Sonntagsblatt 2/2021 | Page 25

– und das ist ja unser Thema – die Integration der Angelis und der Ungarndeutschen in Lützen vor so vielen Lützenern deutlich machen konnte – immerhin waren wir neun Jahre zuvor noch die „ ungarischen Zigeuner ”!
Von diesem Tag an war der Herr Direktor H . wie ungewandelt mir gegenüber ; ich stieg in seiner Gunst , das war echt unangenehm ; er sprach freundlich und zugänglich mit mir – konnte ich ihn wirklich so getäuscht haben ( um nicht vera … zu sagen )?
Was aber immer noch nicht in seinen politischen Scheuklappenhorizont hineinpasste – und deshalb fragte er ungläubig mehrmals bei mir nach – war die Tatsache , dass ich als einer der Wenigen ( zwei oder drei Schüler der Klasse ) direkt zum Studium immatrikuliert wurde , ohne vorher die fast obligatorische und ideologisch geforderte eins-zwei Jahre Arbeit ( billige Hilfskräfte ) in der „ sozialistischen Produktion ” in irgendeinem Großbetrieb ableisten zu müssen .
Falls noch von Interesse : Direktor H . trieb seinen politischen Fanatismus so auf die Spitze , dass Elternbeirat unter der Führung der örtlichen Ärzteschaft ein Jahr später seine Versetzung erreichte , natürlich wie bis heute üblich bei diesen Typen , „ nach oben ” in das Institut für Lehrerbildung , dort konnte er dann endgültig sein „ Vorlesen ” halten . Dieser politische Druck , den dieser Schuldirektor auf uns Jugendliche ausübte , erreichte im Endeffekt das strikte Gegenteil . Er führte bei den meisten von uns , bei mir aber ganz eindeutig , zu einer lebenslangen politischen Antihaltung gegenüber der diktatorischen kommunistischen Ideologie – eine Erkenntnis , die von Pädagogik und Erziehungswissenschaft schon immer gelehrt wurde und nach wie vor gilt .
Nun aber genug über uns Schüler in der Phase der Integration , schauen wir wieder zurück , auf die allgemeine Entwicklung der Gesamtheit der Isszimmerer Ungarndeutschen . Je älter die erwachsenen Personen waren , umso stärker blieb die Bindung untereinander erhalten und wurde durch zahlreiche gegenseitige Besuche auch gepflegt , während sich die Kinder und Jugendlichen immer mehr und immer schneller in die neue Gesellschaft eingliederten .
Für die Erwachsenen waren die langersehnten Reisen ( natürlich visumspflichtig ) nach Ungarn , nach Isszimmer zur Verwandtschaft und deren Gegenbesuche Anfang der 1960er Jahre endlich wieder möglich . Das waren die Highlights für meine Eltern , auf die hin das ganze Jahr geplant und gespart wurde . Nun waren sie wieder Halb-Ungarn und Halb-Deutsche , also Ungarndeutsche oder besser Deutschungarn .
Ereignisse wie den Ungarnaufstand 1956 verfolgte mein Vater mit Tränen in den Augen am Radio ( siehe oben ). Aber auch ich war noch 1954 ein großer Fan des ungarischen Fußballs und litt sehr unter der Niederlage der ungarischen Traumelf im WM-Endspiel von Bern gegen Deutschland . Noch heute kenne ich die Namen der damaligen ungarischen Spieler und war hocherfreut , als ich Anfang der 90er Jahre Ferenc Puskás ( eigentlich Franz Purczfeld , Red .) bei einem Journalisten-Treffen in Rotenburg an der Fulda ( Nordhessen ) treffen und ein Autogramm erhalten konnte . Wie tief der Schmerz dieser unglücklichen Niederlage nach immerhin 66 Jahren bei mir immer noch sitzt – obwohl ich inzwischen ein glühender Fan des deutschen Fußballs und der deutschen Nationalmannschaft bin – zeigten sich in den letzten Monaten , als in den Medien anlässlich des 100 . Geburtstages des damaligen deutschen Spielführers , Fritz Walter , Reportagen und Dokumentarfilme liefen . Viel emotionaler kann heute auch kein ungarischer Fußballfan dieser einmaligen ungarischen Traumelf nachtrauern .
Wie kann das sein ? Hatte das Land Ungarn uns nicht enteignet , vertrieben und unserer Heimat beraubt ?
SoNNTAGSBLATT
Wo der Mensch geboren wurde , wo seine Ahnen gelebt haben und begraben liegen , dorthin wird er innerlich immer verbunden bleiben , selbst wenn er sich über Jahrzehnte immer mehr davon löst , indem er sich in der neuen Umgebung integriert , wird diese innere Verbundenheit nie ganz verloren gehen – das habe ich in über 80 Jahren nicht geschafft und werde , ja , will es auch nicht bis zu meinem Lebensende schaffen .
Darüber hinaus sind wir und bin auch ich stolz darauf , wie erfolgreich die Eingliederung der Vertriebenen aus Isszimmer in der neuen Heimat gelungen ist , sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands und darüber hinaus , wie ich es von Schulkameraden aus Isszimmer persönlich weiß , auch u . a . in den USA . Die Generationen nach uns werden nur über mündliche Überlieferung über diese dramatischen Umwälzungen erfahren und nie mehr so empfinden können wie wir , die es erleben mussten . Darum das Wichtigste aufzuschreiben und zu dokumentieren und damit weitergeben an Söhne und Enkeln , sehe ich deshalb als unsere vorrangige Pflicht , auch unseren Müttern und Vätern , unseren Ahnen gegenüber .
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Eine Bitte des Autors : Wer kann mir Hinweise geben zu den folgenden Personen ?
Joannes Georgius Angele / i aus Nagydém ( um 1735 ), Romand / Románd ( 1738 ), Peterd / Péterd , Gerisdorf / Gyirót ( Bakony ) und seiner Ehefrau Catharina und ihr Sohn Mathias ( geb . 26 . 4 . 1738 Gerisdorf / Gyirót und eventuell Sohn Franziscus Xaverius Angele ( geb . um 1730 in ?, wohnhaft in Isszimmer / Isztimér , gest . evtl . 1 . 5 . 1798 Obergalla / Felsőgalla , verh . mit Eva ... ( geb . um 1735 + 19 . 5 . 1798 Isszimmer ) - es interessiert mich , woher diese Personen in die Orte - angesiedelt von Fam . Eszterházy / Linie Csesznek - aus Deutschland oder Österreich gekommen sind . E-Mail an johannes-angeli @ gmx . de .
„ Meinen Glauben und Muttersprache kann mir niemand wegnehmen ”
Die 87-jährige Katharina Binder-Ament berichtet teils im Elsässer Dialekt , teils auf Hochdeutsch über ihr Leben
Für die Veröffentlichung bearbeitet von Richard Guth Vorbemerkungen
Im Januar erreichte mich über einen langjährigen Kollegen und Weggefährten ein Brief aus der Tolnau , adressiert an mich . Absender der Sendung war Katharina Ament , geborene Binder , wohnhaft in Hedjess / Hőgyész , Geburtsort unseres vor anderthalb Jahren mit 92 verstorbenen Freundes Franz Wesner . Frau Ament ist 1934 in Perin / Diósberény geboren und feierte in diesem Monat Juni ihren 87 . Geburtstag . Anlass für sie , sich an mich zu wenden , war mein Artikel über das Elsass , das in Nummer 4 / 2020 erschienen ist . Die Familie von Frau Binder-Amend stammt nämlich aus dem Elsass und spricht noch den alten Dialekt – Grund genug , um sie zu bitten , ein wenig über ihr Leben zu berichten , am besten im Dialekt . Das Ergebnis können Sie folgend lesen .
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Ich haß Khadi Ament . Mein Mann ist starwa 2012 Jahr . Ich wohn alla in eim Familienhaus . Hun an Sohn und a Tochtr . Drei Englki-
( Fortsetzung auf Seite 26 )
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