Sonntagsblatt 2/2021 | Page 17

men Werte , was völlig ortsungebunden ist ,” bedeutet . Hermannstadt hatte in den Siebzigern noch eine deutsche Bevölkerung von 20.000 Personen – es gab nach Erinnerungen von Sindel mehrere Schulen mit deutschen Abteilungen , eine deutsche Zeitung , einen deutschen Buchverlag und „ die deutsche Geschichte war in der Altstadt an jeder Ecke abzulesen und der Gebrauch der deutschen Sprache unterlag den geringsten Restriktionen im Ostblock . Natürlich gab es einen permanenten Romanisierungsdruck , so wurde z . B . der Gebrauch der deutschen Orts -und Straßennamen verboten , deutsche Lehrkräfte durften immer sofort ausreisen , um einen Mangel an deutschen Lehrern zu erzeugen , welche Lücke dann mit rumänischen Lehrkräften gefüllt wurde .” Laut dem Zeitzeugen waren die rumänischen Schulen schlecht mit Lehr- und Lernmitteln ausgestattet ; dies veranlasste die rumänische Bildungsverwaltung , die dank der Beziehungen zu Deutschland ( woher Anschauungsmaterial kam ) gut ausgestatteten deutschen Abteilungen in neugegründete Schulen zu verlegen , wobei das Lehrmaterial im alten Schulgebäude verblieben sei . Das Zusammenleben zwischen Rumänen und Sachsen beschreibt der 56Jährige als angespannt : „ Ich war bereits mit 15 Jahren 190 cm groß und blond und fiel dadurch eindeutig als Nichtrumäne auf . Das hatte mir häufig grundlose Pöbeleien eingebracht und der Heimweg von der Schule war oft ein Spießrutenlauf . Im rumänischen Fernsehen liefen viele primitive Hetzfilme , die die rumänischen Leistungen im Krieg glorifizierten und die Deutschen prinzipiell als Bestien darstellten . Dementsprechend war auch die Einstellung der ungebildeten - insbesondere aus der Moldau und der Walachei zugewanderten - Rumänen gegenüber den Deutschen . Die alteingesessenen Siebenbürger Rumänen waren ein viel angenehmerer Menschenschlag . Mein Freundeskreis bestand damals ausschließlich aus Deutschen und der Zusammenhalt untereinander war sehr gut .”
Es hat über zwei Jahrzehnte gedauert , bis es Lothar Sindel wieder nach Hermannstadt verschlug ( 2020 ein weiteres Mal ). Nach seinem Eindruck hätte sich vieles getan , es wurde viel gebaut und renoviert , so dass es ihm außerhalb der Altstadt schwer gefallen sei sich zurechtzufinden . Das optische Bild habe sich dabei deutlich verbessert - gerade im Vergleich zu Bukarest , das er immer noch als heruntergekommen wahrnimmt . Die Menschen könnte man auf den ersten Blick nicht mehr von den Leuten im Westen unterscheiden , wobei ihr Bildungsniveau „ nicht sonderlich hoch ” sein soll . Was der Sohn der Stadt schmerzlich vermisst , sind Hinweise auf die deutsche Siedlungsgeschichte . „ Auf mich macht die Altstadt einen vertrauten Eindruck , aber heimatliche Gefühle kamen nicht auf . Heimat besteht halt nicht nur aus alten Steinen , sondern auch aus Sozialstrukturen und die habe ich dort nicht mehr ,” so das Fazit von Lothar Sindel .
Nach der Auswanderung , die Sindel auch bis heute nicht bereut hat , gestaltete sich nach seinen Erinnerungen die Integration der Eltern als schwierig , da diese „ sozial in den starken Sozialstrukturen der Siebenbürger Sachsen in Deutschland ( Augsburg ) verhaftet geblieben sind und sich zu wenig dem Neuen geöffnet haben . Der Großteil des Freundeskreises meiner Eltern aus Hermannstadt befand sich in Augsburg teilweise in fußläufiger Entfernung .” Sein Freundeskreis und der des Bruders hätten sich hingegen nahezu vollständig aus Einheimischen rekrutiert - ergänzt um weitere Kontakte während eines Studienaufenthalts in England . „ Wir unterscheiden uns praktisch nicht von den hier Geborenen . Das sieht etwas anders aus bei ehemaligen Hermannstädter Schulfreunden , die einige Jahre später ausgewandert sind . Bei denen hat die längere Sozialisierung in Siebenbürgen dazu geführt , dass deren Freundeskreis in Deutschland stark von Siebenbürgern geprägt ist . Insbesondere die Gymnasialjahre hatten da einen stark prägenden Einfluss ”, so Sindel . Diese Sozialisierungsgeschichte der Brüder Sindel hätte nach Lothar Sindels Empfinden auch Auswirkungen auf die Beziehungen zu Siebenbürgen und den Siebenbürger Sachsen gehabt : Der Bruder habe dabei gar keine Verbindung mehr zu Siebenbürgern und Lothar selbst nur eine lockere , gelegentliche zu ehemaligen
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Schulfreunden . Zu Hermannstadt besitzt die Familie nach seinen Angaben keine verwandtschaftlichen Beziehungen mehr . Lebenswege von drei Männern , die stellvertretend für hunderttausendfache Schicksale stehen - ob Gehen oder Bleiben , das hängt von vielen Faktoren ab . Oft wird man von dem Strom der Geschichte einfach mitgerissen - wird Teil davon . Der Exodus der Deutschen in der Wendezeit hat bei vielen tiefe Spuren hinterlassen – das zeigte sich deutlich beim Versuch , Gesprächspartner zu finden . Viele wollen diese Zeit hinter sich lassen und die Wunden heilen lassen . Dennoch ist es wichtig , diesen Teil der Geschichte über Zeitzeugen den nachkommenden Generationen zugänglich und gewissermaßen erlebbar zu machen . Denn das 850-jährige Erbe einer Gemeinschaft besteht nach Lothar Sindels Worten „ nicht nur aus alten Steinen , sondern auch aus Sozialstrukturen ”, die es durchaus noch gibt in und außerhalb Siebenbürgens .
Schulwesen , Identität und kulturelle Artefakte für eine lange Zukunft
SB-Gespräch mit dem Vizevorsitzenden des DFD Oberwischau und Chefredakteur des Zipserplattls , Alfred Ludovic Fellner
SB : Die Oberwischauer stammen aus unterschiedlichen Gegenden der k . u . k Monarchie . Erzählen Sie bitte ein wenig über die Siedlungsgeschichte der Oberwischauer , allen voran der Zipser .
AF : Die Siedlungsgeschichte der Oberwischauer ( rum . Vişeu de Sus ) steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Kolonisierung der Zipser . Oberwischau wurde bereits 1365 in einem Dokument als freie Ortschaft erwähnt und galt als Sitz der Wischauer Knesen .
Die Ansiedlung der Oberwischauer Zipser geht auf die Kolonisierung Südeuropas und der Maramuresch Ende des 18 . und Anfang des 19 . Jh . s zurück , die zu der Zeit zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und von deutschsprachigen Kolonisten besiedelt wurde . Ausschlaggebend für die deutschsprachige Einwanderungswelle in Oberwischau war ein Vertrag , der 1777 von Kaiserin Maria Theresia in Kraft gesetzt wurde und wodurch ein ausgedehntes Waldgebiet aus dem Fiskalbesitz erworben werden sollte . Aus dem Wald sollte das Rohmaterial für die Flöße gewonnen werden , die für den Salztransport von der Marmarosch nach Wien gebraucht wurden . Das erworbene Waldgebiet - das Wassertal - beherbergt 21 kleine , von den deutschen Kolonisten geschaffene Holzfällersiedlungen . Bald brauchte es geschulte Fachkräfte , weswegen sich ab 1778 die ersten Kolonisten aus dem Salzkammergut hier niederließen . Wichtig zu erwähnen ist , dass bereits 1775 Holzfäller zum Teil mit Familie - insgesamt 221 Personen - ebenfalls aus dem Satzkammergut in den Ort Mokra , der heute zur Ukraine gehört , umgesiedelt wurden . Neben den 1778 nach Oberwischau direkt eingewanderten Arbeitern aus der Region Ischgl bzw . aus der Region Gmunden waren es vor allem einige Familien , die aus Mokra nach Oberwischau ins Wassertal umsiedelten .
Die ersten 25 Familien stammten aus Gmunden , 7 Jahre später kamen weitere 25 Familien aus der Gegend Ischl und Ebensee . Da sich die Waldeigentümer nicht an den Kollektivvertrag mit den Ansiedlern hielten , indem sie versuchten die Arbeitsleistung zu steigern , dafür aber die Löhne zu senken , drohten die Wassertaler Arbeiter mit Streik . Die Lösung war , „ Streikbrecher “ aus der Zips zu holen , einer Gegend in der hohen Tatra der heutigen Slowakei . Im 13 . Jh . wurden diese Arbeiter ursprünglich zur
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