ßert . Ritter wies dabei auf die Besonderheit des Erbrechts hin , bei dem selbst noch in den 1940er Jahren der Zusammenhalt des Familienbesitzes im Vordergrund gestanden habe : So erbte der älteste Sohn 75 % des Besitzes , der nächste ein Viertel oder Geld ; die anderen Kinder hätten beispielsweise priesterliche Berufe ergreifen sollen und die Mädchen hätten Mitgift erhalten . Mit Hilfe jüdischer Kreditgeber hätten dabei die zweitältesten Erben gepachteten Boden im Besitz eines Vorverkaufsrechts erwerben können , was in einer vom Adel geprägten ländlichen Gemeinschaft Aufstiegschancen geboten habe .
Bemerkenswert fand Ritter die Einschätzung des Verhältnisses zwischen den Deutschen und den Juden in den Kriegsjahren , mit nach Eindruck des Historikers Tendenzen zur „ Vernebelung ” oder gar Tabuisierung auch aus den historischen Erfahrungen der Folgezeit heraus . Zu den Orten der Interviews gehörten drei Gemeinden , wo es zu Massenmorden gekommen war : Kimling / Kimle , Pußtawam / Pusztavám und Wolfs / Balf . Die Interviewpartner betonten in den Gesprächen , so Ritter , stets die Bemühungen , die Juden vor Deportation und Arbeitsdienst zu bewahren , aber dennoch hätten viele zugeschaut . Auch habe es SS-Angehörige gegeben ( Ritter hat vier ehemalige SSler interviewt ), die Juden helfen wollten und die Konsequenzen trugen . Die Gründung des Volksbundes habe dabei eine Zäsur bedeutet : Gegründet um den Deutschunterricht zu fördern , in Ermangelung deutscher Schulen , habe er sich zu einer nationalsozialistischen Organisation entwickelt , die eine unrühmliche Rolle bei den SS-Zwangsrekrutierungen und bei der Deportation der Juden gespielt habe . Zurück zu Pußtawam : Hier habe eine Pfeilkreuzler oder SS-Division Juden , die mehrheitlich aus Nordostungarn stammten und im Dorf untergebracht waren , ermordet . Ihre Kleidungsstücke habe man in der Bevölkerung von Pußtawam und Moor / Mór ( neben Ödenburg die zweite Stadt , wo Zeitzeugen befragt wurden ) verteilt .
Interessante Details lieferte Georg Ritter zum Sinneswandel vieler Pfeilkreuzler zum Kommunismus , was beispielsweise das Wahlverhalten in der Gegend von Ofen zeige , aber auch wiederum zur gegenseitigen Hilfe , was Juden ( insbesondere Kinder ) vor der Deportation und Schwaben vor der Vertreibung rettete . Nach Erhebungen von Ritter gab es in acht von 44 Gemeinden Aktionen , die auf die Rettung von Juden abzielte . Dies zeige sich auch in der Familiengeschichte - der Großvater von Ritter war SS-Zwangsrekrutierter , der in einem Aluminiumwerk arbeitete , das viele jüdische Mitarbeiter hatte : Als Ritters Großvater nach der Rückkehr von der Front angezeigt worden sei , hätten ihm diese jüdischstämmigen ( leitendenden ) Angestellten geholfen . Auf der anderen Seite gab es auch Zeitzeugeninterviews , in denen man in Bezug auf die Verschleppung in die Sowjetunion von „ jüdischer Rache ” gesprochen habe , was mit einer gewissen „ Opfernarrative ” zu tun habe . Auch wenn es Lager für Deutsche gab , wie in Lendl / Lengyel und in Zanegg / Mosonszolnok , ist Ritter der Meinung , dass der Vergleich mit der Nazi-Vernichtungslagerhaft durch manche Zeitzeugen nicht Hand und Fuß habe , weil sie keinerlei Vorstellung und Informationen über das NS-Verbrechen gehabt hätten .
Der Historiker ging auch auf die zahlreichen Fälle ein , die als Heimatvertriebene nach Ungarn zurückgekehrt sind . Die Vertreibung habe für die Deutschen ein einschneidendes Erlebnis bedeutet . Dieser „ Rauswurf ” beförderte Verschwörungstheorien . Diese beruhten auf antisemitischen Stereotypen aus der Vorzeit .
Als Fazit sprach Georg Ritter von der Symbiose von Deutschen und Juden bis 1930 , die die bäuerliche Gemeinschaft gegenüber Adel und Gentry gestärkt habe . Dieser Kosmos sei in den kommenden zwei-drei Jahrzehnten gänzlich zerstört worden .
Den Podcast können Sie hier nachhören ( auf Ungarisch ): https :// mazsike . hu / podcast / 11-adas-svabok-es-zsidok-ritter-gyorgy-tortenesz /# bovebben
SoNNTAGSBLATT
Ich empfinde es als ein Wunder
Der Beitrag ist erstmalig im Wochenblatt , der Zeitung der Deutschen in Polen , am 18 . November 2020 erschienen . Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Chefredakteur Rudolf Urban .
Vor 30 Jahren wurde der deutsch-polnische Grenzvertrag geschlossen , vor 55 Jahren richteten die polnischen Bischöfe den historischen Brief an ihre deutschen Amtsbrüder . Über diese beiden bedeutenden Ereignisse in der deutsch-polnischen Nachkriegsgeschichte sprechen wir mit dem Historiker und Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland und Europastudien in Breslau / Wrocław , Prof . Krzysztof Ruchniewicz .
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Die deutsch-polnische Nachkriegsgrenze war , auch wenn sie faktisch im Jahr 1945 bestimmt wurde , über viele Jahre ein wichtiges Thema in beiden Ländern . Der Grenzvertrag dagegen scheint aber nur eine reine Formsache gewesen zu sein .
Es ist tatsächlich so , dass die Grenzfrage die wichtigste zwischen Deutschland und Polen gewesen ist . Aber eine der Folgen des Zwei-Plus-Vier-Vertrages , der einige Wochen vorher unterzeichnet worden war , war die Versicherung Deutschlands , dass diese deutsch-polnische Grenze an Oder und Neiße als endgültige Grenze anerkannt wird ; d . h ., es war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Gegenstand jedweder Diskussionen , sondern die Anerkennung war u . a . Voraussetzung für die deutsche Einheit . Deutschland hat sich also verpflichtet , mit Polen nach der Vereinigung einen separaten Vertrag zu unterzeichnen und dies ist ja auch erfolgt .
Es hieß aber seit dem Kriegsende , dass die endgültige Grenzfrage in einem Friedensvertrag geregelt werden sollte . Ein solcher ist der Grenzvertrag aber im Grunde nicht und trotzdem ist er völkerrechtlich bindend .
Sie sprechen hier gleich zwei Fragen an : zum einen über deutsch-polnische Verträge , die vor dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag unterzeichnet worden sind und zum anderen über die Auslegung des Grenzvertrages . Also der Reihe nach :
Tatsächlich ist es so , dass die Staaten der Anti-Hitler-Koalition sich in Potsdam geeinigt haben , dass Polen einen Zuwachs im Westen bekommt und die Gebiete , die einmal zu Deutschland gehört haben , unter polnische Verwaltung gestellt werden . Die endgültige Festlegung der deutsch-polnischen Grenze sollte dann in einem Friedensvertrag bestätigt werden .
Hier haben wir es mit zwei Interpretationen des Potsdamer Abkommens zu tun : Zum einen die polnische , die argumentierte , mit der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung sei die Endgültigkeit der Entscheidung bestätigt . Es hieß also , Polen hat diese Gebiete übernommen , die zwar nur unter Verwaltung standen , aber jetzt eben ohne deutsche Bevölkerung waren , weshalb auch eine polnische Ansiedlung begonnen hat . Zum anderen hat die deutsche Seite jahrzehntelang die Meinung vertreten , dass es nur im Zuge der Vereinigung Deutschlands möglich ist , die Grenze anzuerkennen . Sie hat also die Grenzziehung nicht anerkannt . Sogar nach 1970 nach der Unterzeichnung der Normalisierungsverträge durch Bundeskanzler Brandt wurde diese Frage noch einmal innerhalb Deutschlands behandelt und vom Bundesverfassungsgericht entschieden . Das Gericht stellte mehr oder weniger fest , dass diese Frage tatsächlich erst infolge eines Friedensvertrages geregelt werden kann .
( Fortsetzung auf Seite 14 )
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