Sonntagsblatt 2/2021 | страница 9

zu reproduzieren , denn dagegen hätte ich mich in der instinktiven Erkenntnis , dass es damit endgültig aus ist , ganz sicher aufgelehnt . Meine Eltern haben mich nicht für eine Nostalgie programmiert . Und auch nicht darauf getrimmt , mir im Trümmerhaufen meiner Volksgruppe Wege einzuschlagen , die mich als irgendein Funktions- oder Würdenträger – wenn auch nur finanziell , aber doch – glücklich machen könnten . Ich bin meinen Eltern dafür dankbar , dass ich fähig gemacht worden bin , als ein Deutscher in Ungarn ( ohne in eine Zeitkapsel zu schlüpfen ) fortbestehen zu können .
Jetzt kommen meine Kinder mir nach , die mit den Möglichkeiten und aus den Bedingungen , die ihre , unsere Zeit ihnen beschert , das Beste machen wollen , was jetzt möglich ist . Nur steht ihnen ebenfalls jene Hürde als eine Mauer , die in allen Richtungen bis zum Horizont führt , im Weg , die in ihrem zarten Alter als ein unbezwingbares Hindernis erscheint . Diese Mauer trägt den Namen : Einsamkeit .
Man wird sein ganzes Leben durch gewiss Mistrauen , Argwohn und Unverständnis dafür ernten , dass man sich zu jemandem gemacht hat , der von der Masse abweicht . Die Frage erübrigt sich , ob ich das für meine Nachkommen wünsche , diesen Weg entschlossen zu gehen : Sie sind scheinbar bereits an der Mauer , die sie für sich einreißen oder bald an ihr ein schmales Tor finden , zu dem sie einen Schlüssel in der Hand haben , um in die Gesellschaft von außen her einzutreten , um ihren Platz – wohl am Rande – zu finden .
Vom Rand her wird einem allerdings eine bessere Sicht gewährt als von der Mitte , zu der die Massen tummeln und sich drängen , wo Intrigen und Machtkämpfe gefochten werden , ohne mehr an den einfachen Sinn des Ganzen noch überhaupt zu denken … Alleine die Einsamkeit ist jener harte Brocken , den man mit sich schleppt , wenn man statt des Lebens aller anderer sein eigenes Leben lebt . Aber man trägt dadurch etwas davon mit , was die anderen längst verloren , ja weggeschmissen haben .
Ein „ Schwabendorf ” für uns , „ Ungarndeutsche ” wird es nicht mehr geben : nicht in diesem Land . Ob wir auf eine Art zusammenfinden , um durch die Errungenschaften und Angebote unserer Zeit aneinander näher zu rücken , um wenigstens virtuell zu erfahren , wer ( noch ) mit uns hält , ist eine Möglichkeit der Zukunft . Damit wir wenigstens über das Internet einander die Frage in den Raum stellen : „ Wie geht ’ s Dir ? Was machst Du am anderen Ende der Welt ?” Übereinander halt zu wissen und zu erfahren , wenn wir keine Nachbarn mehr sein können und werden . Eins ist sicher : Wenn wir unsere Isolation hinnehmen , sind wir endgültig verschlungen – und es bleibt nur noch jene Feiertagstrachtengruppe von uns übrig , deren Produktion kaum einen bleibenden Eindruck mehr hinterlassen kann …
Der schweigende Vorsitzende
Von Richard Guth
Jetzt werden wieder diejenigen mir ins Gesicht springen , die der Ansicht sind , dass ich die Dinge beim Namen nennen sollte . Ich werde aber wieder entgegnen , dass ich hier auf Phänomene hinweisen und nicht einzelne Personen ins schlechte Licht rücken möchte , die ja bekanntlich auch nur Menschen sind , die heute und da - eingebunden in Strukturen - handeln und sicher versuchen , ihr Bestes zu tun .
SoNNTAGSBLATT
Stellen wir uns den Vorsitzenden einer deutschen Nationalitätenselbstverwaltung vor , der sich viel vorgenommen hat und vieles bewegen möchte . Er berichtet einem Pressevertreter - in diesem Falle mir - gegenüber über Pläne , die in der nahen Zukunft umgesetzt werden sollten - eigentlich über freudige Nachrichten , die uns alle betreffen - jedenfalls auf der Ebene eines positiven Vorbildes für jene , die noch nicht so weit sind . Das Gespräch , auf Ungarisch , wobei ich selber nicht zu Deutsch als Sprache der Kommunikation gedrängt habe ( sondern der nackten Realität entsprechend beide angeboten habe ), verläuft auf Augenhöhe und man würde es als äußerst angenehm beschreiben . Man vereinbart , sich in anderthalb Monaten über das in Aussicht gestellte Großprojekt der Selbstverwaltung auszutauschen .
Anderthalb Monate später geht eine Kurzmitteilung raus . Keine Reaktion ! Anruf ! Keiner geht ran . Man wartet wieder einige Wochen , man will ja nicht aufdringlich sein gerade in Corona-Zeiten , die ja unseren Alltag ganz schön umgekrempelt haben .
Wenige Wochen später ein erneuter Anlauf , diesmal über E-Mail ! Vergebens ! Man wird dennoch fündig , denn es folgt in einem anderen Presseorgan der Bericht über das Großprojekt . Irgendwie schön zu lesen , denn es ist wirklich erfreulich , was im Artikel steht , jedenfalls auf der Oberfläche , aber jeder verdient eine Chance . Die Hoffnung , dass man doch seine Chance bekommt , stirbt bekanntermaßen zuletzt .
Nochmal Wochen des Wartens ! Jetzt der Versuch über eine gemeinsame Bekannte und gleichzeitig über die Facebook-Seite der Selbstverwaltung ! Dank Messenger-Dienste sieht man , dass die Nachricht auch angekommen ist und gelesen wurde . Ob auch wahrgenommen , das steht auf einem anderen Blatt . Vielleicht gar nicht ! Eine Antwort erhalte ich auf die Anfrage immer noch nicht .
Gedanken auf Gedanken - man versucht den Fehler bei sich zu suchen . Nicht die richtige Ansprache gewählt ? Doch zu aufdringlich gewesen ? Oder liegt es doch an was anderem ? Gerade in diesem unseren - politisch gesehen - Grabenkämpfeland , denn wehe , wenn man nicht auf derselben Seite steht ! Auch wenn nur privat , was ja jedem sein gutes Recht ist oder sein sollte ! Wir beim Sonntagsblatt versuchen eigentlich das Unmögliche , nämlich unterschiedlichen Meinungen eine Plattform zu bieten , fernab der Parteipolitik ( auch das ist in durchpolitisierter Öffentlichkeit und durchpolitisiertem Pressewesen ganz schön schwierig ).
Die Frage bleibt dennoch , bei all den Spekulationen : Warum schweigt der Vorsitzende ? Sollte es normal sein , dass er schweigt ? Wo bleibt die Rückkoppelung zum Wahlvolk , in diesem Falle über die Presse als Plattform ?! Diese Fragen kratzen ganz schön am Grundsätzlichen des Selbstverwaltungswesens der hiesigen Nationalitäten . Und weiter : Ist denn das 1995 proklamierte Ziel sich selbst zu verwalten und autonom zu sein überhaupt umgesetzt worden ? Haben wir die materielle , personelle und geistige Unabhängigkeit in einem durch und durch zentralisierten Gemeinwesen , wo der Staat den Großteil der Mittel zur Verfügung stellt , um uns selbst zu verwalten ? Geld scheint vorhanden zu sein ( ob für große Sprünge , bleibt dahingestellt ), Institutionen in immer größerer Zahl auch – aber sind wir , Deutsche in Ungarn dadurch von Gewicht ? Oder gar in der Lage , selbstbestimmt zu agieren ? Dann : Wie sollte sich eine deutsche Selbstverwaltung definieren ? Als bloße Programmorganisatorin , Verwalterin von Schulen oder wahre Interessensvertreterin ? Zumal im Besitz eines eigenen , wenngleich ziemlich eigenwillig erscheinenden Abgeordneten im Hohen Haus . Was , wenn dabei das nötige Gewicht fehlt ? Wenn man als Angehöriger der Minderheit das Gefühl hat , nicht mitgenommen zu werden ?! Oder als Presse ( hobby ) vertreter außen vor gelassen zu werden ? Wie definiert sich eine / die ungarndeutsche Öffentlichkeit ? Und vor allem : Wann bricht der Vorsitzende endlich sein Schweigen ?
9