fahren: Im Bus wurde durchgehend auf Deutsch gesungen. Anfangs nutzten wir ein Gebetbuch namens „ Rosengarten“, später kam ein Gesangbuch, das in meiner Zeit unter dem Titel „ Volk für Gott“ erschien.
Hier zeigt sich, dass Assimilation nicht verhindert werden kann, aber die Wurzeln und die Identität zu bewahren wichtig ist. Viele sprechen heute kein Deutsch mehr, aber sie achten darauf, sich der deutschen Gemeinschaft gegenüber weiterhin verbunden zu fühlen.
SB: Welche Bedeutung haben die Kontakte nach Deutschland für Sie persönlich gehabt?
Mayer: Während meines Studiums bin ich zum ersten Mal in die DDR gereist. Nach meiner Priesterweihe konnte ich schließlich auch nach Westdeutschland und nach Österreich reisen. Erst da lernte ich die deutschen Verwandten im Ausland kennen. Viele meiner Verwandten waren durch die Vertreibung verstreut; jedes Mal, wenn ich ins Ausland fuhr, war das offizielle Reiseziel Familienbesuch: Verwandte wiederfinden und Kontakte knüpfen.
In meiner Jugend zeigten die verschiedenen Kontakte deutlich, dass ich mit der deutschen Sprache gut zurechtkam. In Polen zum Beispiel konnte fast jeder Bischof Deutsch, und ein polnischer Bischof sagte einmal: Die Minderheitensprache ist die Sprache des Herzens, die Staatssprache die Sprache des Brotes. Wenn man darüber nachdenkt, wirkt das tief.
Dank meiner Deutschkenntnisse konnte ich auch nach Wien reisen und fast alle österreichischen Bischöfe kennen lernen. Viele deutsche Bischöfe kannte ich ebenfalls persönlich. Über die deutsche Sprache öffnete sich mir die römisch-katholische Kirche. Meine Erfahrungen mit der deutschen Sprache, die persönlichen Begegnungen mit Bischöfen und Priestern sowie Einladungen zu Wallfahrten nach Deutschland waren durchweg positiv. Sie halfen mir, eine offene Kirche zu sehen und nicht nur eine verschlossene Institution, wie sie es während der kommunistischen Zeit war.
SB: Seit ihrem Rückzug vom Bischofsamt sind Sie Priester in Kokrsch / Kakasd. Wie steht es dort um die ungarndeutsche Gemeinschaft?
Mayer: In Kokrsch gab es einmal eine deutsche Messe, aber die Gemeindemitglieder sind älter geworden, viele gestorben oder krank. Unsere Versuche, die Tradition aufrechtzuerhalten, hatten daher keinen Erfolg. Heute gibt es in den Gemeinden deutsche Selbstverwaltungen, auch in Kokrsch. Bei Kulturveranstaltungen treten meist dieselben Personen auf – einmal in Sekler-Tracht, einmal in deutscher Tracht. Das zeigt, dass man bemüht ist- viele freuen sich über das kulturelle Angebot. In Seksard war es ähnlich: Als ich hierherkam, gab es jeden Monat eine deutsche Messe in der Neustadtpfarrkirche, die Predigt war jedoch auf Ungarisch.
Ein Gemeindemitglied brachte es einmal auf den Punkt: „ Herr Bischof, wenn Sie Deutsch sprechen, verstehen wir alles. Kommt aber ein deutscher Priester, verstehen wir kaum ein Wort.“ Wer in der Tolnau aufgewachsen ist, spricht oft eine starre, fast altmodische Form des Deutschen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Ich sage dann gern: Wenn alle verstehen, was ich sage, weiß ich, dass mein Deutsch eher schwach ist.
SB: Welche Maßnahmen wären wichtig, um den Erhalt der deutschen Sprache zu fördern?
Mayer: Bei der Frage, wie man die deutsche Sprache und Kultur erhalten kann, sehe ich Parallelen zu anderen Minderheiten. Ich hörte kürzlich, dass Tschango-Madjaren bei Kulturprogrammen oft versuchen, auf Ungarisch zu sprechen, untereinander aber rumänisch reden. Ähnliches beobachte ich in Ungarn: Es gibt deutschsprachige Kulturprogramme, etwa in Budapest oder Werischwar / Pilisvörösvár, doch die Kinder interessieren sich kaum noch für Deutsch, wollen eher Englisch lernen, da digitale Angebote und Medien überwiegend auf Englisch sind. Früher war es noch selbstverständlich, die Sprache zu lernen, um sich verständigen zu können.
SB: Welche Maßnahmen wären notwendig, um gerade die ungarndeutsche Jugend zu erreichen?
Mayer: Wichtig ist, kulturelle Hintergründe zu vermitteln. Es ist entscheidend, dass Kinder heute lernen, wie sehr die kommunistische Zeit die Wahrnehmung von Religion und Wissenschaft verzerrt hat. Früher sagte man: Ohne Religion ist die Wissenschaft blind, ohne Wissenschaft ist die Religion bigott. Religion prägt die Weltanschauung, Wissenschaft das Weltbild. Diese Trennung wird heute oft noch verwechselt, und das beeinflusst die Haltung der jungen Generation.
Ich habe mich erkundigt: Im Valeria-Koch-Zentrum gibt es inzwischen Religionsunterricht und jedes Jahr wird eine deutsche Erstkommunion gefeiert. Wird dies inhaltlich ernsthaft gestaltet, kann es den Kindern Stabilität geben. Denn wenn sie die deutsche Sprache lernen, können die Kinder sich ein besonderes Werkzeug aneignen. Es darf jedoch nicht nur um das Werkzeug selbst gehen – sonst bleibt alles oberflächlich. Umso wichtiger ist es, dass in diesen Schulen moralische Orientierung vermittelt wird. Papst Leo XIV. betont: Glaube und moralische Werte sind entscheidend. Religion gibt Orientierung, Wissenschaft formt das Weltbild. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder in deutschen Gemeinden auch kirchliche Allgemeinbildung auf Deutsch erhalten.
SB: Wie sehen Sie persönlich die Zukunft der Ungarndeutschen?
Mayer: Wer die deutsche Sprache beherrscht und schon ein Hochschul- oder Universitätsstudium abgeschlossen hat, kann sich oft nur auf ungarischen Arbeitsplätzen durchsetzen. Fehlt eine angemessene Bildung, verläuft die Assimilation schnell. Gibt es aber deutschen Unterricht und entsprechende Kontakte, verläuft die Integration langsamer und die deutsche Sprache bleibt als wichtiges Mittel stärker in der Gesellschaft erhalten. Wenn ich also sage, dass die Assimilation hier langsamer verläuft, bedeutet das, dass die deutsche Sprache und die deutschen Wurzeln wenigstens im Bewusstsein der Gesellschaft erhalten bleiben. Das zeigt auch, dass das Bewusstsein der deutschen Herkunft eine positive Bedeutung hat.
SB: Herr Altbischof Mayer, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Martin Böhm.
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