liches Gymnasium mit einem vorzüglichen , jungen Lehrerkollegium , das sehr gut jeden Schüler kannte , da es regelmäßig nachmittags in den Internaten zur Aufsicht eingeteilt war . Überhaupt hatten wir nette , persönlich sehr zugängliche Lehrer , die meisten noch relativ jung , so dass sie mit uns pubertierenden Jünglingen recht verständnisvoll umgehen konnten . Kurios und eigenartig war es mir dann schon , als ich in späteren Berufsjahren manchen in Behandlung hatte . Hier in Nordhessen traf ich meinen hierher ausgereisten Deutsch- und Lateinlehrer wieder und unsere Familien wurden enge Freunde mit viel nostalgischen Gesprächen und lustigen Erinnerungen an unsere alte „ Penne ” ( Schule ), nun noch ergänzt mit so manchen interessanten Infos aus dem Lehrerzimmer unserer damaligen Zeit .
Vergleiche hinken ja bekanntlich , aber kurz auf einen Nenner gebracht ( auch aus den Schulerfahrungen meiner Kinder in der BRD ): In den Schulen der DDR gewichtete man die naturwissenschaftliche , in der BRD die sprachliche Ausbildung besonders stark .
Durch die tagtägliche innere wie äußere Konfrontation mit den politischen Zuständen in der DDR war auch besonders auffallend die gesellschaftspolitische Bildung und politische Reife eines jeden DDR-Schülers ; sie waren viel höher und intensiver als wir es hier in der „ alten ” BRD bei Gleichaltrigen erleben und auch bei unseren Azubis feststellen konnten .
Die politische und gesellschaftliche Einflussnahme auf den Schulbetrieb in der DDR war von der ersten bis zur 12 . Klasse ( Abiturjahrgang ) unvergleichlich hoch und wer dem ausweichen oder opponieren wollte , hatte es sehr schwer bis hin zur Ausgrenzung . Wenn dazu das Gymnasium noch von einem fanatischen , stalinistischen Direktor , wie zu meiner Zeit in Lützen , geführt wurde , waren die Auswüchse und Repressalien erschreckend .
Im Folgenden will ich mir durch einige Beispiele anschaulich fassbar machen , was einem heute unfassbar erscheint . Schon am 17 . Juni 1953 , dem Tag des Volksaufstandes – ich war gerade am Ende der Abschlussprüfungen der Grundschule –, fiel mir ein auffällig gut gekleideter Mann auf , der sich eilig durch die Menge der Protestierenden auf dem Marktplatz von Lützen zwängte mit der Bemerkung : „ Jetzt kommen die Ratten aus den Löchern !” Vom Rathausfenster aus machte er dann Fotos , die als Beweismittel so manchem Lützener später langjährige Gefängnisstrafe einbrachten . Ab September des gleichen Jahres hatte ich dann über vier Jahre genug Zeit , diesen doktrinären , politisch fanatischen , jeglicher vernünftiger Argumentation unzulänglichen Typen kennen zu lernen . Als Schüler der Oberschule ( Gymnasium ) der DDR – und erst recht bei diesem Schuldirektor – war die Mitgliedschaft in der FDJ ( Freie Deutsche Jugend ) und in der GST ( Gesellschaft für Sport und Technik ) geradezu obligatorisch .
In den FDJ-Versammlungen war die politische Bildung unter der Dominanz der Staatsdoktrin der DDR bestimmend . Die GST war unter dem Synomym „ Sport und Technik ” bewusst irreführend , weil sie im eigentlichen Sinne nur eine getarnte vormilitärische Ausbildung zum Inhalt hatte . Anordnungen wie „ freiwillige ” Ernteeinsätze , zum Beispiel in den Herbstferien bei der örtlichen LPG zur Rüben- oder Kartoffelernte , kann man ja aus Sicht des kostenlosen Schulbesuchs noch verstehen , weniger vielleicht noch , wie es die Privatbauern früher ohne unsere Hilfe schafften , ihre Ernte rechtzeitig einzubringen . Wer aber als Gymnasiast von Straßenobstbäumen zum Beispiel Äpfel entwendete , wurde wegen Diebstahl sozialistischen Eigentums von der Schule verwiesen .
SoNNTAGSBLATT
Als evangelischer Pfarrersohn lud er öffentlich in Lützen ein zur Diskussion über die Rolle der Religion und Kirche . Wir Schüler der oberen Klassen waren als „ Saalfüller ” natürlich verpflichtet , daran teilzunehmen . Letztendlich hatten wir aber einen überraschenden Spaß , weil ein junger Mann aus Lützen auch teilnahm , der mit stichhaltiger Argumentation Direktor H . vollkommen in die Enge trieb . Da ja bekannterweise diktatorische Typen nicht diskutieren und argumentieren können , wusste sich der Herr unserer Schule nicht mehr zu helfen und beantragte , diesen korrekt auftretenden Diskutanten per öffentliche Hand-Abstimmung des Saales zu verweisen . Unter den strengen Blicken des Herrn Direktors hoben wir betont langsam und missmutig die Hände für diesen miesen Antrag . Nun waren wir wieder unter uns und sozialistisch 100-prozentig einig .
Wie weit es mit seiner politischen und sozialen Uneigennützigkeit her war , kann man auch bei ihm , wie bei so vielen großmäuligen Genossen bis hin zur Regierungsspitze ( siehe Siedlung Berlin-Wandlitz ), erkennen : Als die Firma des erfolgreichen Steinmetzmeisters von Lützen verstaatlicht und sein schönes neugebautes Einfamilienhaus aus bei den Haaren herbeigezogenen Gründen konfisziert wurde , hatte Direktor H . nichts Eiligeres zu tun , als darin skrupellos einzuziehen – ja , wie schrieb der Dichter Heinrich Heine ein Jahrhundert zuvor : „ Öffentlich predigen sie Wasser , heimlich trinken sie Wein .”
Die fachlichen Fähigkeiten des Direktor H . als Geschichtslehrer waren auch so gut wie seine Diskussions ( un ) fähigkeit . Damit wir Schüler nicht merken sollten , dass er nur aus dem Geschichtsbuch vorlas , durfte kein Geschichtsbuch auf unserer Bank liegen . Obendrein begründete er seinen Vorlesungsstil damit , uns so auf die Vorlesungen an den Universitäten vorzubereiten (!?). Was politisch in seine geschichtliche Betrachtungsweise nicht hineinpasste , ließ er einfach entgegen dem Lehrplan aus , so zum Beispiel den amerikanischen Unabhängigkeitskampf gegen England oder den Krieg der Nord- gegen die Südstaaten der USA . Dafür umso mehr Kampf der Arbeiterbewegung oder die Pariser Kommun . Als er über die Niederschlagung der Letzteren referierte – mit Tränen in den Augen laut Mitschüler – macht mein Nachbar eine lustige Bemerkung , so dass ich grinsen musste . Da schmiss er sein Buch hin und brüllte mich an , damit lasse ich meine politische Einstellung erkennen – jegliche Erklärungsversuche waren unmöglich . Bei mündlichen und schriftlichen Vorträgen und Prüfungen durfte , um keinen Notenabzug zu bekommen , keinesfalls der von uns so genannte „ politische Blumentopf ” fehlen , d . h . welche Lehren ziehen wir aus den geschichtlichen Ereignissen für die Gegenwart . Das zu realisieren bei Themen wie Mittelalter , Interregnum , römische Geschichte u . a . bedurfte schon eines gewaltigen Spagats an Einfallsreichtum bis hin zur Lächerlichkeit .
In der 11 . und 12 . Klasse hatten wir Schüler auch noch besonderes Pech . Jeweils in den Ferien flüchteten unsere Klassenlehrer in die BRD . Im Rahmen einer Art Selbstkasteiung und um sein Gesicht vor der Kreisschulleitung zu wahren , übernahm Direktor H . zusätzlich diese Klassenleiterfunktion – unsere Begeisterung kannte keine Grenzen !
Los ging es gleich damit , dass sich möglichst alle Jungen – wir waren auf seine Initiative hin eine reine Jungenklasse – zur beruflichen Offizierslaufbahn verpflichten sollten . Erklärend muss man hier hinweisen , dass die DDR erst nach dem Mauerbau am 13 . 8 . 1961 die allgemeine Wehrpflicht einführen konnte , da man sonst noch mehr junge Flüchtlinge in Richtung BRD „ produziert ” hätte . So wurden wir wiederholt in meist wöchentlichen Abständen einzeln ins Direktorenzimmer zitiert . Dort saßen wir dann dem Direktor und einem Major Auge um Auge gegenüber und beide zogen alle Register , um uns zu dieser Verpflichtung zu überreden . Der Erfolg war aber sehr dürftig , denn schlussendlich hat nur ein Schüler von uns an der „ Angel angebissen ” - ein ziemlich mittelmäßiger Schüler , der es aber leicht zum Major in der nach 1961 gegründeten Volksarmee brachte ; er genoss damals viele Privilegien ( Verdienst , Wohnung u . a .) und genießt seit der Wende eine gute Offiziersrente . ( Nicht wegen Neid , nur zum philosophischen Denkanstoß : Meine monatliche Rente für
( Fortsetzung auf Seite 24 )
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