Sonntagsblatt 2/2021 | Page 10

Was bedeutet eigentlich Autonomie ? Grundsatzfragen aus gegebenem Anlass
Von Dr . Jenő Kaltenbach
Bei der letzten Wahl wurde Emmerich Ritter zum ungarndeutschen Abgeordneten des ungarischen Parlaments gewählt . Theoretisch würde das bedeuten , dass er die Interessen der Gemeinschaft im Gesetzgebungsorgan des Landes einbringt und vertritt . Nun sehen Beobachter schon lange , dass Herr Ritter sich von seinen Kollegen in der Regierungsfraktion überhaupt nicht unterscheidet . Er benimmt sich , als ob er Mitglied der Regierungsfraktion wäre . Kenner der Verhältnisse behaupten , dass er weder vor einer Abstimmung die Meinung der Gemeinschaft einhole noch Rechenschaft über sein Abstimmungsverhalten ablege . Dies würde - bei wohlwollender Betrachtung - bedeuten , dass er davon ausgeht , dass die Interessen der Gemeinschaft deckungsgleich mit jenen der Regierung sind .
Dies wirft die Frage auf , wie eigenständig bzw . autonom eine Gemeinschaft in einer demokratischen Gesellschaft sein darf ? Die prompte Antwort lautet : im Rahmen der verfassungsrechtlichen Ordnung total . Dies gilt für jede Art von Gemeinschaften , einschließlich einer nationalen Minderheit . Sie kann Organisation , Personal , Finanzen usw . frei bestimmen und ihre Meinung über öffentliche Angelegenheiten frei gestalten und auch nach außen vertreten .
Es gibt dazu mehrere Beispiele nicht nur im Westen mit einer längeren demokratischen Tradition , sondern auch in manchen Neudemokratien des Ostens . In Rumänien zum Beispiel gibt es eine Dachorganisation der Madjaren und in der Slowakei mehrere madjarische Parteien , die sich genauso selbstständig und selbstbewusst benehmen wie diejenigen der Mehrheitsnation . Ihren Abgeordneten im dortigen Parlament käme es nie in den Sinn sich bis zur Unkenntlichkeit der jeweiligen Regierung anzubiedern - ihre Wähler würden sie dafür auch bestrafen .
So eine , zwar eher zarte Tradition gab es zwar noch in Zeiten der K . u . K . -Monarchie auch in Ungarn , aber danach nicht mehr . Der tragische Held des Ungarndeutschtums , Jakob Bleyer , war der letzte , der eine Art Semiautonomie versuchte , aber kläglich scheiterte .
Ritters Benehmen und dessen Duldung seitens der LdU folgen aber der verheerenden Tradition der Unterdrückung durch die nationalistisch gesinnte ungarische politische Elite . In der ethnisch monolithischen ungarischen Gesellschaft wird eine Eigenständigkeit einer nationalen Minderheit anscheinend nicht gewünscht , ja nicht geduldet . Oder ist das nur die falsche Annahme seitens der Minderheit ? Ist dies , nach so vielen Jahren der Unterdrückung , der fehlende Glaube daran , die Feigheit , etwas Neues auszuprobieren , sich als politisch erwachsen und nicht als Bittsteller zu betrachten ? Für Herrn Ritter ist die Antwort anscheinend einfach : Anzubiedern , „ Abstimmungslieferant “ zu sein zahlt sich mehr aus als nach den Interessen der Gemeinschaft zu fragen und sie mutig zu vertreten .
Aber dient das Anbiedern auch dem Wohl der Gemeinschaft oder nur Herrn Ritter und seinen Gesinnungsgenossen ? Man sollte diese Frage mal stellen und auch versuchen zu beantworten , solange eine mehr oder weniger eigenständige ungarndeutsche Gemeinschaft noch existiert . Damit würde man möglicherweise nicht nur der ungarndeutschen Gemeinschaft , sondern auch der demokratisch gesinnten ungarischen Gesellschaft einen Dienst erweisen .
Wird die ungarndeutsche Zukunft ungarisch geschrieben ?
Das Gefühl , wenn bei einem Verwirrung hoch Drei herrscht
Von Richard Guth
In der vergangenen Nummer des Sonntagsblattes war mir wieder Nörgeln zumute , es klang so ( ich habe dabei drei Erlebnisse reflektiert , beim vorliegenden Fall geht es um das dritte in der Runde ): „ Der dritte Fall ist eigentlich nur deshalb interessant , weil sich in diesem Zusammenhang die Frage stellt , was für uns , frei nach Donald Johann Trump , an erster Stelle stehen soll . ( Er pflegte in diesem Kontext den Begriff „ first ”, also zuerst , zu benutzen .) Ist das Deutsch oder Ungarisch , wenn ich zum Beispiel in Form einer durchaus ansehnlichen Heimseite ( Homepage ) vor die Öffentlichkeit trete ? Müsste eigentlich nicht die deutsche Version zuerst da sein und dann erst die ungarische ?! Warum denken wir aber - oder viele von uns - , dass es andersrum „ natürlicher ” wäre ? Hat das damit zu tun , dass im Kreise der unter 40Jährigen die Muttersprache zu 80 % ( wenn nicht mehr Prozent ) das Ungarische ist ? Und ? würde ich entgegen ! Interessant wäre in diesem Zusammenhang einen Blick auf die madjarischen Gemeinschaften in den Nachbarländern zu werfen – ich glaube dabei kaum , dass dort zuerst die slowakische oder rumänische Version der Internetseite ins Netz geht , sondern eher beide gleichzeitig . Da kommen um den Fortbestand der genannten Minderheitengemeinschaften besorgten Zeitgenossen aber immer gerne mit dem Hinweis , es sei eine ganz andere Entwicklung gewesen und die Madjaren in den Nachbarländern seien ursprünglich Ungarn gewesen und wir nie Deutsche . Ein netter Versuch der Vernebelung , denn eines muss uns bewusst werden : Wir bestimmen darüber , wie Ungarndeutsch mit Inhalt gefüllt wird . Selbst die großzügigste oder wie man in Ungarn sagt „ mustergültigste “ Minderheitenregelung vermag es nicht , Sprache , Identität , Kultur und Brauchtum der Volksgruppe zu bewahren , zu fördern oder was auch immer , wenn deren Mitglieder nicht gewillt sind , diese Rechte zu nutzen , was durchaus bedeuten kann , dass man über seinen Schatten springt oder - wie es Patrik SchwarczKiefer treffend formuliert - seine Komfortzone verlässt . „ A megszokás nagy úr “, sagt man im Ungarischen , also „ nichts ist mächtiger als die Gewohnheit “, ein Spruch , den man dem römischen Epiker Ovid zuschreibt also eine ziemlich alte Binsenweisheit . Das Schöne ist dennoch , dass der Mensch jederzeit fähig ist , sich zu verändern . Man muss nur die Gelegenheit ergreifen . Daher : Nur zu !“
Nun habe ich insgeheim gehofft , dass die drei Monate , die ja zwischen den einzelnen SB-Ausgaben liegen , Wunder wirken . Und vor allem , dass ich auf meine Anfrage bezüglich des Warums eine Antwort erhalte gerade von Menschen , die jung und dynamisch sich für eine ungarndeutsche Zukunft einsetzen . Dabei bin ich durchaus ein Realist und weiß , dass man in unserer schnelllebigen Welt vieles übersieht , die Nachricht eines kleinen Presseorgans wie des Sonntagsblatts sowieso . Daher startete ich Mitte April einen erneuten Versuch , diesmal in Form einer E-Mail . Die sollte bestimmt ankommen , dachte ich mir . Ich kriege darauf bestimmt eine Antwort . Fehlanzeige ! Also noch einmal : die Internetseite einer namhaften ungarndeutschen Organisation , die sich um junge Menschen kümmert , ohne deutschsprachige Internetseite ! Und seit Monaten keine Bewegung in der Sache !
Es stellt sich durchaus die Frage , an wen sich eine solche Seite richtet . Will sie Außenstehende über die Organisation informieren oder die Mitglieder selbst ? Oder beide Gruppen ? Wenn Außenstehende im Fokus stehen , dann verstehe ich nicht , warum man Nichtungarischsprachige per se ausschließt . Wenn Mitglieder , gar Multiplikatoren , angesprochen werden sollen , wo bleibt dann die Vorbildfunktion der Seitenmacher ?! Soll denn die ungarndeutsche Zukunft nicht deutsch geschrieben werden oder mindestens zweisprachig ?!
Fragen auf Fragen , bislang ohne Antworten . Dabei sorgt der Blick auf die Facebook-Seite der Organisation ganz schön für Verwirrung . Diese ist nämlich akkurat zweisprachig , sogar tendenziell deutschsprachig ( mit vielen geteilten Inhalten ). Da stellt sich wirklich die Frage , wozu eine Internetseite dann noch gebraucht wird und noch dazu eine einsprachig ungarische . Merkwürdig ! Vielleicht sollte ich doch anrufen . Bei aller Liebe fürs Moderne !
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