Sonntagsblatt 1/2026 | Page 26

groß war; die meisten Männer starben im Krieg. Die Gefangenen, wie mein Großvater, wurden sogar gefoltert. Nur Frauen, Kinder und Alte blieben zurück, viele von ihnen verhungerten. Alle Schwaben der Gegend wurden hierher deportiert( aus den Gemeinden Soltur( Seultour), Charleville und St. Hubert, heute vereinigt als Gemeinde Banatsko Veliko Selo, sowie Mastort / Novi Kozarci und Zerne). Nach dem Krieg wurden bosnische Kolonisten dort angesiedelt, doch nach der Flut stürzten die Häuser ein, und auch sie zogen weg. Heute erstreckt sich an ihrer Stelle ein großer Pappelwald, und anstelle der Häuser erhebt sich ein Hügel. Das nächste Dorf ist Toba“, erzählt der 65-Jährige.
Sie haben es richtig gesehen: Manche Gemeinden im Banat tragen / trugen französische Namen – dies ist auf die Kolonisationsgeschichte nach den Türkenkriegen zurückzuführen, als aus Lothringen französische Siedler in die Gegend kamen. Besiedelt wurden die Dörfer der Gegend von Maria Theresia: Neben Franzosen kamen vornehmlich deutsche Siedler – an den französischen Ursprung erinnerten die Nachfahren nach einer gewissen Zeit nur noch die französischen Nachnamen wie bei Mutter Emilia( Jg. 1935), die, wie viele Bewohner des Banats, mehrsprachig war und gut Schwäbisch, Serbisch und Ungarisch gesprochen habe. Emmerich selbst, geboren 1960 in einer Mischehe, wuchs in einem madjarischen Dorf namens Neu-Itebe / Novi Itebej / Magyarittabé auf und besuchte die ungarische Schule.
Kennen gelernt haben sich Emmerichs Eltern auf einem Bauernhof nahe Neu-Itebe: Also hat Mutter Emilia in eine madjarische Familie eingeheiratet, Familiensprache sei Ungarisch gewesen. Nebenan habe ihr Cousin gewohnt, mit dem sie Mundart gesprochen habe. Genauso mit der Oma von Emmerich Gulyás, die einen Serben geheiratet hat: Dies führte zu einer interessanten Konstellation: Die
Oma habe zwar das Ungarische verstanden, habe es aber nicht sprechen können – wenn Emmerich der Oma etwas auf Ungarisch erzählt habe, habe sie auf Serbisch geantwortet. Man habe nie ein Gefühl von Hass verspürt, es sei stets ein gutes Miteinander zwischen Deutschen, Madjaren und Serben gewesen.
Deutsch lernte Gulyás in der Schule, aber es sei nie zur zweiten Muttersprache geworden – dennoch betrachtet er das Schwäbische als eine „ besondere Sprache“. Der Mutter sei diese Sprache nicht nur von Haus aus identitätsstiftend: Sie schrieb die Texte stets nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung, der Unterrichtssprache in ihrer Grundschule damals.
Sohn Emmerich Gulyás durchlief hingegen eine madjarische und serbische Sozialisation und erlernte den Beruf des Kochs – er arbeitete von 1983 an 17 Jahre lang in Neusatz, der Hauptstadt der Autonomen Provinz Vojvodina – am Ende verdiente er 150 Euro( damals 45.000 Forint) im Monat. Die wenige Arbeit und die geringen Löhne trieben ihn wie viele andere Landsleute in den Westen: Gulyás ist seit 2012 im Besitz der ungarischen Staatsangehörigkeit und somit Nutznießer der Freizügigkeit in der EU. Er arbeitet seit einigen Jahren in der Urheimat der Ahnen: in einer Kantine in Niedersachsen. Und da macht er so seine Erfahrungen: Die Deutschen hätten keine Ahnung von den Banater Schwaben, die Kroaten, bei denen er auch schon gearbeitet hat, wiederum von der Existenz der Madjaren in der Vojvodina.

ZIEL: DER JUGEND MORALISCHE ORIENTIE- RUNG AUF DEUTSCH GEBEN

SB-Interview mit Altbischof Michael Mayer anlässlich seines 85. Geburtstags
SB: Herr Altbischof Mayer, Sie sind vor 85 Jahren in Kleindorog / Kisdorog im Komitat Tolnau geboren und aufgewachsen. Konnten Sie Ihre ungarndeutsche Identität in der Jugendzeit ausleben?
Mayer: Ich bin 1947 in die Volksschule gekommen, aber die deutsche Schule in Kleindorog war bereits 1945 vollständig verschwunden. In das Dorf waren damals Sekler- Familien gezogen. Als ich eingeschult wurde, gab es zwar noch einige Deutsche, doch der Unterricht fand komplett auf Ungarisch statt. Die Gemeinden waren gemischt – Sekler, Ungarn( Madjaren, Red.) aus der heutigen Slowakei, und die verbliebenen Deutschen – und auch in der Kirche sprach man nur ungarisch. Im Komitat Tolnau galt die deutsche Sprache damals als reaktionär; offiziell durfte sie nicht verwendet werden.
SB: Haben Sie später in der Schule Deutsch lernen können?
Mayer: Erst 1956, in der zweiten Klasse des Gymnasiums in Bonnhard, begann ich regelmäßig Deutsch zu lernen – zusammen mit Schülern, die zuvor kein Wort Deutsch konnten. Das war damals anstelle von Russisch möglich geworden. Meine Generation hatte die Sprache zunächst von den Großeltern gehört und auch die Eltern sprachen noch Deutsch. Weil der gesamte Schulbetrieb aber auf Ungarisch lief, begannen viele von uns zunächst in einer Mischsprache zu sprechen und später fast ausschließlich auf Ungarisch. Wer diesen Hintergrund kennt, versteht auch, warum heute nicht häufiger auf Deutsch Messe gefeiert wird. Die meisten Priester könnten zwar auf Deutsch zelebrieren, doch eine Predigt auf Deutsch zu halten, ist etwas völlig anderes – das sieht man auch in den kroatischen
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