Sonntagsblatt 2/2021 | Page 14

Etwas anders war es im Fall der DDR . Im Jahr 1950 wurde nämlich ein sog . Friedensvertrag zwischen der DDR und Polen unterzeichnet , in dem es auch um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Friedensgrenze ging . Wie wir aber aus der Geschichte wissen , wurde dieser Vertrag politisch instrumentalisiert . So war es z . B . nach den Ereignissen 1956 in Polen , die von Ostberlin argwöhnisch beobachtet wurden . Anfang 1957 dann wurde die Grenzfrage wieder aufgerollt : Die DDR hat sich als Garant für deren Verlauf gezeigt , wenn Polen im sozialistischen Lager bleibt .
Das andere ist der Grenzvertrag von 1990 selbst , dem der schon angesprochene Zwei-Plus-Vier-Vertrag vorausging , der ja von Vertretern der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition unterzeichnet wurde und bei dem es auch um die Grenzfragen in Europa ging . Mit der Unterzeichnung des Vertrages am 14 . November 1990 wurde diese Grenzfrage endgültig geregelt und sie wird auch als geregelt geachtet , somit ist sie gleichfalls völkerrechtlich bindend .
Es war also eine reine Formsache , die Grenze von 1945 anzuerkennen . Streitpunkte , Gebietsansprüche gab es dann keine mehr .
Ja , das könnte man vielleicht so erklären , dennoch gibt es ein Aber . Denn man darf nicht vergessen , dass mit dem Verlust der sog . deutschen Ostgebiete das Thema immer wieder in der bundesdeutschen Politik eine Rolle spielte . In den 50er Jahren wurde mehr oder weniger deutlich gemacht , dass diese Gebiete eines Tages doch wieder an Deutschland fallen werden . Es wurde also auch seitens der Politik der Anschein erweckt , dass diese Grenzziehung nicht endgültig sei . Dabei war aber der Standpunkt der Bundesregierungen immer , dass Veränderungen möglich sind , aber nur friedlich . Diese Frage wurde also auf die lange Bank geschoben . Trotzdem hatte man immer wieder die Aktualität dieser Frage betont , was auch mit den Vertriebenenverbänden zusammenhing , die eine ganz große Rolle in der bundesdeutschen Politik der 50er und 60er Jahre spielten .
Das Problem , dass man dieses Thema in Westdeutschland nun nicht so klar und deutlich sah , wie es die polnische Seite tat , hatte zur Folge , dass östlich der Grenze Unsicherheit herrschte . Das war also keine Formalie , sondern hing sehr mit der Mentalität zusammen . Man musste hier ein neues Denken entwickeln . Wie schwierig dies war , sieht man u . a . auch am Beispiel einiger Menschen , die sich um die deutsch-polnische Versöhnung verdient gemacht haben . Z . B . sollte in der Delegation Willy Brandts

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jakob bleyer
GEMEINSCHAFT e. V . nach Polen im Jahr 1970 auch Marion Gräfin Dönhoff dabei sein . Sie schrieb aber als Antwort auf diese Einladung Brandts einen ganz langen Brief , in dem sie erklärte , wieso sie nicht mit nach Polen fahren wolle . Für sie sei die Unterzeichnung des Grundlagenvertrages gleichzeitig ein Verzicht auf ihre alte Heimat .
Es war also auch eine mentale Frage . Es ging über die Jahre nicht nur um juristische Fragen , sondern wirklich um die Gefühle , die man zur alten Heimat hatte . Auf einmal war man aber damit konfrontiert , dass diese alte Heimat verloren ist . Wie emotional diese Frage war , sehen wir dann in den Jahren 1989 / 90 , wo es zu Gesprächen zwischen Bundeskanzler Kohl und den Vertriebenenvertretern kam , in denen er immer wieder versuchte zu erklären , dass die Grenzanerkennung eine notwendige Entscheidung ist . Damit waren die Vertriebenen natürlich nicht einverstanden . Man sieht also , dass der Verzicht sehr problematisch und emotionsgeladen war .
Dass diese Frage heute nicht mehr angesprochen wird und keine Emotionen befördert , empfinde ich als ein Wunder . Und das hängt sicher auch damit zusammen , dass Polen und Deutsche sich nach 1989 besser kennengelernt haben und einen Dialog begonnen haben auch über die schwierigen Fragen wie Grenzveränderungen und den Umgang mit dem deutschen Kulturerbe . Wir sind also heute in unserer Nachbarschaft viel weiter als Ende der 80er Jahre .
Über die Grenze und ihren Verlauf diskutieren Polen und Deutsche heute wahrlich nicht mehr . Aber das Thema Versöhnung ist immer noch aktuell . Und ein symbolischer Schritt auf dem Weg zur Versöhnung war der sog . Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe vom 18 . November 1965 mit den historischen Worten „ Wir vergeben und bitten um Vergebung “. Waren , aus heutiger Sicht , die polnischen Bischöfe damals nicht zu forsch mit diesem Satz 20 Jahre nach dem Kriegsende ? Die Gesellschaft war damals wohl noch nicht bereit für einen solchen Schritt .
Ja , in der Tat , aber wir sehen , dass damals die Amtskirche den Mut hatte , diese klugen Worte auszusprechen ! Denn man muss sich vergegenwärtigen , dass dieser Brief nicht nur auf diesen einen Satz zu reduzieren ist , sondern dass die polnischen Bischöfe versucht haben , 1000 Jahre der deutsch-polnischen Beziehungen darzustellen und als Folge der Feindschaft des 19 . und 20 . Jahrhunderts kamen sie zu einem solchen Schluss . Das ist auch sehr christlich : Wir sehen die Schuld nicht nur auf der anderen Seite , sondern auch bei uns . Ich finde diesen Satz immer noch sehr aktuell und es ist eine große Herausforderung nach so vielen Jahren , wo wir unter ganz anderen Bedingungen und in ganz anderen Systemen leben , sich trotzdem zu vergegenwärtigen , wie mutig die Bischöfe damals im Jahr 1965 waren .
Im Rückblick auf die deutsch-polnische Geschichte muss man sagen , dass dies ein sehr wichtiger Schritt für die Versöhnung gewesen ist . Er wurde damals aber natürlich nicht von allen Polen mitgetragen . 20 Jahre seit dem Kriegsende waren für viele Polen zu wenig Zeit , um zu begreifen , was Polen erleiden musste und trotzdem auf Versöhnungskurs zu gehen . Auf einmal die Hand auszustrecken war nur für wenige damals möglich . Aber die Bischöfe und die Laien , die diesen Weg gegangen sind , sie haben uns einen Kurs vorgegeben , wie wir zueinanderkommen können . Und ich glaube , die heutigen guten deutsch-polnischen Beziehungen , auch wenn wir uns über ihren aktuellen Stand streiten können , basieren auf dieser Entscheidung von damals , dass man versuchte , aufeinander zuzugehen und die Schuld nicht nur bei den anderen zu suchen . Das war damals etwas Neues , was wir z . B . aus den deutschfranzösischen Beziehungen nicht kennen . Es gibt auch dort Symbole , aber nicht in dieser Form . Das finde ich immer noch beachtenswert und sehr mutig .
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