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Selektion „ schlechter “ und „ guter “ Ungarndeutscher
Die Deportation der deutschstämmigen Zivilbevölkerung aus Ungarn 1944 / 45 zur Zwangsarbeit – eine Rezension *
Von Dr . Johann Till
Die Frage von Reparationsforderungen der Alliierten nach Kriegsende tauchte bereits 1943 auf , als die Niederlage des Dritten Reiches und seiner Verbündeten bei Stalingrad sich abzeichnete . Die Sowjetunion formulierte ihre Vorstellung Anfang 1944 von mehreren Millionen Zwangsarbeitern auf eine zehnjährige Dauer . Da die Briten und die US-Amerikaner an der Konferenz in Jalta im Februar 1945 , wo die Alliierten über die Nachkriegsordnung Europas konsultierten , die Idee von Zwangsarbeitern als Wiedergutmachung nicht guthießen , ist man auf den sowjetische Plan zwar nicht eingegangen , hat ihn aber stillschweigend akzeptiert . An letzter Stelle des Kapitels über Wiedergutmachung im Konferenzprotokoll von Jalta heißt es lapidar , „ Inanspruchnahme deutscher Arbeitskräfte “ - womit die Rote Armee bereits sechs Monate vor Kriegsende , im November 1944 , eigenmächtig begonnen hatte : mit der Deportation von Zwangsarbeitern aus der Zivilbevölkerung im östlichen Europa ( Ungarn , Rumänien , Tschechoslowakei , Bulgarien ).
Wie kam es , dass zur Reparationsleistung aus den Feindstaaten der Sowjetunion vorzugsweise Angehörige der deutschen Bevölkerung ausgehoben wurden , die als Minderheiten im politischen Prozess der Vorbereitung und Ausführung der Aggression ihrer Heimatländer gegen die Sowjetunion doch keinerlei Mitsprache hatten ? Dies traf besonders auf die ungarndeutsche Minderheit zu , deren politische Partizipationsmöglichkeit - insbesondere in der hier relevanten Außenpolitik - nahe Null war . Die Antwort auf diese Frage , die von verschleppten Ungarndeutschen ( nicht öffentlich ) schon früh in vorhaltungsvollem Ton hörbar wurde , hat die ungarische Geschichtsschreibung lange ignoriert . Die in den Nachkriegsjahrzehnten entstandene Tabuisierung der schwabenfeindlichen Repressionen ( Vertreibung , Verschleppung , Auseinandersiedlung , Verdrängung von Sprache und Identität ) machten sich auch die Historiker weitgehend zu Eigen . Die junge ungarische Historikerin Beate Márkus lichtet in ihrem fundierten Werk auch in dieser Frage den zähen Verdrängungsnebel ( S . 59 ff ), wonach die Sowjets ausschließlich auf die Auslieferung von ungarndeutschen Zwangsarbeitern beharrten . Ein Brief des sowjetischen Außenministers an den britischen Botschafter in Moskau erschließt eine andere Narrative : „ In der Verantwortungs- und Reparationsfrage bezüglich Ungarns Pakt mit Hitler-Deutschland und die daraus verübten Plünderungen , Morde und unzähligen Gewaltakte in den besetzten Gebieten der Sowjetunion , muss nicht nur die ungarische Regierung , sondern mehr oder weniger auch das ungarische Volk Verantwortung tragen .“ Von einer ethnisch deutschen Präferierung („ nur deutsche Arbeitskräfte “) ist darin nicht die Rede . Dementsprechend gingen auch die sowjetischen Armeeinheiten beim Vorrücken in die Karpatoukraine ( Ruthenien ) und in den Nordosten Ungarns beim Ausheben von Zwangsarbeiten vor : Sie trieben die arbeitsfähigen Männer und Frauen magyarischer Nationalität genauso zusammen und luden sie in die Deportationszüge , wie die von deutscher oder rumänischer . Diese Vorgehensweise änderte sich schlagartig , nachdem zahlreiche Protest- und Bittbriefe von Familienangehörigen ethnisch magyarischer Verschleppter beim Innenminister und den zuständigen Landräten eingingen und Innenminister Erdei darauf Anfang Januar 1945 Kontakt mit dem Hauptquartier der sog . Ukrainischen Front der Roten Armee aufnahm und eine Übereinkunft zur Einstellung der Aushebung von Magyaren bewirkte . Die Intervention Erdeis im Sinne der Verschonung des eigenen ( magyarischen ) Blutes , hatte Erfolg ( S . 126 ff ). Die darauf erfolgte Anweisung Innenminister Erdeis in seinem Erlass vom 5 . Januar zielte darauf ab , dass nur mehr Ungarndeutsche zur Zwangsarbeit gezwungen werden sollten : Ethnische Magyaren wurden verschont . Erst in diesem Kontext erschließt sich dem Leser der „ blut-infiltrierte “ Titel des Buches : „ Nur ein Tropfen deutsches Blut “, wird aus einer Verlautbarung eines hochrangigen Frontoffiziers der Roten Armee nach der Intervention von Innenminister Erdei zitiert : Nur Personen , in deren Adern auch nur ein Tropfen deutsches Blut fließe , sollen auf die Verschleppungslisten gesetzt werden . Magyarisches Blut wurde fortan verschont . Dass dies dennoch nicht ganz gelang , lag daran , dass die sowjetischen Frontsoldaten die Nationalitätenzugehörigkeit wenig interessierte . Ihnen ging es nur um junge , gesunde Arbeitskräfte , unabhängig von deren Nationalität . Hauptsache , die Sollzahl der angeforderten Zwangsarbeiter wurde erfüllt . Das wird gut aus der Tatsache erkenntlich , dass die Rote Armee bei ihrem Eindringen in Siebenbürgen Rumänen , Deutsche und Magyaren gleichermaßen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportierte . Der emotionalisierende Titel des Buches – „ Nur ein Tropfen deutsches Blut “ - klingt zwar plakativ , vermittelt aber die falsche Botschaft , als hätten die Sowjets versessen darauf gepocht , bei der Erfüllung ihrer Reparationsforderung , nur deutschstämmige Arbeitskräfte zu akzeptieren . Der Eindruck ist falsch , was sich bei der Lektüre erschließt . Aus ungarischer Sicht sollte bei der Bestimmung zur Deportation innerhalb der deutschen Volksgruppe eine Selektierung nach Gesinnung das entscheidende Kriterium sein , nicht das „ Blut “, das heißt , nicht die Abstammung .
Die Empörung und das Trauma in Ungarn waren groß , weil nicht nur Deutsche , sondern anfangs auch junge Magyaren für Zwangsarbeit in der Sowjetunion beansprucht wurden . Den Ausweg aus dem Dilemma zeigten die Rumänen auf , deren eigennationale rumänische Landsleute zunächst auch zur Reparationsarbeit verschleppt wurden . Im Waffenstillstandsvertrag vom September 1944 vereinbart die rumänische Regierung in einem geheimen Zusatzprotokoll mit den Sowjets , dass Rumänien die Reparationsforderung mit der Auslieferung von Rumäniendeutschen als Zwangsarbeiter begleicht . Den Vorgang hat der rumänische Ministerpräsident Iliescu zu Beginn der 1990er Jahre auf einer Großveranstaltung in Kronstadt mit Worten des Bedauerns als Fehler der damaligen Regierung eingestanden . Ungarischerseits erfolgte nie eine ähnliche Erklärung . Zur Entlastung von der Mitverantwortung bemüht man nach bewährter Praxis - die stets von außen erzeugte Zwangslage der damaligen politischen Führungen des Landes .
Die Autorin weist in diesem Zusammenhang auf eine historische Kontinuität der ungarischen Minderheitenpolitik von der Zwischenkriegszeit bis zur Durchführung der Deportationen hin , die bis heute von der Forschung übergangen werde . Die selektive Auslieferung der Ungarndeutschen zur Zwangsarbeit firmiere in der heimischen Historiographie verräterisch nur unter der russischen Bezeichnung „ malenkij robot “. Hätte die ungarische Regierung bei der ethnisch orientierten Auswahl der deutschen Verschleppungsopfer nicht proaktiv mitgewirkt , wäre dieser sprachliche Vernebelungsversuch überflüssig . Gebraucht haben ihn wohl während der Aktion sowjetische Soldaten . Die heimgekehrten Verschleppten berichteten , dass sie den Begriff „ malenkij robot “ während ihrer Deportationszeit nie benutzten , ja gar nicht kannten . Die geschichtliche und umgangssprachliche „ Kanonisierung “ der Bezeichnung habe 1990 der ungarische Historiker Miklós Füzes in seinem Interviewband zum Thema der Verschleppung initiiert ( S . 34 ). Die bereitwillige Kooperationsbereitschaft der ungarischen Verwaltungsbehörden bei der Deportation der Schwaben führt die Autorin auf deren deutschfeindliche Einstellung Ende 1944 zurück , als sich im Rahmen von Erdeis Deportationsverfügung die Möglichkeit ergab , Teile der unerwünschten deutschen Volksgruppe loszuwerden , womit
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