Sonntagsblatt 1/2026 | Page 32

Identität. Dieses „ Wir-Gefühl“ ergibt sich aus einer Gruppe von Individuen, die durch gemeinsame Symbolsysteme und Verhaltensnormen verbunden sind. Feiern junge Ungarndeutsche gemeinsam, planen Projekte oder teilen einfach nur ihre Familiengeschichten, machen sie sich als Zugehörige erkennbar.
Heute wird die ungarndeutsche Identität oft aktiv „ gewählt“. In einer Zeit, in der die Dialekte in den Familien immer seltener als Erstsprache fungieren, ist die Sprache nicht mehr das einzige Identitätsmerkmal. Viele Jugendliche definieren sich über eine hybride Identität. Diese Art Identität bedeutet, dass ein Individuum sich zwei oder mehreren Kulturen gleichermaßen zugehörig fühlt. Diese Individuen sind ungarische Staatsbürger, doch sie tanzen zu deutscher Musik und schöpfen Kraft und Stolz aus ihren deutschen Wurzeln. Heute gilt diese „ doppelte Bindung“ nicht mehr als Widerspruch, sondern wird von vielen als kultureller Mehrwert gesehen.
Um diese Identität lebendig zu halten, braucht es Räume, die über das Klassenzimmer hinausgehen. Organisationen wie die GJU( Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher) bieten genau diese Plattformen an. Durch Vernetzung und Projekte wie die „ GJU-Busfahrt“ entsteht ein lebendiges Netzwerk, das den Jugendlichen zeigt, dass sie Teil von etwas Größerem sind. Noch ein aktueller Höhepunkt in diesem Frühjahr ist die Jugendkonferenz der LdU( Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen) im März 2026. Solche Konferenzen sind essenziell, um den Dialog zwischen den Regionen und Generationen zu stärken. Online findet man auch Initiativen für die jungen Ungarndeutschen, so bringt beispielsweise das Medienprojekt SVUNG Minderheitenthemen mit Humor auf die sozialen Plattformen. Wenn über schwäbische Eigenheiten gelacht wird, schafft das eine emotionale Bindung, die oft stärker ist als jedes Lehrbuch.
Dem Zufall darf der Erhalt der Identität nicht überlassen werden. Um diesen auch attraktiver zeigen zu können, setzt die Gemeinschaft auf gezielte Unterstützungsmechanismen. Diese dienen als Werkzeuge, um das kulturelle
Erbe in den Alltag der jungen Generation zu integrieren und das Engagement attraktiv zu gestalten.
Ein wesentlicher Pfeiler dieser Unterstützung ist das von der LdU finanzierte Stipendium für Nationalitäten-Lehramtsstudierende. Hier wird direkt in die Zukunft investiert. Junge Menschen, die sich für das Studium Deutsch als Nationalitätensprache entscheiden, erhalten eine finanzielle Förderung. Es braucht qualifizierte Pädagogen, die die Sprache und das kulturelle Wissen professionell in den Schulen weitergeben können. Es ist eine Art „ Investition“ in die Infrastruktur unserer Identität.
Davon deutlich abzugrenzen ist das Edmund-Steinacker- Stipendium, das von der Jakob Bleyer Gemeinschaft zusammen mit dem Verein Deutscher Hochschüler( VDH) Budapest vergeben wird. Hier steht nicht das Studienfach im Mittelpunkt, sondern das persönliche Engagement. Während das LdU-Stipendium die berufliche Qualifikation fördert, hat das Steinacker-Stipendium die Anerkennung für junge Ungarndeutsche als Ziel, die sich- unabhängig von ihrem Berufswunsch- aktiv in die Gemeinschaft einbringen.
Egal ob angehender Ingenieur, Mediziner oder Künstler- man findet im Edmund- Steinacker-Netzwerk das „ Wir-Gefühl“. Dieses Netzwerk zeigt, dass die Pflege der Identität eine Herzensangelegenheit ist, die über den Beruf hinausgeht. Durch diese Anerkennung spüren die Jugendlichen, dass sie mit ihrem Handeln die Zukunft der Gemeinschaft mitgestalten können.
Die ungarndeutsche Jugend steht an einem Wendepunkt. Die Gefahr der weiteren Assimilation ist real, doch das Interesse an den Wurzeln wächst. Die neue Generation ist bereit, die Traditionen zu „ entstauben“ und zu modernisieren. Identität ist für sie kein Museumsstück, sondern ein Kompass für ihre eigene Zukunft. Solange junge Menschen bereit sind, „ Ja“ zu ihrer Herkunft zu sagen und diese Identität mit ihren modernen Werten zu verknüpfen, hat die deutsche Minderheit in Ungarn noch eine lebendige Zukunft vor sich.

DIE KARTOFFELSUPPE

Von Klara Burghardt
Ich stehe am Herd und rühre die Kartoffelsuppe um. Bald ist das Mittagessen fertig, ich erwarte meinen Sohn von der Arbeit, mit seiner geliebten Suppe. Der feine Duft bringt beim Umrühren Erinnerungen aus der Kindheit in mir herauf.
Auf dem Kirchenplatz war schon ein großer Rummel. Das riesengroße Ringelspiel flog in den Kreis, in mehreren Zelten konnte man auf Spielzeuge schießen. Die Betreiber dieser Maschinen waren Zigeuner, die aus dem ganzen Lande kamen. Am Mittwoch, vor dem zwölften September, dem Maria-Tag, kamen sie an.
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Die Kirche meines Heimatdorfes ist eine Maria-Kirche, die Gemeinde steht unter Mutter Gottes Schutz. So feierten und feiern auch heute die Dorfleute an diesem Tag die Kirchweih. Dieses Fest dauerte früher zwei Tage lang. Der Sonntag und der Montag waren diese Tage!
Die Kinder des Dorfes liefen am Mittwoch gegen Abend alle auf den Kirchenplatz und bewunderten die großen Teile des Ringelspiels auf den Wagen. Fröhlich winkten die Zigeuner den Kindern zu. Die liefen dann schnell nach Hause, um die fröhliche Nachricht der Familie mitzuteilen! „ Großmottr, Mottr, die Ringlspielr sen schon okumme!”