Sonntagsblatt 2/2021 | 页面 4

SB : Aber letztendlich hast du dich doch beworben …
A . Sz .: Ich habe mich beworben , da hat man eine Deutsch-Russisch-Lehrerin gesucht , ich habe diese Fächerkombination gehabt und es war damals schon eine sogenannte Nationalitätenausbildung . Ich habe gedacht , warum nicht , das kann ich auch machen . Ich habe mich dort wohlgefühlt , habe mich eingearbeitet , habe wirklich viel gemacht , viel-viel Neues auch - und zum Glück habe ich gute Kollegen gehabt . Ich habe nie große Bedenken gehabt ; wo ich welche gehabt habe , da bin ich einfach nicht hingegangen . Ich war 15 Jahre an der Hochschule . Ich habe viele Leute begleitet , Projekte gestartet , Partnerschaften initiiert .
SB : Was du erzählt hast , ist recht interessant , weil man schön sieht , dass es auch Gewissensentscheidungen waren , wie du deine Karriere aufgebaut hast , dass du immer dorthin gegangen bist , wo du das Gefühl hattest etwas bewirken zu können .
A . Sz .: Ursprünglich war es vorgesehen , dass ich in Kier als Lehrerin für Deutsch-Russisch arbeite . Während meiner Zeit in Ödenburg war ich noch immer mit einem Fuß in Kier . Mein Vater verstarb mit 56 Jahren unmittelbar danach , als ich in Ödenburg angenommen wurde , so reiste ich fast jedes Wochenende nach Hause . Die letzten 10 Jahre habe ich sogar ein Haus dort ... ich hänge sehr an Kier . Nicht , weil es so interessant ist , sondern weil es halt Kindheit , Familie und Erinnerungen sind .
SB : Diese Gefühle kann ich nachvollziehen . Das bleibt , wie ‘ s aussieht auch in anderen Generationen so …
A . Sz .: Ja , ich glaub schon . Viele aus meiner Generation fühlen nicht so , aber ich habe noch Freunde von der Kindergartenzeit , muss ich ehrlich sagen . Und nun ...? Ich glaube , du hast auch eine Frage gestellt mit Identität - und da habe ich nachgedacht , woher das wohl kommt .
SB : Genau ! Ich habe gefragt , wie es kam , dass du über eine solch starke Identität und Sprachkenntnisse verfügst ?
A . Sz .: Alle meine Freunde waren schwäbischer Abstammung , ausgenommen einen Stockungarn . Mit allen haben wir noch heute Kontakt . Wir wissen voneinander , treffen uns auch ab und zu . Das ist auch interessant , dass wir diese Freundschaften weiter gepflegt haben . Solange die Eltern gelebt haben , haben wir uns auch in Kier getroffen , obwohl - ausgenommen einen - wir alle schon weg aus Kier sind . Wir hingen alle an dem Dorf und an der gemeinsamen Kindheit . Wir sind gemeinsam in den Kindergarten gegangen und dann kam die Schulzeit . Weißt du , wir waren alle anständige und gute Schüler . Irgendwie haben wir das mit auf den Weg bekommen von den Eltern : anständig sein , brav sein , lernen . Ich würde nicht sagen , dass wir zielstrebig gelernt haben , sondern es hat sich halt so gehört . Du hast gelernt , du hast mitgemacht - wir haben an Wettbewerben , an Fachzirkeln und Veranstaltungen teilgenommen . Und das ist alles so eine Gemeinschaft oder Mannschaft gewesen ... Damals habe ich das in der Schule so empfunden : Wir sind die Schwabenkinder , die nach dem Unterricht da geblieben sind , zu der Deutschstunde und zur Religionsstunde . Untereinander haben wir uns gut verstanden . Unsere Eltern waren zwar keine engen Freunde , aber jeder wusste von jedem etwas , sie kannten sich alle gut . Also die Identität war nicht geprägt und nicht offen formuliert , aber das war in uns drin . Weißt du , wir haben fast die gleichen Familiengeschichten gehabt . Meine Mutter , ihre Familie wurde von der Vertreibung sehr hart getroffen . Erst musste ihre Schwester mit Mann weg , beim zweiten Mal kam die Mutter mit ihrer Mutter auch dran . Der Großvater , der Szauer-Großvater hat das irgendwie verrichten können , dass sie nicht raus mussten . Die waren zwar auch auf der Liste und die Kommission war bei ihnen und hat ein Inventar auflegen wollen . Dann ist der Großvater zum Gemeindehaus gerannt und hat das erledigt . Wie ? Das weiß ich nicht . Er hat sogar einen Zettel mit Stempel und Unterschrift bekommen - damit wurde es bestätigt , er stünde nicht auf der Liste . Die waren beide Schwaben , meine Eltern , alle Verwandten waren Schwaben , also die Schwester von meiner Mutter oder die
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Schwester von meinem Vater , wenn die gekommen sind , haben sie untereinander deutsch geredet . Also es war in mir drin , dass wir halt Schwaben sind , aber in Kier hast du damit nicht geprotzt . Ich habe immer gesagt , in Kier hat das höchste Amt ein Schwabe erreicht , der als Brigadier in der LPG gearbeitet hat . Verstehst du ? Alle anderen Posten haben Ungarn besetzt , die Schwaben sind nicht dazu gekommen . Die Schwaben haben harte Schicksalsschläge erleben müssen . Also nicht nur meine Mutter , aber die anderen auch , die haben sich überhaupt nicht getraut aufzumucken .
SB : Wie hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung von Kier nach der Vertreibung verändert ?
Sz .: Ja , das war schlimm . 1945 kamen schon von der Tiefebene die ersten Familienoberhäupter aus Endrőd , Gyomaendrőd heißt die Ortschaft heute , damals waren es zwei Ortschaften . Da hat man die Leute angeworben . Wortwörtlich ! Die sollen nach Kier bzw . Transdanubien kommen , weil da haben die Schwaben das Dorf verlassen , und , und , … du kennst die Geschichten . So sind die Ersten 1945 im Sommer schon gekommen , sie wurden herumgeführt im Dorf und durften sich die Häuser auswählen . Das heißt , 1945 im August hat man die ersten Schwabenfamilien aus ihren Häusern rausgeschmissen , es wurde eine Inventur gemacht , alles genauestens aufgeschrieben , was sie besitzen , was sie da lassen müssen . 1946 kam es dann zu der ersten Vertreibung , das war im Mai , da waren – man sagt es so - solche auf der Liste , die im Volksbund waren . Der harte Kern ist schon 1944 im Herbst in organisiertem Rahmen nach Deutschland mit den letzten Soldatenzügen …
SB : Geflüchtet ?
A . Sz .: ... raus . Vor den Russen geflüchtet ! Kimlinger und Kierer fuhren mit dem Zug aus Cece ( Nachbargemeinde ) Richtung Deutschland ab . Sie haben dann in Dresden die Bombardierung miterlebt . Und sie sind , das waren so 40-45 Leute , zurückgekommen im Sommer 1945 nach Kier . Die waren zum Teil die Ersten , die 1946 im Mai mit denen aus Kimling / Dunakömlőd wegmussten . Eine lange Liste war kurz vor der zweiten Vertreibung schon rausgehängt und die 1047 Menschen mussten am 5 . Juni weg . Dank einem mitfahrenden Pfarrer stehen uns die genauen Listen zur Verfügung . Mehrere hundert Leute mit einem einzigen Zug sind aus Kier wegtransportiert worden ! 1947 , am 1 . September , an einem Montag kam es zu der unerwarteten dritten Welle . Also einen Tag nach den Wahlen am 31 . August , Sonntag , da man groß getrommelt hat in Kier , die Schwaben müssten keine Angst mehr haben , es wird nicht mehr zur Vertreibung kommen . Am Abend ist die Jugend – so auch meine Mutter - sogar zum Ball gegangen . Und nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe kamen die Polizisten , haben das Dorf umringt , es kamen Lastkraftwagen und die Polizisten haben schön akribisch der Reihe nach alle abgeklappert im Dorf , die auf der Liste standen , und haben sie aufgefordert sich innerhalb von zwei Stunden fertigzumachen mit ihrem Gepäck . In der Nacht sind noch viele geflüchtet . Die Kierer haben sehr gute Kontakte gehabt zu den Donaufeldburgern gehabt , sie sind auf Umwegen Richtung Donaufeldburg / Dunaföldvár geflüchtet . Laut Erzählungen sind circa 270 Leute in Donaufeldburg untergekommen . Die haben sich dort irgendwas gesucht , meist ein Zimmer oder eine Scheune oder sowas . Die anderen , wie meine Mutter auch , die sind geflüchtet in den Wald . Zum Bahnhof nach Nagydorog sind so ca . 120 Leute gebracht worden , sie sind in die Ostzone gekommen . Es waren insgesamt 1800 Einwohner , die das Dorf haben verlassen müssen . Das ist eine riesengroße Zahl , wenn man bedenkt , dass die Einwohnerzahl 1941 , also nach der Volkszählung , bei nahe 3000 lag , dann kannst du dir vorstellen , was der Rest , diese paar Hundert haben anfangen können .
SB : Leider schon …
A . Sz .: Da kamen in diesen Jahren aus Gyomaendrőd ganz , ganz viele Familien ( 172 mit 780 Familienmitgliedern ). Das waren meist sehr arme Leute , die keinen Besitz gehabt haben . Meine Mutter hat immer so bisschen kritisch und zynisch gesagt , also
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