Sonntagsblatt 2/2021 | Page 5

die haben Kinder gehabt und einen kleinen Wagen , aber nichts anderes . Den Gyomaendrődern hat man gesagt , wenn sie der Partei beitreten , der Kommunistischen Partei , dann erhalten sie den Besitz der Schwaben . Die sind ganz grob vorgegangen …
SB : Es muss ein wahres Trauerspiel gewesen sein .
Sz . A .: Die haben gesagt , also das Haus , das Haus , das Haus möchte ich , will ich haben ! Und es ist sogar vorgekommen , dass die Schwaben noch im Haus waren und die Ungarn schon drin waren . Oder , wie ich das schon erwähnt habe , hat man im August 1945 damit angefangen , die Leute aus den Häusern rauszuschmeißen . Eine liebe , alte Freundin , die ist 92 Jahre alt , hat erzählt , dass sie fröhlich vom Weingarten gekommen war , als man ihr in der Straße gesagt hat , beeil dich , die Kommission ist schon bei euch . Sie hat damals nicht mal gewusst , was das ist . Sie ist Jahrgang 1928 , sie war gerade mal 17 geworden . Sie kam an und die Kommission war hinten im Hof und im Stall und hatte vom Pferdewagen bis zu den Pferden alles schon auf die Liste gesetzt . Ihr ist es ganz schlecht geworden , vor lauter Verzweiflung umarmte sie den Birnbaum im Hof . Und die Mutter hat sie dann grob angeschrien – wahrscheinlich hat sie andeuten wollen , dass man dafür jetzt keine Zeit habe - und hat zu ihr gesagt : „ Komm ne ( nur ), Lischka , wir müssen packen !“ Und dann haben sie durch die vorderen Zimmerfenster einige Sachen rausschmuggeln können , Bettwäsche und so was . Die Familie musste zu der Tante ziehen . „ Stell dir vor , Agi , da war schon der Ungar mit dabei , der in unser Haus hat einziehen dürfen . Der Vater - das ungarische Familienoberhaupt - war schon da . Er ist schon im Haus geblieben , jedoch ist seine Familie erst später nachgezogen . Mein Vater ist dann in der Nacht noch rein und hat vom Dach ein paar Sack voll Mehl und Mais runtergeholt und der Ungar saß mucksmäuschenstill im Zimmer drin und hat sich nicht zu rühren getraut “ – fügte Lischka noch dazu . Aber es gab auch noch schlimmere Sachen . Die Deutschen waren noch im Haus , sie wussten zwar , dass sie raus müssen , sie waren aber noch daheim , als der Ungar angekommen ist . Er ist reingegangen , hat sich umgeschaut und hat so richtig lauthals den Deutschen angeschrien : „ Warum haben Sie so große Stallungen hier gebaut ? Hätten Sie doch das Haus neu bauen können !“ Dann hat der Deutsche gesagt : „ Hätten sie noch zwei , drei Jahre gewartet , dann hätte ich das Haus auch geschafft .“ Bis Ende 1946 sind rund 1000 „ neue Einwohner “ eingetroffen !
SB : Inmitten so viel Chaos und Verwirrung , wer ist im Dorf geblieben ?
A . Sz .: Wer ist geblieben ? Vor allem die Ärmeren ! Nach Donaufeldburg sind auch die geflüchtet , die was hatten - die was haben befürchten können . 1947 sind auch die Vertriebenen aus der Slowakei angekommen , bis 1948 waren es 60 Familien ( 170 Personen ), von denen sind später mehrere zu Verwandten in andere Gemeinden weitergezogen . Zum Teil waren sie auch mit den ihnen zugewiesenen Häusern nicht zufrieden - es waren ja meist schon die ärmeren Häuser , die reicheren waren ein Jahr vorher schon vergeben . Meine Mutter hat ihren Vater schon 1943 verloren , das heißt , sie waren mit ihrer Mutter 1947 im Haus ohne Mann und für sie war das Leben wichtig - also sie sind geflüchtet . Meine Mutter hat es mir so erzählt : “ Agi , wir haben die Werktagskleider angezogen und nicht die Sonntagskleider , die noch vom Vortag am Kleiderhaken hingen . Es war Montag in der Früh , ich habe meine Mutter angezogen ( Anm .: die Oma war Invalide ) und wir sind in den Wald und haben alles dagelassen im Haus “. Mein Großvater war in Amerika , dort hat er sein Vermögen verkauft und ist zurückgekehrt . Mit dem Geld hat er sich in Kier ein Haus , einen Gemischtwarenladen und eine Milchhalle gekauft . Vor lauter Aufregung und riesengroßer Angst haben die zwei Frauen nur um ihr Leben gebangt - an nichts anderes gedacht . Sie haben die Kasse im Geschäft dagelassen . Und dann haben sie noch Goldketten gehabt , die der Großvater mitgebracht hat aus Amerika . Alles haben sie dagelassen . Alles ! Und bis sie dann wieder zurückgekommen sind ins Haus , da sind paar Monate vergangen . Da war das Haus leer , Möbel und andere Gegenstände sind verschwunden , die Leute haben es geplündert .
SoNNTAGSBLATT
SB : Hast du Vermutungen , wer für die Plünderungen verantwortlich war ?
A . Sz .: Es ist ganz egal , wer das gemacht hat , wahrscheinlich war alles zugelassen . Meine Familie hat dann von nichts gelebt - praktisch . Meine Mutter war Schneiderin . Ihre Mutter hat gekocht und meine Mutter hat dann genäht . Tag und Nacht ! 1953 hat sie geheiratet . Dann haben meine Eltern beantragt , das Haus zurückkaufen zu dürfen ... das Haus , was eigentlich der Familie meiner Mutter gehörte .
SB : Lass mich dich kurz unterbrechen . Eine Frage stellt sich mir bei der ganzen Geschichte : Wussten denn die Menschen in Kier , wo sie hinkommen würden ? Also war es weit verbreitet , dass , wenn sie ausgesiedelt werden , dass sie in die Ostzone kommen ?
A . Sz .: Nein , nein , nein ! Auf keinen Fall ! Die ersten Transporte sind in die amerikanische Zone gekommen . 1945 im Januar ging es ja zur „ kleinen Arbeit “ in die Ukraine . Das haben die Leute gewusst , dass diese Mädchen bzw . auch Männer nach Russland verschleppt worden sind und sie fürchteten sich vor diesem Schicksal . 1946 war es eindeutig , dass die Kierer gedacht haben , dass sie nach Russland kommen , unterwegs haben die Aufseher , die sie begleitet haben , das waren Polizisten , die haben - eine Frau hat das so formuliert - dann so schön magyaris gesagt : “ Svabahba mennek “. Sie meinten Schwabach bei Nürnberg . Da sind sie zum Teil hingekommen . Da war so ein Verteilerbahnhof und da hat man sie Richtung Norden und Osten verteilt . Die Kierer haben nicht gewusst , was dieses „ Svabah “ sein sollte , weißt du ?
SB : Natürlich , ohne Atlas und Google Maps .
A . Sz .: Das hat ihnen auch nichts gesagt . Und 1947 auch auf keinen Fall . Die haben gar nicht gewusst , wohin es geht . Die Männer sind früher aus dem Dorf rausgekommen , sie haben den Ersten Weltkrieg mitgemacht . Die haben dem Ortsnamen nach gewusst , dass es jetzt Richtung Tschechoslowakei – Tschechien - geht und Richtung russische Zone . Die nach Westdeutschland im Jahr 1946 gekommen sind , die haben es gewusst , dass es in Kier zu der nächsten Welle gekommen ist .
SB : Hat die Information die Kierer erreicht ?
A . Sz .: Stell dir vor … Wie die Information gegangen ist , weiß ich nicht , aber ich habe so ein kleines Tagebuch von einem Kierer gelesen , er hat es in Schwabach geschrieben : „ 1947 , September , es ist wieder zur Aussiedlung gekommen in Kier …“. Die wussten es anscheinend . Dann kam es zur Kontaktaufnahme und solange es ging , siedelten viele aus der Ostzone zu den Kierern in der Westzone über , einige wurden sogar schwarz über die grüne Grenze geschmuggelt .
SB : War es nicht ein Grund für das Verstecken der Kierer , dass sie diesem Schicksal entrinnen wollten ?
A . Sz .: Ja , die haben ihr Hab und Gut behüten wollen , weißt du ? Wie gesagt , waren die , die flüchteten , eher wohlhabend . Die haben einen Pferdewagen beladen , einige schon nach Donaufeldburg Waren geliefert , es geschah im Sommer , Spätsommer , August . Sie haben nicht damit gerechnet , dass sie auch auf die Liste kommen , doch haben sie sich gefürchtet , weil sie ihre Häuser schon verlassen mussten . Wer weiß , wie sie dann doch bleiben konnten , haben sie die Notare oder die anderen bestochen ? Ich weiß nicht , gesprochen wurde früher darüber nie . In den letzten Jahren hatte ich immer das Gefühl , offen war da niemand zu mir ; auf die Fragen kamen meist keine ehrlichen Antworten . Ich meine heute , sie haben einfach ihr Hab und Gut nicht da lassen wollen . Sie haben viele Felder gehabt und ein Haus … aus dem Haus sind sie rausgeschmissen worden , aber doch hofften sie , dass sie ihre Felder noch behalten können . Dann war aber auch dieser Traum vorbei , die Felder haben die neuen Hausbesitzer bekommen . Haus und Hof , Hab und Gut !
( Fortsetzung auf Seite 6 )
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