beteten die fünfzehn katholischen Priester im selben Gefängnis für ihn . Mit diesen Brüdern konnte er die Ökumene auf ganz besondere Art und Weise erleben . An Weihnachten 1949 hielt er mit seinen katholischen Priesterbrüdern gemeinsamen Gottesdienst in einer größeren Zelle . Da er keine Bibel hatte , zitierte Ordass die Weihnachtsgeschichte frei . In seiner Predigt sagte er – wie nachher aufgeschrieben – unter anderem :
Die kommunistische Macht stellte Ordass zum zweiten Mal mit einem rechtsbrechenden Beschluss beiseite . Bis zu seinem Tod im Jahre 1978 wartete noch eine Reihe erneuter Demütigungen auf ihn . Doch die Zeit hat Lajos Ordass bestätigt .
„ Ich behaupte vor euch mit stiller Überzeugung , dass wir zu sechszehnt jetzt lauter predigen als damals , als wir uns noch für freie Menschen hielten . Sogar halte ich es nicht für unmöglich , dass wir jetzt wahrer predigen als damals .”
Nach einer Weile wurde er ins Gefängnis in Waitzen verlegt , dort kam er in Einzelhaft . Um sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren , lebte er nach strenger Tagesordnung : Morgens auf Englisch und abends auf Schwedisch hielt er Andachten für sich . In der Zwischenzeit rief er sich Kirchenlieder , Volkslieder , Literatur , lustige Geschichten und alte Begegnungen in Erinnerung , machte aus dem Gedächtnis Stenographieübungen und ging dann auf “ Gemeindebesuche “…
Während Ordass im Gefängnis setzte ihn das sogenannte Sonderdisziplinargericht seiner erpressten und beängstigten Kirche als Bischof ab – mit der Begründung , er könne seinen Dienst nicht ausüben . Diesen Beschluss erlebte Ordass als im Stich lassen und dies tat ihm mehr weh als all der Rufmord und die Gefangenschaft . Auch nachdem er freigelassen war , lebte er in Budapest kaltgestellt , praktisch in Hausarrest in seiner Wohnung in der Márvány-Gasse .
In der gegenüberliegenden Wohnung hatte die Geheimpolizei einen Überwachungsstützpunkt ausgebaut , sodass die Bewegungen von Ordass und etwaige Besucher beobachtet werden konnten .
Im politischen Brodeln des Sommers 1956 war es dann nicht mehr unvorstellbar , dass Ordass allmählich in den Dienst zurückkehre . Dazu trugen auch die Leiter der ausländischen Bruderkirchen bei , die die Rehabilitation des Bischofs entschlossen forderten . Während dem Aufstand traten die kollaborierenden Bischöfe ab , so konnte Ordass zurückkehren . Mit großer Energie warf er sich in die Arbeit : Er organisierte nicht nur das Leben der freigewordenen Kirche und half die Spenden zum Ziel zu bringen , sondern auch als besonders edle Geste bot er dem früher mächtigen , nun aber sich herumdrückenden und Vergeltung fürchtenden Vorsitzenden des Staatlichen Kirchenamtes den Schutz seiner eigenen Wohnung .
Am 31 . Oktober konnte Ordass wieder an seinem Bischofssitz in der Kirche am Deák-Platz predigen . Vor dem Gottesdienst konnte er ein schönes Zeichen der Solidarität erleben : Ihm wurde die Trauerschleife überreicht , die man am Tag seiner Verhaftung am Altar der Kirche auf das Kreuz gehängt hatte .
Am 2 . November hielt er eine Rundfunkrede von großer Wirkung . Er trat ein für den Aufstand und für die Freiheit der Kirche , bat aber auch um die Hilfe der ausländischen Bruderkirchen – in englischer , deutscher und schwedischer Sprache . Nachdem der Aufstand niederschlagen worden war , kam es erst mit einer gewissen Verspätung zur Rückordnung in den Kirchen . 1957 war das Leben der lutheranischen Kirche von relativer Autonomie und Freiheit gekennzeichnet . Mit der Zeit gab es aber immer weniger Luft für Ordass . Zum zweiten Mal ging die berüchtigte Maschinerie an : erneuter Rufmord , dann Versuche der „ Salamitaktik ”, später die offenen Drohungen . Dem theologisch anspruchsvollen , mehrerer Sprachen mächtigen Ordass wurde der Ministerialkommissar Károly Grnák aufgedrängt , der die acht Klassen der Grundschule absolviert und eine Ausbildung als Maurer hatte - diese war noch mit einer dreimonatigen Parteischule gekrönt .
A pissl Schmonzl mit Dr . Georg Ritter
Die Geschichte einer Symbiose
Von Richard Guth
Der Begriff „ smonca “ ist auf das jiddische „ S ( c ) hmonze “ zurückzuführen und bedeutet „ Geplauder “, wie die Moderatorin uns erklärt . Aber dennoch soll es nach der Gastgeberin , Gabriella Dohi , um wichtige Dinge gehen : in erster Linie um das Jüdischsein . „ Smonca “ ist ein Podcast-Format des Mazsike , des Ungarisch-Jüdischen Kulturvereins ( Magyar Zsidó Kulturális Egyesület ), der 1989 als erste jüdische zivile Organisation gegründet wurde – der Aprilpodcast , also Audiobeitrag ( Nummer 11 ), tanzte aber ein wenig aus der Reihe , aber wiederum doch nicht .
Exkurs : Da kommt mir meine schwäbische Großtante aus Werischwar / Pilisvörösvár in den Sinn , die im „ vészkorszak ”, also zur Zeit der Judenverfolgung 1944 , einen Teppich in Empfang genommen hatte , der vom jüdischen Besitzer 1945 , als es mit der Verfolgung vorbei war , wieder abgeholt wurde .
Über deutschjüdische Beziehungen ging es im Gespräch von Dohai mit dem Schaumarer Historiker , Archivar und Filmkritiker Dr . Georg Ritter . Im Mittelpunkt des Gesprächs stand Ritters Dissertation „ Oh , Vaterland , warum ließt du es geschehen ?”, die auf 173 Interviews basiert . Den Satz entdeckte Ritter nach eigenen Angaben in der Gemeinde Woj / Baj , der von Aussiedlung und Vertreibung verschont blieb – der Historiker benutzte im Gespräch beide Begriffe gleichzeitig und begründete dies auch : Aussiedlung , vornehmlich ab Ende 1947 , aus den Häusern in andere Häuser , andere Dörfer und andere Komitate und Vertreibung aus der Heimat , die eine vollständige Enteignung und die Aberkennung der Staatsbürgerschaft beim Überqueren der ungarischen Grenze bedeutete .
Georg Ritters Dissertation gliedert sich in drei Teile : 1 .) Krieg und Verschleppung , 2 .) Vertreibung und 3 .) das Geschehen in den 1950er , 60er und 70er Jahren .
Nach Einschätzung von Ritter waren alle drei gleichermaßen historisch einschneidend . Ritter unterstrich , dass sich die ländlich geprägte deutsche Bevölkerung über Arbeit definierte – und hier kamen Juden , „ ein-zwei Familien je Gemeinde ”, ins Bild in den untersuchten „ Kulturlandschaften ” in Westungarn oder wie es Ritter nannte : vom Pilsner Gebirge bis Ostburgenland ( wie von den Dortigen genannt ) bzw . Wieselburg . Die Deutschen seien in erster Linie verkaufsorientierte Bauern – Landwirte - gewesen , die sich mit jüdischen Familien „ verbündet “ hätten , um das Angebaute zu vermarkten . Die Juden hätten nach ein , zwei Generationen in den Dörfern Krämerläden eröffnet , wo man gegen Kredit einkaufen konnte . Diese Juden waren laut Ritter Teil der Gemeinschaft , was das Beispiel des jüdischen Friedhofs zu Deutschpilsen / Nagybörzsöny zeige , kaum größer als ein Zimmer , abgezweigt vom evangelischen Friedhof . Interessant dabei sei die hohe Akzeptanz dieser ( oft deutschsprachigen ) jüdischen Mitbürger , denn selbst antisemitisch eingestellte Interviewpartner hätten sich lobend über sie vielfach Kreditgeber im Dorf geäu-
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