Sonntagsblatt 2/2021 | Page 21

auch ich einige Male in der „ Neue Zeitung “ und aus Vorsicht , um meine Person zu tarnen ( schließlich war ich ja Angestellter in einem staatlichen Unternehmen ) habe ich das Pseudonym ’ Eisenbrunner ’ verwendet . Doch die damaligen Wortführer der Zeitung , die Genossen Leipold und Stein , haben mich schnell enttarnt und an den Pranger gestellt . Doch heute leben wir ja ( angeblich ) in einer anderen Zeit .
Was ich damit sagen will : Das Sonntagsblatt tut gut , wenn es kritische Meinungen bringt . Aber : Es sollten ebenso Meinungen / Vorschläge zur Verbesserung der getadelten Zustände und zur Behebung der bestehenden Mängel vorgelegt werden . Die könnten Anstoß zu einer Debatte geben – und letztendlich auch zu Besserung führen . Dadurch würde das Sonntagsblatt erst wirklich MERKWÜRDIG werden .
SoNNTAGSBLATT
Sonntagsblatt-Erstveröffentlichung
Erinnerungen eines Ungarndeutschen
Von San . -Rat Dr . Johannes Angeli Vorwort
So manches kann der Mensch erleben , wenn er über 80 Jahre alt wird , lebte er aber in den letzten acht Jahrzehnten , dann umso mehr . Umso mehr auch , wenn er als Auslanddeutscher vertrieben wurde und schließlich aus der DDR geflohen in der BRD wieder eine neue Heimat gefunden hat . Vor Jahren hat mein damals 12-jähriger Sohn gelangweilt gestöhnt : „ Ach Papa , bei dir war wenigsten noch was los .” Da konnte ich nur antworten : „ Du weißt doch gar nicht , wie glücklich Du sein kannst , in dieser guten neuen Zeit leben zu können .” Keineswegs handelt dieser Rückblick – um mit Goethe zu sprechen – um „ Dichtung und Wahrheit “, sondern um Wahrheiten aus den „ Erinnerungen eines Ungarndeutschen “.
Gern hätte ich mir auf so manche mir aufgezwungene Ereignisse lieber verzichtet , aber die Weltpolitik und ihre Folgen haben den kleinen Mann , hier den kleinen 10-jährigen Jungen mitgerissen , ob er wollte oder nicht . So wurden viele meines Namens aus dem kleinen ungarndeutschen Dorf vom Winde verweht , vom Winde der Weltgeschichte in alle Himmelsrichtungen .
Wie es mir erging , will ich aus der Sicht eines kleinen Junges , eines Jugendlichen , eines Familienvaters , und schließlich als zurückblickender Rentner aufschreiben – aufschreiben für die , die Ähnliches durchlebten , die uns vielleicht nur verstehen wollen oder gar nur für die Enkel unserer Zeit und unserer Familien .
Teil 4 : Integration in der neuen Heimat ( Teil 3 ist in Nr . 1 / 2021 erschienen )
Im vergangenen Teil 3 habe ich geschildert , wie die vertriebenen Isszimmerer in der neuen , deutschen Umgebung aufgenommen wurden , welche Vorurteile sie erfahren mussten und welche gesellschaftliche Stellung sie anfänglich einnahmen , gleich wo sie damals in der SBZ angesiedelt wurden . Sich gegen diese Diskriminierung zu stemmen , sich den neuen Herausforderungen zu stellen , war die große Aufgabe für die nächsten Jahre .
Sie war auch für die Alten und Jungen , für die Erwachsenen und Kinder oft ganz unterschiedlich . In Abwandlung des Spruches der deutschen Einwanderer vor Jahrhunderten nach Ungarn , könnte man schon zusammenfassend sagen : Die erste Generation fand
Not und Tod , die zweite Generation Lohn und Brot , aber erst die dritte Generation die Integration in der neuen Heimat .
Schon allein bei der Überschrift zum vierten Teil habe ich gezögert , ob ich nicht „ Integration in der neuen Umgebung ” schreiben müsste , denn die Heimat für uns Vertriebene war noch über viele Jahre Ungarn und viele Ältere lebten von der Hoffnung , dorthin wieder zurückkehren zu können .
Wir fanden ja bei unserer Ankunft , drei Jahre nach dem unseligen Krieg schon festgefügte Strukturen vor , die Flüchtlinge aus Osteuropa waren schon fest eingebunden und nun kamen weitere „ Hungerleider ” und „ Brotkonkurrenten ” hinzu .
Kein Wunder , dass so manche Familie aus Isszimmer in den nächsten Jahren ihre paar Habseligkeiten packten und in die BRD flohen und gar von dort aus in die USA auswanderten .
Tröstlich für viele Isszimmerer waren die Kontakte untereinander , die sie sowohl vor Ort als auch im weiten Umkreis noch über Jahrzehnte aufrechterhielten , wie ich sie schon im Teil 3 für die wichtigen Anfangsjahre schilderte . Der umfangreiche Briefverkehr nach Ungarn zur Verwandtschaft riss nie ab , ja nahm kuriose Formen an . Da man sich ins „ sozialistische Bruderland ” keine Päckchen , geschweige denn Pakete schicken konnte , trafen bei uns eigentümliche rote Briefe , Briefe mit Tütchen mit gemahlenem Paprikapulver ein , die natürlich teilweise geplatzt waren . Noch wertvoller waren Briefe mit Zigaretten , die allerhand Tauschmöglichkeiten boten . Wie schon erwähnt , waren die Herausforderungen für die Erwachsenen und Kinder teilweise sehr unterschiedlich . Wenn ich allein an meinen Vater denke : „ Zu Hause ” ein selbständiger Bauer , Herr über Hof und Feld , wurde er jetzt zum Industiearbeiter , ja wegen fehlender Qualifikation zum Hilfsarbeiter in der naheliegenden Chemiefabrik Leuna degradiert . Sprachliche Schwächen ( siehe Teil 1 und 2 ) und kulturelle Gewohnheiten führten nicht selten zur Ausgrenzung bis hin zu Mobbing ( würde man heute neudeutsch sagen ). In Lützen die Wohnenge ( siehe Teil 3 ), kein Feld oder gar Garten , ja selbst das Gras der Straßengräben hatten ihre Pächter . Berührung mit dem früheren Leben , mit Feld und Acker hatten wir ja nur , wenn wir Ähren lesen oder Kartoffeln „ stoppeln ” gingen . Das war dann der Urlaub für die Erwachsenen und für uns Kinder die Ferienzeit .
Überhaupt drehte sich das Sinnen und Streben in diesen „ Hungerjahren ” für die Erwachsenen wie für die Kinder ständig um das Organisieren von Essbarem . Auch für das nötige Heizungsmaterial mussten alle Quellen „ angezapft ” werden . Im Gelände der Lützener Zuckerfabrik waren große Halden an Braunkohle aufgeschüttet . In der Dämmerung schlichen wir Kinder – für Erwachsene war es wegen Strafanzeige zu riskant – durch die Absperrung und füllten hastig mit bloßen Händen unsere Rucksäcke – dass wir danach wie Kohlengrubenarbeiter aussahen , kann man sich sicherlich leicht vorstellen .
Zu unserem Glück wohnten meine Großeltern in der noch voll im Betrieb befindlichen Obermühle von Lützen , der eine gutgehende Bäckerei angeschlossen war . Dort halfen wir dem Bäcker , die Brotformen und die Brote hin- und herzutransportieren – zum Lohn gab es dann ein (!) dunkles Brötchen .
So mancher Trick führte sogar zu mehr ! Wie spielten im Hof und Garten mit dem kleinen Jungen des Mühlenbesitzers . Nach gewisser Zeit sagten wir , wir müssen nach Hause , weil wir so hungrig sind . Da stürzte der Kleine in die Küche des Hauses und brachte belegte Brote und , wenn ein besonders guter Tag war , Kuchen aller Art ( Kuchen , den wir nur von Worten her kannten ) angeschleppt – im Nu hatten wir heißhungrig alles verschlungen .
Wie schon erwähnt war in Lützen eine Zuckerfabrik , wohin im Herbst die Bauern der Umgebung mit Traktoren und mehreren
( Fortsetzung auf Seite 22 )
21