ge seien sie dann in der St. Stephans-Siedlung in Griesheim gelandet: Die Tochter wuchs bereits hier auf und hat die Veränderungen miterlebt, allen voran die Versiegelung und das Zupflastern von Straßen und Gehwegen. Einige Bewohner seien weggezogen, viele aus der Erlebnisgeneration verstorben, aber es leben noch viele Nachkommen der Heimatvertriebenen hier in der Siedlung, was zweifelsohne deren Attraktivität beweist.
Und da fällt ein Begriff, den ich an diesem Nachmittag noch öfters hören werde: Spargel. Denn Landwirtschaft sei auch hier nicht aus dem Alltag der „ Dorf” bewohner wegzudenken gewesen: Jedes Haus habe über einen Gemüsegarten verfügt, man habe Nutztiere gehalten und auf den Feldern hinter der Siedlung Spargel angebaut( dieser wird immer noch angebaut): „ Mein Großvater wollte eigentlich Weinstöcke pflanzen, aber der sandige Boden bot keine guten Voraussetzungen – so blieb man beim Spargelanbau”, so die Frau. Das bestätigt ein anderer Alteingesessener, der mit dem Fahrrad an mir vorbeifährt: „ Da drüben, wo diese Lagerhalle steht, dort hatten die Bewohner- genossenschaftlich organisiert- ihre Lagerhallen für Obst und Gemüse gehabt.” Ich will wissen, ob es noch viele Ungarndeutsche gebe in der Siedlung, was mit der Handbewegung Richtung Halle und dahinter bestätigt wird.
Den offensichtlichen Wandel, der dennoch stattgefunden hat und die Bevölkerungszusammensetzung veränderte, zeigen die ausländisch klingenden Namen auf den Klingelschildern, die Passanten, die aus allen Herren Ländern stammen, und die anschließenden Gespräche. Es gibt etliche Hauseigentümer und Mieter, die durchaus um die Herkunft der Siedlung wissen, auch wenn nicht eingehend. So
ein Mann vermutlich türkischer Herkunft, der auch auf die Bedeutung des Spargelanbaus hinweist.
Oder ein Großvater, der gerade sein Enkelkind aus der Kita abholt – anfangs etwas zögerlich beginnt er von der Familiengeschichte zu erzählen: Von den Eltern, die 1948 aus der Branau nach Zwickau in der Sowjetisch Besetzten Zone vertrieben worden seien( wo immer noch die Hälfte der Familie lebe), aber bald „ rübergemacht” hätten- in den Schwarzwald: „ Dadurch hat sich der Kreis geschlossen, da die Vorfahren der Familie, die als freie Bauern dort gelebt hatten, irgendwann nach Ungarn verfrachtet wurden.” So gelangte in Folge die Familie nach Griesheim, in die St. Stephans-Siedlung. Man habe den Kontakt in die Branau stets gepflegt, als Beweis für die zahlreichen Verwandtschaftsbesuche sagt der Mann zum Schluss noch ein-zwei kurze Sätze auf Ungarisch.
Aber auch bei der erstgenannten Frau sei der Kontakt zur Urheimat nie abgebrochen: So sei sie 1977 zum ersten Mal in der Branau gewesen, danach mehrfach. Für die Mutter sei Ungarn stets Heimat geblieben, auch wenn sie bereits 1933 Ungarn verlassen hat. Dies habe sich mit zunehmenden Alter sogar auch im Bestreben widergespiegelt, die ungarische Sprache zu sprechen, obwohl zu Hause nur deutsch( bzw. früher Mundart) gesprochen worden sei.
So nehme ich am Vertreibungsdenkmal gegenüber der St. Stephanskirche Abschied von der Siedlung. Es bleiben viele neue Erkenntnisse und Einblicke in diese einst kleine schwäbische Welt in Hessen, die im Verborgenen bis heute noch diesen Charakter bewahrt hat.
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