Sonntagsblatt 1/2026 | Seite 24

REISENOTIZEN( 20)

KETSCHING( E)-TUWOKE

Von Richard Guth
( Januar 2026) Die Erzählungen sind deckungsgleich: Eine Branauer Kindergärtnerin erzählte mir vor einigen Jahren von ihren Erlebnissen mit Schulkindern aus der Gemeinde Ketsching( e)-Tuwoke / Görcsönydoboka im Komitat Branau. Während man in den 1980ern gemeinsam auf den Bus wartete, hörte sie dabei zu, wie sich die Schulkinder in der örtlichen Mundart unterhielten. Die Schwester einer Lehrerin berichtete mir unlängst von ähnlichen Erfahrungen: Schulkinder aus Ketschinge-Tuwoke, die die Kreisgrundschule ansteuerten und sich dabei noch in den 90er Jahren der Sprache der Ahnen bedienten.
Beide Quellen sprachen von einem etwas abgelegenen Dorf mit einer damals noch starken und verschlossenen Dorfgemeinschaft unweit von Schomberg / Somberek am historisch berühmten Tschele-Bach. Der Ort entstand 1944 aus dem Zusammenschluss von Ketsching( e)/ Cselegörcsöny und Tuwoke / Cseledoboka. Dass es sich früher um zwei eigenständige Gemeinden handelte, ist auch heute noch erkennbar. Dabei ist Ketsching( e) deutlich größer als Tuwoke, auch alle öffentlichen Gebäude befinden sich in diesem Ortsteil. Das Ortsbild ist wie in anderen umliegenden Gemeinden nicht mehr einheitlich: Vorkriegsgebäude wechseln sich mit Kádár- Würfeln und Nachwendebauten, verlassene und verfallene Höfe mit gepflegten ab. Zwischen den beiden Ortsteilen befindet sich am Waldesrand der Gemeindefriedhof, der erstaunlich viele Gräber mit deutschsprachigen Inschriften aus der Gegenwart bzw. der jüngeren Vergangenheit beherbergt- in dieser Form wohl eine Rarität. Ähnliche
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Beobachtungen habe ich bislang lediglich in Bawaz / Babarc machen können, aber mit deutlich weniger deutschen Inschriften. Und noch etwas: Die Grabmäler sind fast ausschließlich mit deutschen Familiennamen bestückt.
Wie schwäbisch ist der Ort noch? Das will ich gerne in Erfahrungen bringen und mache mich an diesem Januarwerktag auf die Suche nach Gesprächspartnern. Das Dorf mit seinen über 300 Einwohnern wirkt wie leergefegt. Aber dann werde ich doch fündig: Ein Großvater mit einer etwas ungeduldigen Enkelin läuft die Straße runter. Der junge Großvater gehört wohl der Generation an, die meine beiden Quellen gemeint haben können: Tatsächlich bestätigt er, dass seine Generation 50 + noch über aktive Mundartkenntnisse verfüge, aber im Vergleich zu damals der Sprachgebrauch einen deutlichen Rückgang erfahren habe. Wovon leben die Menschen? So löchere ich ihn mit weiteren Fragen. Arbeit finde man auch vor Ort, wenngleich viele nach Sexard, Mohatsch, Badesek / Bátaszék oder Fünfkirchen pendelten. Zudem sei es in der Zeit zu Wanderungsbewegungen gekommen: Viele junge Leute hätten den Ort in Richtung deutschsprachiges Ausland verlassen. Dafür seien- wenn auch nicht viele- dazugekommen, darunter an die 10 Familien aus Westeuropa. Die deutschen, niederländischen und belgischen Kennzeichen sind im Umland tatsächlich allgegenwärtig.
„ Sie haben ja die leergewordenen Häuser, wo die Alten gestorben sind, aufgekauft”, das erzählen mir bereits zwei Männer in ihren Siebzigern, die ich im Friedhof treffe.