elternhaus in der „ Newrscht Gass“ vorbei( Semlak 430 – heute ´ Strada Nemteasca 90`),