Sonntagsblatt 2/2021 | Page 16

sagt , und feierte seinen elften Geburtstag bereits im Übergangsheim im fränkischen Nürnberg . Die Gründe für den Fortgang beschreibt Müller mit dem Titel eines Buches von Thomas Perle : „ Wir gingen weil alle gingen ”. Der 40-jährige Ulrich Müller sagt dazu : „ Ja , wir gingen , weil fast alle unserer Landsleute gingen und alle erhofften sich für sich und ihre Kinder und Enkel eine bessere Zukunft im Westen . Besonders Deutschland galt bei vielen als das Land , wo Milch und Honig fließen . Das war jedenfalls mein Eindruck . Dass dem oft nicht so war , das haben die Menschen dann im Laufe der Jahre erfahren , meine Familie und mich eingeschlossen .” Zu der alten sächsischen Heimat hatte er nach eigenem Bekunden auch schon früh ein ambivalentes Verhältnis : » Ich bin aufgewachsen zwischen einer ländlichen Idylle und dem , was ich Scheinheiligkeit nenne . Die Siebenbürger Sachsen und auch unsere rumänischen Nachbarn waren sehr religiös . Doch hinter den Kulissen oder besser Gartenzäunen sah die Wirklichkeit oft ganz anders aus - weniger friedfertig und liebevoll . Da gab es auch allerhand zwischenmenschliche Konflikte , die auch oft bei einer Flasche Wein unter den Tisch gekehrt wurden . Ich denke allerdings , dass das auch in einem Dorf in Niedersachsen oder Bayern genauso hätte geschehen können . Im Ganzen war die „ kleine sächsische Welt “ für mich persönlich zu eng . Die soziale Kontrolle war sehr groß , besonders bei den Siebenbürger Sachsen . Ein sehr konservatives und traditionelles Denken herrschte vor . Daraus ist wohl mein eher unkonventioneller , unangepasster Lebensstil entstanden .” Es hat 20 Jahre gedauert , bis Müller den Ort seiner Kindheit besuchte . Nach seinem Eindruck hatte der Wegzug der Sachsen deutliche Spuren hinterlassen : Viele Häuser stehen leer , verfallen und die Felder werden nicht mehr bestellt . Auch die ethnische Struktur des Dorfes habe sich zugunsten der Roma verschoben , wodurch das „ Bild von Zuckmantel landschaftlich und kulturell ein anderes geworden ” sei . Erfreulich fand der gebürtige Zuckmanteler , dass die evangelische Kirche gepflegt werde , was er als Beweis für den „ hohen Stellenwert der Kirche und des Glaubens bei den Siebenbürger Sachsen ” wertet .
Die ersten Jahre nach der Ankunft in Deutschland empfand Müller als eine voller Herausforderungen : Man musste eine neue Existenz aufbauen , was nach seinem Eindruck auch das Familienleben belastete . Es habe lange gedauert , bis sich das Zusammenleben in der Familie stabilisiert habe . Gerade für die Älteren - vor allem für die Großeltern - sei das Leben insofern schwierig gewesen , weil sie die Gemeinschaft und die engen Bindungen in Zuckmantel vermisst hätten – etwas , was bis heute andauere . „ Unser allergroßes Glück war , dass wir die deutsche Sprache bei unserer Ankunft in Deutschland sehr gut beherrschten . Ich tat mich in der Schule eher leicht , habe ein gutes Abitur gemacht und später ein Doppelstudium erfolgreich gemeistert ”, zieht Müller für sich dennoch eine positive Bilanz . Seine Kontakte zu seiner alten Heimat und zu den Siebenbürger Sachsen im In- und Ausland beschreibt er als eher überschaubar , dennoch sagt er , dass er „ im Grunde (...) bis zu einem gewissen Grad zwischen Ost- und Mitteleuropa ” lebe , „ wenngleich Deutschland seit fast 30 Jahren mein Lebensmittelpunkt ” sei . „ Nicht da ist man daheim , wo man seinen Wohnsitz hat , sondern , wo man verstanden wird “, so ein Zitat von Christian Morgenstern , dem der Wirtschaftspädagoge nach eigenem Bekunden beipflichtet . Für ihn bedeute Heimat demnach eher ein Gefühl als einen Ort und befinde sich dort , wo man sich nicht ob seiner Gedanken oder seiner Lebensweise erklären müsse . Als Literaturinteressierter fühlt sich Müller nach eigenem Empfinden „ manchem Schriftsteller vergangener Jahrhunderte im Geiste und in der Seele näher als vielen meiner Landsleute aus Siebenbürgen ”, was mit dem bereits erwähnten Konservatismus zu tun habe , womit er wenig anfangen könne . Der 40-Jährige wohnt gegenwärtig in Leipzig , will aber in Kürze nach Koblenz ziehen , in die Gegend , woher seine Vorfahren stammen , was ihm eine gewisse emotionale Verbundenheit bieten könnte .
Was die Zukunft der Gemeinschaft anbelangt , zeigt sich Müller insgesamt optimistisch : „ Manche von unseren Landsleuten sehen unsere Sprache und Kultur allmählich aussterben . Das bekomme ich auch über die sozialen Medien mitunter so vermittelt . Ich bin da optimistischer . Ich denke , dass es auch in Zukunft sowohl in Siebenbürgen als auch in Deutschland und anderen Staaten eine Sprache und Kultur von uns Siebenbürger Sachsen geben wird . Ich bin motiviert , mich dafür einzusetzen . Und viele andere tun das auch . Man denke da nur an die regelmäßigen Heimattreffen oder Tanzveranstaltungen , an denen ich bereits mehrfach teilgenommen habe . Die Jugendverbände der Siebenbürger Sachsen sind sehr engagiert . Das stimmt mich für den Erhalt unserer Sprache und Kultur zuversichtlich .”
Deutlich kritischer sieht den Fortbestand der Siebenbürger Sachsen der gebürtige Hermannstädter Lothar Sindel : „ Die siebenbürgisch-sächsische Kultur ist in Rumänien praktisch am Ende . Die wird bestenfalls noch über Bautafeln an Kirchenburgen etc . weiterleben . In Deutschland vermag sie sich noch eine Weile halten , aber die hier Geborenen haben keinen Bezug mehr zu Siebenbürgen . In einigen Jahrzehnten werden wir nur noch Randnotizen in Geschichtsbüchern sein .” Der 56-Jährige sieht den Beginn dieses „ Niedergangs der siebenbürgischen Kultur ” viel früher : So hätten die Sachsen die geringste Fertilität unter allen dort ansässigen Bevölkerungsgruppen , was zu einer Selbstmarginalisierung geführt habe . Auch die politische und wirtschaftliche Entwicklung im 19 . und 20 . Jahrhundert wie die Auflösung der Nationsuniversität um 1876 , die Enteignungen 1921 hätten die Volksgruppe weiter geschwächt . Die Folgen des Zweiten Weltkriegs wie Umsiedlung 1944 , Enteignung , Deportation und die permanente Benachteiligung der Deutschen im kommunistischen Rumänien ( man konnte kein Leiter , nur Stellvertreter werden , so das ungeschriebene Gesetz ) und der ständige Romanisierungsdruck , infolge dessen immer mehr Freunde und Verwandte das Land verließen , hätten das Schicksal der Sachsen besiegelt .
Lothar Sindel verließ mit seiner Familie 1979 Hermannstadt / Sibiu , nachdem sein Vater 19 Jahre lang jedes Jahr einen Ausreiseantrag gestellt hatte . Nach seinen Erinnerungen gab es eine Vielzahl an Gründen , warum sich die Familie für die Auswanderung in die BRD entschied . Ausschlaggebend waren familiäre Gründe : „ Mein Großvater war eine bekannte Person in Hermannstadt und nach dem Krieg hatten die Kommunisten nach Leithammeln gesucht , die ihre neue Religion unters Volk bringen . Mein Großvater weigerte sich und wurde daraufhin in mehreren Runden zur Securitate vorgeladen , bis er schließlich bei einem Oberst landete . Jedoch auch dieser angelernte Kommunist konnte meinen Großvater nicht überzeugen , da dieser ein Doppelstudium , Volkswirtschaft und Politik , mit Promotion in Wien abgeschlossen hatte und dem Oberst argumentativ überlegen war . Dass mein Großvater nicht im Gefängnis landete , verdankte er nur dem Umstand , dass er ein ausgesucht höflicher und bescheidener Mensch war , und auch einem Dankesschreiben der jüdischen Gemeinde Hermannstadts . Trotzdem wurde er mit einem Berufsverbot belegt , das meine Großeltern in eine prekäre ökonomische Situation stürzte , da es damals keine Sozialsysteme gab . Auch mein Vater wurde mehrfach von der Securitate vorgeladen einerseits wegen seiner penetranten Ausreiseanträge , aber auch weil ein Verwandter in München beim amerikanischen Radiosender Radio Free Europe arbeitete und mein Vater so als Druckmittel missbraucht wurde . Dass wir dann letztendlich doch ausreisen durften , haben wir einerseits dem Umstand zu verdanken , dass es meinem Vater gelang einen ganzseitigen Leserbrief im Bayernkurier zu veröffentlichen , der die Situation in Rumänien kritisch beleuchtete , und andererseits sich der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher für unsere Ausreise einsetzte .”
Sindel besuchte das Brukenthal-Lyzeum , legte sein Abitur aber bereits in Augsburg ab . Auch wenn er nur rund ein Viertel seines Lebens in Siebenbürgen verbracht hat , erinnert er sich auch heute noch ganz intensiv an die Zeit in der alten Heimat , wobei Heimat für ihn „ die Summe der Sozialbeziehungen und der gemeinsa-
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