Sonntagsblatt 2/2021 | Page 18

Erzgewinnung aus Deutschland in das damals zu Oberungarn gehörende Gebiet übersiedelt . Weil Ende des 18 . und Anfang des 19 . Jh . s der Erzabbau langsam unrentabel war und die Bergwerke geschlossen wurden , fiel den Arbeitern die Entscheidung leicht , nach Oberwischau ins Wassertal zu gehen . Die aus Österreich eingewanderten Kolonisten ließen sich am linken Ufer des Flusses Wasser nieder und gründeten die „ Teitschi Reih “ und die neugekommenen Arbeiter aus der Slowakei am rechten Ufer und gründeten die „ Zipserrei “. Mit der Zeit wurden alle deutschsprachigen Ansiedler aus Oberwischau „ Zipser “ genannt .
SB : Wie stark ist Ihre Gemeinschaft gegenwärtig in Oberwischau und welche demografischen Prozesse vollzogen sich ab dem Ende des Zweiten Weltkrieges , insbesondere ab den Siebzigern ? Wie stark war Oberwischau von dem Exodus der Rumäniendeutschen betroffen ?
AF : Anhand der letzten nationalen Volkszählung im Jahre 2011 haben sich in Oberwischau etwas über 600 Personen zur deutschen Ethnie bekannt . Das ist eine relativ kleine Zahl , wenn man bedenkt , dass manche Quellen von bis zu 6000 Zipsern zu Beginn des 20 Jh . sprechen . Sicherlich ist die massive Auswanderung , die ich in drei Zeitabschnitte einteilen würde , Hauptgrund dieser demografischen Veränderungen . Die erste spürbare Auswanderungswelle liegt zwischen den 70ern und dem Fall des kommunistischen Regimes in Rumänien , die zweite fand kurz nach den 90ern statt und die dritte ist in vollem Gange . Sicherlich kommen noch einige sekundäre Faktoren hinzu . Ein Teil der Zipsermänner sind im Zweiten Weltkrieg gefallen oder kamen nie wieder zurück und die jetzige niedrige Geburtenrate sowie die große Sterberate verstärken dieses Phänomen ( Anm .: des Bevölkerungsrückgangs ). Aktuell ist der Mangel an Arbeitsplätzen und Freizeitmöglichkeiten einer der Gründe , warum die Jugendlichen größere Städte oder das Ausland bevorzugen .
SB : Über welche Infrastruktur ( Schulen , Kirche , Vereine ) verfügen gegenwärtig die Oberwischauer Deutschen ? Wie ist es um die Deutschsprachigkeit dieser Institutionen bestellt ?
AF : Die Oberwischauer Deutschen sind eine Minderheit , die an ihrer römisch-katholischen Religion und zipserischen Kultur stark festhält . Heute steht im Stadtzentrum eine wunderschöne große Kirche , die 2012 ihr hundertjähriges Jubiläum feierte . Diese ist die zweite Kirche der katholischen Gemeinde hier , die erste wurde 1806 fertiggestellt . Im Wassertal , im Weiler Feinen , befindet sich eine von den Zipsern gebaute und sehr gut erhaltene Holzkapelle , die am 18 . November 1900 zum Gedenken an Kaiserin Elisabeth geweiht wurde . Sonst stehen in Oberwischau noch sieben kleine Gedenkkapellen , die teilweise von anderen Konfessionen mitbenutzt werden .
Deutschsprachigen Schulunterricht gibt es in Oberwischau schon seit 1808 . Dieser überdauerte eine Vielzahl von Veränderungen im Laufe der über zwei Jahrhunderte . Ab dem Jahre 1948 kann in Oberwischau von ununterbrochenem deutschem Schulwesen gesprochen werden . Neben dem deutschsprachigen Kindergarten haben wir heute an der Schule eine deutsche Abteilung , die von Klasse 0 bis 8 geht . In der Grundschule wird bis auf Englisch und Rumänisch alles auf Deutsch unterrichtet , ab der 5 . Klasse herrscht eine immerwährende Lehrerfluktuation , die leider bestimmt , welche Fächer auf Deutsch stattfinden . Vor einigen Jahren wurde ein Lyzeum gebaut und eröffnet , das den Schülern ermöglichen sollte , bis zu den Abiturfächern aus den Bereichen Gastronomie und Hotelwirtschaft in deutscher Sprache zu lernen . Die Misswirtschaft der Schulleitung hat dazu geführt , dass dieser Teil der Schule geschlossen wurde . Im „ rumänischen “ Lyzeum in Oberwischau wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet .
Die Oberwischauer deutsche Minderheit wird vom Demokratischen Forum der Deutschen aus Oberwischau ( DFDO ) vertreten . Das DFDO macht es sich seit seiner Gründung vor knapp 30 Jahren zur Aufgabe die zipserische Kultur , die Traditionen und die Mundart zu pflegen . Das DFDO unterstützt und fördert weitgehend den deutschsprachigen Unterricht und unterstützt bedürftige Mitglieder der Gemeinde auf verschiedene Weise . Das DFDO besitzt ein gut ausgestattetes Jugendzentrum - in
18 dem die Jugend- und die Seniorentanzgruppe proben - sowie eine Bibliothek mit einigen Tausend Büchern in deutscher Sprache . Dieses Jahr wird hoffentlich das Zipsermuseum eröffnet werden , welches die Geschichte und Lebensweise der Zipser zeigen wird . Die Zipsergemeinde organisiert jährlich mehrere kulturelle Treffen und Feste - einige zusammen mit der Kirche , die wichtigsten unter diesen sind der „ Zipsertreff “, ein Treffen der Oberwischauer Deutschen - und die Fahrt ins Wassertal zur Holzkapelle , wo jeden Herbst ein Gedenkgottesdienst zelebriert wird .
SB : Das Bistum Temeswar beispielsweise ist berühmt für seine gelebte Drei- bzw . Mehrsprachigkeit , trifft das auch auf das kirchliche Leben in Oberwischau zu ?
AF : Die Oberwischauer Kirchengemeinde gehört zum Bistum Sathmar . In Oberwischau werden jeden Sonntag und an Feiertagen Gottesdienste in rumänischer , ungarischer und deutscher Sprache gefeiert , unter der Woche ist das abwechselnd , an manchen Feiertagen sogar auf Latein . Also ja , die gelebte Mehrsprachigkeit trifft auf das kirchliche Leben in Oberwischau vollkommen zu .
SB : Wie würden Sie das Zusammenleben mit den anderen Nationalitäten beschreiben ? Gibt es auch viele Mischehen ? Wenn ja , wie wirkt es auf die Identität , Sprachgebrauch in diesen Familien aus ?
AF : Das Zusammenleben mit anderen Nationalitäten gestaltet sich hier sehr harmonisch . Übergriffe oder Konflikte mit ethischen Hintergründen sind mir nicht bekannt . Mischehen gibt es schon immer in unserer Gemeinde , ausschließlich zipserische Familien sind eine Seltenheit . Zum Thema „ Identität “ muss ich einen klaren Unterschied in Hinsicht auf die Generationen verzeichnen . Ich bin jetzt 30 Jahr alt , in meiner Generation und der meiner Freunde gibt es kaum Fälle , in denen beide Elternteile Zipserdeutsche sind . Es gibt aber gewiss keine Jugendlichen , die die zipserische Mundart nicht sprechen . Viele der rumänischen Kinder haben sie auch erlernt . Heutzutage ist es eher anders , aus verschiedenen Gründen wird selbst in Mischehen oft nur Rumänisch gesprochen .
Identität ist im 21 Jh . ein Gefühl , welches meiner Meinung nach bei den jüngeren Generationen an Stellenwert verliert . Deshalb ist es jedem überlassen , wie er / sie mit dem Thema in der Familie umgeht . Im Falle der Oberwischauer Zipser treffen beiden Varianten zu : Familien , in denen man das Identitätsgefühl spürbar merkt , in denen Traditionen gepflegt und eingehalten werden sowie die Mundart gesprochen wird und natürlich Familien , für die diese Aspekte zweitranging sind .
SB : Welche Kontakte bestehen zu den Ausgewanderten bzw . zu den Herkunftsländern der Oberwischauer ?
AF : Die hauptsächlich nach Deutschland ausgewanderten Oberwischauer Zipser haben sich dort auch in Vereinen organisiert . Diese gibt es in verschiedenen Ortschaften , hauptsächlich in Bayern und Baden-Württemberg . Zu ihnen besteht eine teilweise noch lebendige Beziehung , da die Familien der Hiergebliebenen und die der Ausgewanderten gute Kontakte pflegen . Sonst sind die Feste , die organisiert werden , ein guter Anlass für Treffen . Unsere Tanzgruppe ist öfters in Deutschland eingeladen , um beim dortigen Treffen der Zipser aufzutreten und andersrum organisieren die Zipser aus Deutschland gelegentlich eine gemeinsame Fahrt zum Zipsertreff in Oberwischau . Ebenso besuchen wir jedes zweite Jahr die alte Heimat einiger von uns in der Slowakei , wo wir als Gäste zum Minderheitenfest der Gemeinde Hopgarten / Chmelnica eingeladen sind .
SB : Was sind die größten Herausforderungen , die den Alltag prägen bzw . erschweren ?
AF : Mit Sicherheit ist die größte Herausforderung der Zipser das Fortbestehen und der Erhalt der Kultur und Traditionen in einer sich rasch globalisierenden Welt . In Oberwischau trifft davon einiges zu . Eine sich stets ändernde Gesetzeslage und die Schulleitung , die zu wünschen übrig lässt , führen dazu , dass sich der
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