Sonntagsblatt 2/2021 | Page 24

27 Jahre DDR-Zahnarzt reicht gerademal um mit der Hälfte der Gesamtsumme meine Krankenversicherung momentan bezahlen zu können – da könnte man schon ins Grübeln kommen ; erst recht aber diejenigen Mitschüler , die nach dem Abi ein langjähriges Studium im Ingenieurswesen und anderen hochqualifizierten technischen Berufen auf sich nahmen , aber im langersehnten vereinten Deutschland auf Grund des neueinsetzenden wirtschaftlichen Umbruchs schnell arbeitslos waren und oft wegen ihres Alters ohne Perspektive dastanden .)
Sicher ist schon deutlich geworden , dass ich ein besonders gespanntes Verhältnis zum Direktor H . hatte . Mit den Jahren mutierte ich langsam aber sicher zu seinem „ Lieblingsschüler ”, dem sein besonderes Augenmerk galt . In den ersten beiden Schuljahren hatte ich noch Ruhe vor ihm . Da ich ja Lützener war , kamen ihm örtliche Vorkommnisse zu Ohren . Als mein Onkel Béla bei der „ Republikflucht ” ( in die BRD ) erwischt wurde und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde , stellte er komische Fragen und mein 65-Mark-Schulstipendium wurde gestrichen . Dass ich fast täglich vor dem Schulunterricht aus der katholischen Kirche ( Messdiener ) kam , war – trotz Religionsfreiheit in der DDR – schon suspekt , zumal sich in der Kirchengemeinde ein lebendiger Jugendkreis ( siehe oben ) etabliert hat .
Während des Ungarnaufstandes 1956 wollte unser Gegenwartskunde-Lehrer ( wie erwähnt , wir waren nur Jungen in der Klasse ) die aktuellen Ereignisse mit Verdrehungen und Unwahrheiten der staatspolitischen Doktrin getreu darstellen und nahezu aufzwingen . Da aber mein Vater allabendlich den freien Sender Radio Budapest im Original mit großer Empathie und oft mit Tränen in den Augen hörte und mir dolmetschte , war ich sowohl ebenso ergriffen als auch direkt genau informiert . Als der linientreue Lehrer gar behauptete , dass die Aufständischen nur über die österreichische Grenze eingeschleuste Saboteure und Agenten seien und sich dabei anschreibend zur Schultafel umdrehte , sagte ich , von so viel Lügnerei gereizt , laut in den Raum hinein : „ Da müssen sie aber viele eingeschleust haben !” „ Wer war das ?”, drehte er sich sofort fragend um . Großes Schweigen , alle duckten sich weg ; ich - ziemlich erschrocken - natürlich auch . In der folgenden Schulstunde hatten wir ausgerechnet beim Direktor Geschichtsunterricht und sofort war dieses Vorkommnis Thema , allein schon deshalb , weil alle Staatsfunktionäre nach dem Volksaufstand 1953 in der DDR nichts mehr fürchteten als das eigene Volk und dessen selbstständige andere Meinung . Eigenartig schnell sagte er aber auch : „ Wenn sich hier auch keiner freiwillig meldet , wir wissen schon , wer der Zwischenrufer war !” - und erstaunlicherweise beließ er es auch zukünftig dabei .
Ende 2020 lief im Zweiten Deutschen Fernsehen ( ZDF ) der BRD der Film „ Das schweigende Klassenzimmer ” nach dem gleichnamigen Buch von Dietrich Garstka . Hierin schildert der Autor authentisch seine Erlebnisse , als seine Abiturklasse in Storkow bei Berlin nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956 nach geheimer , gemeinsamer Absprache in der nächsten Geschichtsstunde eine 5-minütige Schweigeminute einlegten . Das führte zu einem riesigen Skandal an der Schule ; Partei und Kreisschulamt wurden eingeschaltet , aber trotz Verhöre und Drohungen aller Art – selbst der Volksbildungsminister der DDR , F . Lange , kam persönlich (!) vorbei und stellte nach Beschimpfungen sein letztes Ultimatum – waren die Rädelsführer nicht zu ermitteln . Niemand wurde zum Verräter . Schlussendlich erklärte der Bildungsminister (!) der DDR alle Schüler der Klasse zu Staatsfeinden und alle wurden zum Abitur nicht zugelassen . Schließlich flohen 15 Schüler und eine Schülerin nach Westberlin , die Grenzmauer war ja noch nicht errichtet , und legten gemeinsam in der BRD ihr Abitur ab . Als schließlich die meisten Eltern mit Geschwistern der Schüler auch noch wegen der nun einsetzenden Repressalien flohen , hatte die DDR nicht nur 16 Schüler verloren !
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Jetzt erst , nach so vielen Jahren , wurde mir richtig bewusst , in welcher Gefahr ich mich durch diesen emotionalen Zwischenruf damals befand . Oder – der Gedanke ist nicht abwegig – hatte der Direktor unserer Schule , der sonst rabiat mit Schulverweisungen vorging , aus Bedenken wegen seiner politischen Reputation in der Partei ( SED ) und Schulamt gegenüber , kein Interesse an einem öffentlichen Skandal ? Oder hatte er gar Kenntnis von dem Vorfall am Gymnasium in Storkow , der dem dortigen Direktor das Amt kostete ? Die DDR-Medien schwiegen natürlich darüber , nur die einzige „ Lehrerzeitung ” der DDR berichtete in einem kleinen Absatz , während es in den westdeutschen Medien nach der Flucht der fast gesamten Klasse ( außer vier Mädchen ) ein Riesenthema war .
Eine weitere Episode : Jeden Montag früh war vor dem Jugendinternat mit den Schüler / innen aller Klassenstufen in Reih und Glied anzutreten zum Hissen der DDR-Fahne unter Trommelwirbel und zum Verkünden der Wochenlosung . Wir Lützener mussten natürlich auch dabei sein , was ich , nicht automatisch durch den Internatablauf wie die Internatschüler erinnert , des Öfteren vergaß . Gleich ob ich keuchend noch hinrannte oder resiginerend gleich im Klassenzimmer blieb , sofort forderte der Direktor von mir Rechenschaft . Die wahre und naheliegendste Erklärung wurde natürlich nicht akzeptiert , sondern laut und deutlich die alte Keule , das zeige meine politische Einstellung , ausgepackt .
Soviel Borniertheit verleitet geradezu zur Revanche ! Nächsten Montagfrüh ging ich zu meinem Hausarzt – Magenprobleme hatte ich ja kontinuerlich – und dann in aller Ruhe in die Schule . Vor versammelter Schulklasse wurde ich vom Direktor H . sofort aufgefordert zu erklären , warum ich wieder beim Appell gefehlt hätte . Ich stammelte bewusst etwas erschrocken : „ Ich war beim Arzt , bei Dr . D .!” Daraufhin verließ er sofort die Klasse und stürmte hinaus – ich wußte ja , jetzt ruft er beim Arzt an – und alle Mitschüler sahen mich erschrocken an . Nach kurzer Zeti kam er wieder und begann , als ob nichts gewesen wäre , mit dem Unterricht . Aber nicht so mit mir ! Ich meldete mich und fragte ganz frech , ob er denn beim Doktor angerufen habe . Nun aber stammelte er ein leises „ Ja , ist gut !” Gut war aber gar nichts , der Kleinkrieg ging weiter .
Geschichte war seit eh und jeh eines meiner Lieblingsfächer ( noch heute zählt neben meinem Garten die Geschichtsliteratur zu meinen Hobbys ). Geschichtslehrer H . wollte mir , natürlich aus all den oben genannten Gründen , keinesfalls die Note 1 geben und so zerrte er mich trotz Notenschnitt 1,3 in die mündliche Abiturprüfung . Während alle anderen Fachlehrer fair ihre Prüfungsthemen zu Prüfungsbeginn ziehen ( losen ) ließen , gab es von ihm vorbestimmte , personengebundene Themen , die er zur Prüfung dem jeweiligen Schüler überreichte . Sofort war mir klar , du bekommst Arbeiterbewegung . Und als er vor der Abiprüfung alle Themenkomplexe wiederholte , aber einen bewusst ausließ , war mir noch klarer , das wird dein Prüfungsthema !
Es gab bei den vielen Prüfungen in meinem Leben kaum eine , wo ich so zuversichtlich hineinging , bestimmt aber keine , wo ich so sicher war , mit der Bestnote herauszukommen . ( Übrigens , das Thema war : „ Die deutsche Arbeiterbewegung 1923 bis 1933 und welche Lehren für heute ziehen wir daraus .”) Das einzig Belastende war , dass ich ausgerechnet als erster Prüfling die mündliche Abiturprüfung an unserer Schule eröffnen musste , belastend deshalb , weil in der großen Aula neben allen Lehrern , dem Schuldirektor H . und dem Prüfungskommissar vom Kreisschulamt sämtliche Honoratioren der Stadt Lützen ( u . a . Bürgermeister , Stadtverordnete , Leiter der Volkspolizei , LPG-Vorsitzender ) zur Eröffnung geladen waren – ein voller Saal von über 40 Personen und ich mit Stuhl und kleinem Tisch einsam davor .
Am Schluss denke ich schon , dass ich durch diesen gelungenen Prüfungsauftritt nicht nur gegen den Willen des Direktors H . meine Note 1 in Geschichte verteidigt habe , sondern damit endgültig
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