Sonntagsblatt 2/2021 | Seite 22

offenen Anhängern randvoll mit Zuckerrüben beladen , ihre Ware hinlieferten . Wir Kinder lauerten wie Jagdhunde in Kurven und Straßeneinmündungen versteckt auf den Rübentransport , stürzten uns auf die fahrenden Hänger und rissen herunter , was wir an Rüben zu fassen kriegten . Oft saß aber auf dem Hänger der Bauer oder sein Knecht mit einer langstriemigen Peitsche und schlug nach rechts und links heftig ein , aber wie ein Rudel hungriger Wölfe machten wir immer gute Beute , Sinn des Ganzen : Aus den geriebenen Rüben würde nach stundenlanger Köchelei ein schwarzer , dicker Satz gewonnen , ein willkommener , süßer Brotaufstrich ( vgl . unsere erste Erfahrung bei der Einquartierung in Lützen , siehe Teil 3 ).
Man könnte noch einige andere Beispiele dieser Art anführen , so den nächtlichen (!) Einstieg ins Erdbeerfeld der Gärtnerei über die Friedhofmauer , unser Robben in die Gemüdefelder ( u . a . Möhren , Kohlrabi , grüne Erbsen ), um den scharfen Blicken mit dem Fernglas des damals fest angestellten Feldhüters zu entgehen , der uns immer wieder mit seinem Fahrrad nachstellte .
Manch einer wird heute warnend den Zeigefinger erheben , aber der Hunger trieb die Kinder der Nachkriegszeit zu diesem Mundraub . Das waren aber auch später herangewachsen diejenigen , die mit viel Engagement und Energie das kriegszerstörte Deutschland in Ost und West („ Wirtschaftswunder ”) wieder aufbauten .
Nach Jahren dieser Entbehrungen ging es endlich langsam aufwärts . Wir bekamen eine größere Wohnung ( zwei Zimmer und eine Wohnküche ) und zur großen Glückseligkeit der Eltern einen Schrebergarten und eine kleine gepachtete Feldparzelle ; endlich hatten sie wieder ein Gefühl eigene Erde unter den Füßen zu haben , und wir hatten Obst und Gemüse aus eigenem Anbau .
Mein Vater machte viele freiwillige Arbeitseinsätze in diesem Gartenverein , was ihm die Ehrennadel eintrug - aber was für uns noch wichtiger war , die Anerkennung der neuen Umgebung . Gartenfeste und Gartenfeiern waren nun für uns die Highlights der beginnenden neuen Zeit .
Auch die Katholische Kirche war ein wichtiges Sammelbecken der meist katholischen Flüchtlinge und Vertriebenen aus Ostund Südosteuropa . Dort ergaben sich weitere Möglichkeiten der Annäherung und Kontaktaufnahme . Ich wurde wieder Messdiener , das ich schon ein Jahr in Ungarn war . Die älteren Messdiener organisierten Treffen , Ausflüge , Fahrten und sportliche Aktivitäten ( Fußball , Tischtennis ), kurzum die Eingliederung , speziell der Jüngeren , ging gut voran . Auch bei meinem Opa Stefan kam der einstige Bürgermeister wieder durch . Kontaktfreudig wie er war , kannte ihn bald die ganze Straße , auch durch Einsätze , Nachbarschaftshilfe ( Wein- und Obstschnitt , Kaninchenschlachten – Schlachtemeister war er ja schon immer , nur waren es in Isszimmer Schweine und Kälber ); „ Opa Angeli ” allseits genannt , war wohlbekannt , selbst auf dem sonntäglichen Fußballplatz , wo sich oft alle männlichen Familienmitglieder einfanden .
Überhaupt Fußball ! Unsere ganze männliche Verwandtschaft , wir Kinder bis hin zu unseren Vätern , Onkeln und Cousins , traf sich am Wochenende im Lützener Wald-Park auf der großen runden Wiese zum Fußballwettstreit untereinander . Da wurde , oft fern erlaubter Regeln , mit gemischten Mannschaften mit so einer Leidenschaft gegeneinander gebolzt , dass am nächsten Tag so mancher vor Muskelkater und blauen Flecken nicht laufen konnte . Bald hieß es in der Stadt : „ Die Ungarn spielen wieder Fußball im Park !” und sofort stellten sich Zuschauer und Bewerber unter den Einheimischen ein . Sport einigt die Völker und bringt die Nationen friedlich zusammen – war das nicht mit Recht eine olympische Losung !?
Keinesfalls habe ich die Schule und uns als Schüler auf dem Weg der Integration vergessen , aber separat lässt sich der Ablauf chronologischer darstellen .
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Nicht nur aller , sondern auch dieser spezielle Anfang war schwer . Ich wurde trotz meiner fast zehneinhalb Jahre wegen meiner schlechten Sprachkenntnisse wieder in die erste Klasse zurückgestuft . Da stand er nun da , der lange , dünne Lulatsch zwischen den kleinen Erstklässlern , verstand nichts , wurde verlacht wegen seines Dialekts , wenn er den Mund aufmachte ; am besten nichts sagen und nichts verstehen . Wörter , die wir glaubten , in Deutsch zu kennen , waren oft sinnentstellend . Ein Beispiel : Ich stand vor dem Postschalter und sagte : „ Bitte einen Stempel für 80 Pfennige !” Der Postbeamte : „ Wir verkaufen doch keine Stempel !” Ich war sprachlos , der Beamte unbeweglich , bis endlich eine Frau aus der Warteschlange fragte : „ Junge , was willst Du denn damit ?” „ Na , für den Brief nach Ungarn ”, stotterte ich . Erleichterndes Gelächter der Anwesenden , ich bekam meine Briefmarke , die im Isszimmerer Jargon eben Stempel hieß , und schlich betröppelt davon .
Wie ich in die zweite Klasse versetzt werden konnte , ist mir noch heute ein Rätsel . Da aber die Zahlen und die mathematischen Grundregeln in Ungarn wie in Deutschland ja gleich waren , bekam ich aber Auftrieb . Beim täglichen Wettrechnen der Erste , begann mein Selbstvertrauen und Ehrgeiz zu wachsen . Deutsch machte auch gute Fortschritte , begünstigt dadurch , dass wir , d . h . ein etwas jüngerer Isszimmerer und ich , im katholischen Unterricht der Kirche ganze Textpassagen des Katechismus auswendig lernten und ständig gegenseitig abfragten . Alles lief nach dem Motto : „ Den Deitschen ( Isszimmerer Sprachjargon ) werden wir es zeigen !”
Es begann eine rasante Aufholjagd mit dem festen Ziel , meine schulische Alterstufe wieder einzuholen . Ich übersprang Schulklassen halb- und ganzjährig und schloss die Acht-Klassen-Grundschule nach vier Jahren ( und zwei Monaten ) so gut ab , dass ich anschließend auf das Lützener Gymnasium ( damals Oberschule genannt ) gehen konnte . Nur um es zu verdeutlichen : Wir begannen zum Beispiel gerade in der fünften Klasse mit der neuen Fremdsprache Russisch im Unterricht , da verkündete der Klassenlehrer : „ Angeli , Du gehst ab morgen in die Klasse 6a !” Das bedeutete , dass ich nun in Russisch fehlende Grundkenntnisse , in Mathematik die komplette Bruch- und Zinsrechnung oder in Deutsch – nur um die essentiellen Schulfächer zu nennen – die wichtigsten grammatikalischen Grundregeln selbstständig nebenbei nachholen musste – einen Nachhilfeunterricht kannte man damals nicht und Eltern , die helfen konnten , hatte ich ja auch nicht .
Mit dieser Schilderung soll niemand gelobt werden , sondern es soll aufgezeigt werden , dass man auch über den gängigen Schulweg zur Integration finden , ja , was hierüber sogar am effektivsten sein kann .
Mit der weiteren Schilderung meines Schulwegs will ich aus meinen Erfahrungen und Erlebnissen verdeutlichen , wie das so genannte sozialistische Schulsystem der DDR einen tiefgreifenden Einfluss auf jeden Schüler ausübte , wie es die Schüler in seinem Sinne zu formen versuchte , um den so genannten neuen , sozialistischen Menschen zu schaffen . Sehr gut und authentisch geschildert von Dietrich Garstka in „ Das schweigende Klassenzimmer ” ( List-Verlag ) besonders für Leser , die noch näher das Schulsystem der DDR in diesen 1950er Jahren kennen lernen möchten ( siehe auch weiter unten ). Die Stadt Lützen hatte eine Internat-Oberschule , d . h . die große Mehrzahl der Schüler / innen kam aus der nächsten und weiteren Umgebung , waren in einem alten Rittergut ( die Jungen ) und in einer ehemaligen Gaststätte ( die Mädchen ) ziemlich einfach in Kost und Logie untergbracht und hatten nur alle vier Wochen ein Heimfahrtwochenende .
Wir Schüler aus dem Ort hatten es besser , da wir von zu Hause aus in die Schule , ein ehemaliges Gerichts- und Gefängnisgebäude , gehen konnten . Insgesamt war es ein kleines , übersicht-
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