Sonntagsblatt 1/2026 | Page 25

Beide haben nach eigenem Bekunden ihren Heimatort seit längerem verlassen und beklagen sich über die vermeintliche Verrohung der Sitten: „ Früher hat man die Hand gegeben und so war das Gesetz. Aber heute!”, so einer der Männer. Die beiden erzählen noch von früheren Zeiten(„ meine Oma sprach kein Ungarisch”) und streifen die Zeit der Vertreibung und die Ankunft der Sekler und „ Tschechen”- also Madjaren aus dem ehemaligen Oberungarn. Wir verabschieden uns, die Gräber der Verwandtschaft warten.

ETHNISCHE MATRIX

An den Rand eines geteilten Fotos
Von Richard Guth
Dass Zuwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg ein stetiger Prozess war, bestätigt mir eine Dame in ihren Siebzigern, die ich am Wegesrand treffe: Sie stamme aus einem anderen Landesteil und habe in eine deutsche Familie eingeheiratet. Nach ihrem Eindruck sei die Dorfgemeinschaft immer noch sehr zusammenhaltend, die Bevölkerung bestehe dabei zu 80-90 % aus Donauschwaben. Man feiere in Ketsching( e) regelmäßig deutsche Messen, wohingegen in Tuwoke nur einmal im Jahr Heilige Messe gefeiert würde. Das mit der deutschen Messe relativiert wenig später eine etwa gleichaltrige Frau und spricht von ungarischer Liturgie und deutschen Kirchenliedern. Sie selbst stamme aus einem Nachbarort. Das Gespräch lenke ich ganz schnell auf die beiden obigen Erzählungen und lande einen Volltreffer: Ihre Tochter, Jahrgang 1972, habe bis zum Schuleintritt nur Mundart gesprochen. Leider sei die Jugend weggezogen, seufzt sie und zeigt auf einen verlassenen Hof auf der anderen Straßenseite.
„ Sie wollten nicht wirklich über die Gräueltaten sprechen, um keinen Hass gegen das serbische Volk zu schüren. In dem kleinen Dorf Deutsch-Zerne / Srpska Crnja begingen an einem einzigen Tag über 30 Menschen Selbstmord, nachdem sie von den Gräueltaten erfahren hatten- sie ließen auch die Roma auf sie hetzen. Unter den Nachbarländern wurde die schwäbische Zivilbevölkerung in Jugoslawien am grausamsten behandelt. Meine Mutter und meine Großmutter waren bis 1948 in verschiedenen Lagern inhaftiert und mussten auf Bauernhöfen arbeiten( Kühe melken usw.). Meine Urgroßmutter, ihre Tochter und zwei Enkelkinder wurden in das Lager Gakowo an der ungarisch-serbischen Grenze deportiert. Von dort flohen sie nach Ungarn, wo sie nicht mehr so ​schlecht behandelt wurden“, erinnert sich Emmerich Gulyás an den Völkermord an den Donauschwaben, der sich vor kurzem zum 80. Mal jährte.
Es war wieder mal ein Bild, das meine Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Batschkaer und Banater Schwaben lenkte: Die Aufnahme zeigt eine Klasse( die Grundschuljahrgänge 1 und 2), die Überschrift dazu lautet in Mundart verfasst: „ Die letschte teitsche Schule in Molitorf( Banat / Serbien), 1943 / 44“. Das Bild wurde auf der Facebook- Seite „ Sváb kultúra és történetek“( über diese Seite haben wir bereits berichtet: Über Kultur und Geschichten, SB, 3 / 2024) von einem Banater mit deutschen und madjarischen Wurzeln veröffentlicht. Es zeigt die Mutter von Emmerich Gulyás, Emilia Harjo mit ihren damaligen Schulkameraden in der deutschen Schule von Molidorf / Molin – Molidorf existiert heute nicht mehr.
Das Dorf diente nach dem Krieg als Lager für die deutsche Bevölkerung der umliegenden Dörfer: „ Ich muss betonen, dass die männliche Bevölkerung schon damals nicht sehr
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