Sonntagsblatt 2/2021 | Page 15

Sie haben angesprochen , dass die polnische Gesellschaft generell für diesen Schritt damals noch nicht bereit gewesen ist . Und wie hat das die deutsche die bundesdeutsche Gesellschaft gesehen ?
Wenn wir die enttäuschende Reaktion der deutschen Bischöfe auf den Brief der polnischen Amtsbrüder berücksichtigen , wäre die Antwort auf den ersten Blick : Man hat den Brief nicht richtig verstanden oder seine Bedeutung nicht richtig eingeschätzt . Aber wir sehen gleichzeitig , dass dieser Brief einem anderen folgte , nämlich dem Memorandum der Evangelischen Kirche Deutschlands vom 1 . Oktober 1965 , das die bundesdeutsche Gesellschaft aufgefordert hat , die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen . In der bundesdeutschen Gesellschaft wurde damals generell eine neue Situation geschaffen : Es kam zum Generationswechsel und die SPD kam mit der neuen Ostpolitik an die Macht . In dieser Zeit kam es auch noch zu einem ganz anderen Schritt , nämlich der Gründung des „ Bensberger Kreises “ und dessen Memorandum . Der Kreis war eine Laienorganisation , die ebenfalls die Katholiken aufforderte , im Geiste der polnischen Bischöfe zu handeln . Und da kam auch wieder die Grenzfrage ins Spiel , an die man angeknüpft und die Einstellung ihr gegenüber als Lackmustest angesehen hatte , wie man jetzt zur Aufforderung der polnischen Bischöfe steht : Herrscht in der bundesdeutschen Gesellschaft eine ähnlich positive Einstellung , um den Satz „ Wir vergeben und bitten um Vergebung “ auszusprechen . Auf der einen Seite war die Antwort der deutschen Bischöfe also sehr enttäuschend . Auf der anderen Seite aber hat gleichzeitig die bundesdeutsche Gesellschaft , haben die Katholiken , sehr aktiv reagiert und sind auch ermuntert worden , den Dialog mit Polen zu suchen , weil sie die Bedeutung des Briefes erkannt und anerkannt haben .
Das Gespräch führte Rudolf Urban .
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SoNNTAGSBLATT
Bleiben oder gehen ?
Vor dreißig Jahren gipfelte der Exodus der Rumäniendeutschen

Von Richard Guth s

Diese Frage stellten sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren viele Rumäniendeutsche aus dem Kreise der Siebenbürger Sachsen und Landler sowie der Banater und Sathmarer Schwaben ( neben kleineren Gemeinschaften der Rumäniendeutschen ). „ Wenn Verwandte und Freunde aus der Nachbarschaft das Land verlassen haben , die deutsche Schule geschlossen wurde und auch der Herr Pfarrer die Heimat verlassen hat , warum sollten gerade wir noch bleiben ?“ lautete es vielfach . Die Ausreisewelle ( auch dank einer Vereinbarung der Bundesrepublik mit Diktator Ceauşescu ) beschleunigte sich Mitte der 1970er Jahre , so dass jährlich 10.000 bis 12.000 Deutsche von der Bundesrepublik „ freigekauft ” wurden – der Preis hing von der beruflichen Qualifikation der Auswanderer ab . Von der Auswanderung waren die einzelnen Siedlungsgebiete und sogar Ortschaften unterschiedlich betroffen : So gab es Anfang 1990 immer noch Ortschaften , wo die Deutschen die Bevölkerungsmehrheit stellten und es in den Jahren zuvor kaum nennenswerte Auswanderung gab . 1989 / 90 brachen aber alle Dämme – allein im Jahr 1990 verließen 111.000 Deutsche Rumänien . Das Sonntagsblatt sprach mit drei Siebenbürger Sachsen mittleren Alters – ihr Schicksal steht stellvertretend für das Schicksal von Hunderttausenden : Der eine blieb , der andere verließ die alte Heimat , dennoch blieb das siebenbürgische Erbe als Teil ihrer Identität erhalten .
Der 52-jährige Erwin Maurer aus Sächsisch-Neudorf / Nou Săsesc ( Kreis Hermannstadt / Sibiu ) ist ein bekennender Landmensch . Er hat zwar seine Schulzeit in Mediasch / Mediaş verbracht , wo seine Eltern gearbeitet und gewohnt haben , aber verbrachte die ersten sechs Jahre seines Lebens mit den Großeltern in Neudorf : „ Mir hat das Stadtleben nie gefallen . Ich habe auch in der Schulzeit die Ferien in Neudorf verbracht . 1991 , also vor dreißig Jahren , wurde ich bei der „ Gas ” ( Transgaz S . A . Mediasch , R . G .) angestellt . So bin ich in Neudorf geblieben und es tut mir nicht leid ”, so der Sachse . Die Zeit seit der Wende beschreibt der Operator so : „ Verändert hat sich , dass es genügend Nahrung für das Volk gibt , aber nicht genügend Arbeitsplätze .” Dennoch glaubt Maurer , dass „ die Siebenbürger Sachsen immer gehabt haben , was sie brauchten , mussten also nicht auswandern ”, womit er auch eine Begründung geliefert hat , warum er geblieben ist . Nicht so seine Familie : 1993 wanderten sowohl seine Eltern als auch sein Bruder nach Deutschland aus . Er heiratete drei Jahre später eine Sächsin – die Familiensprache ist sächsisch geblieben , selbst die Enkelkinder sprechen die Sprache , obwohl ihr Vater Rumäne ist . Dieser spricht nach Maurers Angaben Deutsch und eigne sich peu à peu das Sächsische an . Der Angestellte beim Gasunternehmen betreibt seit den Neunzigern auch Landwirtschaft , er hält Büffel .
Neudorf , wo Maurer lebt ( vier Kilometer von Malmkrog / Mălâncrav entfernt , dem die JBG-Reisegruppe im Herbst 2019 einen Besuch abstattete ), hat 325 Einwohner und wird zuzu einem großen Teil von Rumänen bewohnt . Aber im Ort leben auch Sachsen , zusammen mit Familienangehörigen aus Mischehen 45 Evangelische und 20 Adventisten , sowie sechs Romafamilien , „ anständige Familien , die arbeiten gehen und nicht betteln ”. Nach Angaben des Siebenbürger Sachsen , der Kirchenvater der Evangelischen Kirchengemeinde A . B . Neudorf ist , arbeiten die meisten bei Transgaz S . A . oder in der Landwirtschaft . Die Evangelische Gemeinde feiert mit Pfarrer Martin Türk König noch jeden Sonntag Gottesdienst ; die Predigt übernehmen der Pfarrer und Kurator Michael Homm . Maurer als Kirchenvater hat wie bei uns Katholiken der Sigrist oder Küster ein vielfältiges Aufgabenfeld : „ Ich bin Organist , läute die Glocken und organisiere , wenn etwas stattfindet , zum Beispiel ein Begräbnis .”
Auch eine deutsche Schule gibt es für die Jahrgänge 14 , allerdings besuchen diese nur drei Kinder ( in vier Jahrgängen ). Aber auch die Rumänischsprachigen kommen nur auf insgesamt sechs Grundschulkinder . Einen deutschen Kindergarten gibt es nach Angaben des 52-Jährigen nicht mehr . Das Zusammenleben mit den anderen Nationalitäten bezeichnet Maurer als gut , aber wie er sagt , gebe es viele aus der Walachei und der Moldau , die nach Siebenbürgen kämen und sich nur schwer integrieren würden . Zu den Ausgewanderten pflegt der Kirchenvater nach eigenem Bekunden eine gute Beziehung : „ Es haben wenige Neudorfer die Höfe verkauft und diese kommen jedes Jahr in Urlaub und renovieren die Häuser . Die jetzt vor der Rente stehen , sagen , sie würden nach Hause kommen in der Rente und in Siebenbürgen leben , zufrieden und ohne Stress .” Daher wagt Maurer bezüglich der Zukunft der Siebenbürger Sachsen eine verhalten positive Prognose : „ Wenn es sich ergibt , dass manche nach Hause kommen , würde es eine schöne Zukunft geben für uns Sachsen … so sehe ich ‘ s wenigstens !”
Mehr als ein Jahrzehnt jünger ist mein anderer Gesprächspartner , der im 40 Kilometer entfernten Zuckmantel / Ţigmandru ( Kreis Mieresch ) geboren wurde . Ulrich Müller , Jahrgang 1980 , wanderte 1991 mit seiner Familie nach Deutschland aus , wie er
( Fortsetzung auf Seite 16 )
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