reicht werden konnten?
GG: Die Daten der Volkszählung 2022 sind- wenn man so will- tatsächlich ernüchternd. Bei der Interpretation der Zahlen ist jedoch wichtig zu wissen, dass sie nicht unbedingt einen Rückgang der „ tatsächlichen“ Bevölkerungszahl widerspiegeln, sondern zu einem erheblichen Teil die Folge technischer und methodischer Veränderungen der Volkszählung sind und nur teilweise auf eine Veränderung der erklärten Identität hinweisen.
Auch wenn es in Zukunft vermutlich keine Volkszählung mehr in der Form von 2022 geben wird – ja, es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass die traditionelle Form der Volkszählung ganz entfällt –, muss es weiterhin eine vorrangige Aufgabe bleiben, die „ verborgene“ ungarndeutsche Gemeinschaft zu erreichen. Zahlreiche ungarische Staatsbürger verfügen über deutsche Nationalitätenwurzeln, bekennen sich jedoch nur selten zu dieser Identität und beteiligen sich kaum am Gemeinschaftsleben.
Gerade deshalb brauchen wir Erneuerung: Wir dürfen nicht ausschließlich über Traditionen und die Werte der Vergangenheit sprechen, sondern müssen das moderne, erfolgreiche europäisch – ungarisch – deutsche Lebensgefühl in den Vordergrund stellen. Wir müssen die Botschaft vermitteln, dass es Freude und ein Wert ist, in Ungarn als Deutscher zu leben.
SB: Der demografische Abwärtstrend ist auch auf die Abwanderung der ungarischen Bevölkerung in westliche Länder, vor allem in die DACH-Staaten, zurückzuführen, was die deutsche Nationalitätengemeinschaft besonders stark betrifft. Was wäre ein wirkungsvoller Ansatz für die gemeinsame Konsenssuche und Zusammenarbeit mit der ungarischen Regierung, Fachinstituten oder sogar mit in Ungarn ansässigen deutschösterreichischen Unternehmen, um uns mit diesem Prozess auseinandersetzen?
GG: Der angesprochene Punkt weist auf die doppelte Verantwortung der nationalitätenspezifischen Vertretung hin: Obwohl die Abwanderung grundsätzlich ein gesamtgesellschaftliches und wirtschaftliches Phänomen ist, betrifft sie die Gemeinschaft der Ungarndeutschen in besonderem Maße. Aus ihrem gesamtgesellschaftlichen Charakter folgt, dass die Lösung nicht ausschließlich von unserer Gemeinschaft beziehungsweise vom Nationalitätenabgeordneten erwartet werden kann. Gleichzeitig müssen wir bei der Ausarbeitung von Lösungsvorschlägen präsent sein und die Interessen sowie die spezifischen Gesichtspunkte unserer Gemeinschaft konsequent zur Geltung bringen.
SB: Die in Wirklichkeit gelebte ungarndeutsche Zweisprachigkeit bildet eine der größten Missionen der deutschen Nationalitätenpolitik, welches Entwicklungspotential noch auf sich warten lässt, ganz zu schweigen davon, dass die Deutschkenntnisse in Ungarn insbesondere bei den jüngeren Generationen signifikant abnehmen. Was kann ein Nationalitätenabgeordneter tun, um die sowohl die ungarndeutsche als auch die allgemeine Deutschsprachigkeit in Ungarn( nicht nur für die Nationalität) auf parlamentarischer Ebene zu fördern und beliebter zu machen?
GG: Der Kampf gegen den Rückgang der deutschen Sprache ist nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine strategische Frage. Wir müssen den Ungarndeutschen bewusst
4
machen: Englisch ist ein Muss, Deutsch ist ein Plus! An die Stelle des Englischen kann in diesem Satz jede Weltsprache treten – an die Stelle des Deutschen jedoch nichts.
Diese Botschaft soll den „ deutschen“ Lebensweg – Schule → Stipendium → deutsches Unternehmen → Erfolg – als nachahmenswertes, ja attraktives und „ cooles“ Modell darstellen. All dies müssen wir anhand persönlicher, „ schwäbischer“ Beispiele und durch glaubwürdige Lebensgeschichten authentisch vermitteln.
SB: Ich möchte den Teufel keinesfalls an die Wand malen, aber man muss auch mit dem Szenario rechnen, dass es im April der Nationalität nicht gelingt, Sie als Abgeordneten ins Parlament zu entsenden. Haben Sie auch einen Plan B für den Fall erarbeitet, dass Sie wieder einmal als Nationalitätenfürsprecher- wie Emmerich Ritter vor 2018- zwischen Regierung und LdU werden agieren müssen?
GG: Nun ja, schon, aber nicht unbedingt gern; aber auf jeden Fall werde ich alle genannten Ziele sowie die Vorschläge, die künftig an mich, an uns herangetragen werden, verwirklichen. Der Status eines Sprechers bedeutet nicht das Ende der Arbeit, sondern eine andere Form des „ Kampfes“.
Auch wenn der Sprecher im Plenum kein Stimmrecht besitzt, bleiben seine parlamentarische Präsenz, sein Rederecht und seine Handlungsmöglichkeiten sowie seine Tätigkeit im Ausschuss der Nationalitäten weiterhin starke Instrumente in unserer Hand.
Ich bin überzeugt, dass wir unseren Zusammenhalt und die in uns liegende Kraft zeigen können – und dass die Ungarndeutsche Einheitsliste am 12. April 2026 die notwendige Unterstützung erhalten wird.
Ungarndeutsch. Steh’ dazu! Das Gespräch wurde von Stefan Pleyer geführt.