SCHLUSSWORT- LETZTE BOTSCHAFTEN DER KRIEGSGENERATION FESTGEHALTEN
Dr. Georg Ritter( Jg. 1980) ist Historiker, Archivar im Ungarischen Nationalarchiv, begeisterter Lokalpatriot seiner Heimatgemeinde Schaumar / Solymár, Filmkritiker und gehört heute zu den meistpublizierenden ungarndeutschen Historikern der jüngeren Generation in Ungarn. Für diejenigen, die sich für die Geschichte der Ungarndeutschen und insbesondere für die unmittelbare Vor- und Nachkriegszeit aus dem Blickwinkel unserer Volksgruppe interessieren, führt mittlerweile kein Weg an seinen Arbeiten vorbei. Oral History ist eines seiner wichtigsten Forschungsinstrumente: Seit Jahrzehnten dokumentiert er anhand von Interviews mit Zeitzeugen und der Nachkriegsgeneration die Gedächtniskultur der Ungarndeutschen. Er veröffentlichte bislang zwei selbstständige Bände zum Thema: Háború és elűzés: Emlékezések a második világháborúról és az 1946-os német kitelepítésről( 2011) [ dt. Krieg und Vertreibung: Erinnerungen über den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung um 1946 ] und das zweisprachige Hazáink / Heimatländer: Német és magyar kényszermigrációs sors a második világháború utáni Magyarországon( 2018) [ dt. Heimatländer: Deutsche und ungarische Schicksale Zwangsmigration in der Nachkriegszeit in Ungarn ]. Der Anlass dieses aktuellen Gespräches mit dem Historiker ist das Erscheinen seines neuesten Werkes Végszó [ dt. Schlusswort ] in zwei Bänden( 2025 / 2026). Das Interview führte Dr. Gabriella Sós.
SB: Ihre neueste Arbeit mit dem Titel „ Végszó“ [ dt. Schlusswort ] Erzählungen von Ungarndeutschen über ihre Unterwürfigkeit zwischen 1940-1970( Teil I Der Zweite Weltkrieg, Teil II Vertreibung und Entbäuerlichung) ist ein recht opulentes Werk. Auf wessen Schlusswort spielt eigentlich der Titel an? Ist das unser Schlusswort als ungarndeutsche Gemeinschaft? Ist es aus mit uns?
GR: Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. In vielen Orten kann man den Titel genauso interpretieren. Aber wie ich in der Einleitung zum ersten Buch sage, ist dies nicht das letzte Wort der Nationalität, sondern die letzte Äußerung der Generation, die die Zeit der 1930er Jahre, den Zweiten Weltkrieg, die Vertreibungen, die Kollektivierung, also die Entbäuerlichung, erlebt hat. Am Ende des zweiten Bandes gibt es jedoch das Geständnis eines meiner Interviewpartner, das dennoch vermuten lässt, dass mit dieser Generation – über die wir meiner Meinung nach nicht genug gesprochen haben – Wissen, Sprache, Arbeitskultur und Lebensphilosophie verschwunden sind, die wir nicht zurückholen können. Wenn es in 100 Jahren noch Ungarndeutsche geben wird, werden sie mit Sicherheit eine andere Mentalität haben als diejenigen, die hier zu Wort gekommen sind. Mir schien es, dass fast alle, die ich besucht und interviewt habe, über ihr Schicksal und ihre Leiden sprechen wollten. Deshalb auch der Titel „ Schlusswort“- die letzte Botschaft der Generation, die die herausfordernde, schwere Epoche für die Deutschen in Ungarn erlebt hat! Ihr Wissen muss nicht zurückgebracht, sondern verstanden und weitergedacht werden.
SB: Die Bände beinhalten insg. 162, größtenteils nicht mehr reproduzierbare und deshalb wertvolle Interviews mit Zeitzeugen aus 63 Gemeinden der Region Nordungarn. Was denken Sie, läuft uns die Zeit davon, solche Informationen festzuhalten?
GR: Darauf kann ich eine einfache Antwort geben. Leider lebt meines Wissens keiner der Zeitzeugen mehr. Leider habe ich nicht mehr zu allen 162 Personen Kontakt. Diejenigen, mit denen ich Kontakt hatte, sind schon alle verstorben. Das ist zum Teil auch ganz natürlich, da die meisten meiner Interviewpartner 1928 geboren wurden und somit dieses Jahr schon 98 Jahre alt wären. Das ist ein besonders hohes Alter. Die jüngere Generation lebt natürlich noch, sie sind 70 bis 75 Jahre alt, aber die meisten Erzähler kommen nicht aus ihren Reihen. Vor zwei Wochen sprach ich mit einem meiner Zeitzeugen, der seinen deutschen Namen wieder angenommen hatte, einen Schlaganfall erlitten hatte und sich nicht mehr an mich erinnerte. Ich weiß nicht, ob er heute seine Geschichte so erzählen könnte, wie er es vor 13 Jahren getan hat. Es gibt jedoch auch heute noch viele, die über die Generation ihrer Eltern sprechen können. Seit den 80er Jahren wurden viele Interviews geführt, die man ebenfalls analysieren könnte. Im Allgemeinen sagt man, dass Interviews, die sich mit Traumata befassen, acht Jahrzehnte nach den Ereignissen nur noch reflexiv ausgewertet werden können. Ich denke jedoch, dass die Zeitzeugen bereits verstorben sind...
SB: Was waren für Sie die wichtigsten Eckpunkte, die Sie bei Ihren Fragestellungen für sich gesetzt haben?
GR: Am wichtigsten war mir, herauszufinden, wie die Deutschen ihre Entrechtung erlebt hatten. Ich besuchte alle Ortschaften vom Donauknie bis zum Alpenvorland. Überall habe ich mich darüber informiert, was die Deutschen erleiden mussten. Wurden sie aus ihren Häusern vertrieben oder nach Deutschland deportiert, mussten sie Zwangsarbeit( Malenkij Robot) leisten oder wurden sie als SS-Soldaten verschleppt usw. Für mich war es wichtig, die Deutschen differenziert zu betrachten. Sie waren also nicht nur Opfer, sondern auch Unterdrücker. Es gab solche, die Juden retteten, und solche, die Juden zum Bahnhof verschleppten. Es gab solche, die am Aufstand in Tiszalök beteiligt waren, und solche, die auf der anderen Seite als Mitglieder der Staatssicherheit( ung. Államvédelmi Hiva-
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