oben herab- Partnerschaft ist auf Augenhöhe.
Ich habe mir ferner vorgenommen, möglichst viel Kontakt zum Nachwuchs zu haben, weil die jungen Leute das weitertragen müssen, was ihre Vorfahren aufgebaut haben. Ich habe auch weitere Prinzipien, aber das waren die wichtigsten.
SB: Sie sind ja seit Jahrzehnten auch in internationalen juristischen Kreisen unterwegs- wenn wir den Minderheitenschutz mit der rechtlichen und sonstigen Situation der Volksgruppen in Europa vergleichen: Wie schneidet das ungarische Minderheitenschutzsystem ab?
ESSZ: Ja, ich traue mir zu, das ungarische System zu vergleichen mit Systemen in anderen europäischen Staaten- nicht, weil ich das irgendwo gelesen habe, sondern weil ich das tatsächlich selbst erfahren habe: in vielen europäischen Staaten, als Mitglied des Beratungsausschusses der Rahmenkonvention zum Schutz der Minderheiten, im Rahmen des Europarates. Ich habe schon ein vierjähriges Mandat hinter mir, wo ich in Norwegen, Dänemark, im Kosovo, der Russischen Föderation, Albanien, Bosnien und Herzegowina und Litauen auf Monitoringreisen unterwegs war. Zur Zeit bin ich mitten in meinem zweiten Mandat – auf dieser Basis darf ich behaupten, dass der ungarische rechtliche Rahmen etwas Besonderes ist. Also so ein System- so ein sehr ausgearbeitetes System- gibt es anderswo nicht. Vom Rechtlichen und von der Praxis her muss ich sagen, dass hier Ungarn fast an erster Stelle steht. Der Staat gibt sehr viel Geld dazu. Er unterstützt auch die Institutionen in Trägerschaft von Nationalitätenselbstverwaltungen durch ein gesondertes Förderungssystem. Aber natürlich gibt es bei der Verwirklichung Anomalien. Einige dieser werden von dem System selbst korrigiert. Mittlerweile gibt es gewisse Automatismen, weil es ja seit drei Jahrzehnten funktioniert. Viele Fehler sind ausgebessert worden. Natürlich sind hier ein paar Elemente, die permanent vorhanden sind und immer wieder Probleme aufwerfen …
SB: Welche beispielsweise?
ESSZ: Zum Beispiel wie die parlamentarische Vertretung der Nationalitäten verstanden wird- weil das ja von vornherein eine hinkende Lösung ist! Das hängt damit zusammen, dass die zahlenmäßige Stärke der Volksgruppen in Ungarn unterschiedlich ist. Eine weitere Entwicklung und schwerwiegendes Problem, wovon wir noch nicht gesprochen haben und welches generell sichtbar ist: In den europäischen Staaten, ohne Ausnahme, ist Hassrede in den letzten Jahren- besonders in den letzten sechs, acht Jahren- sehr stark und sehr laut geworden: gegenüber unterschiedlichen Menschengruppen, darunter auch Minderheiten unterschiedlicher Herkunft, aber auch Nationalitäten, obwohl sie in Ungarn einen besonderen Schutz genießen, auch aufgrund des Grundgesetzes.
SB: Trotz dieses Schutzes und der Förderungen durch den Staat haben viele den Eindruck, dass eine Renaissance der Volksgruppen in Ungarn hinsichtlich Sprache, Identitätspflege und deren Weitergabe an die jüngeren Generationen nicht eingetreten ist- worauf führen Sie das zurück?
ESSZ:( überlegt): Wenn ich die Antwort wüsste, dann wäre ich vielleicht der glücklichste Mensch auf Erden. Hier denke ich in erster Linie an die Revitalisierung der
22 kleineren Sprachen. Besonders wenn es um Volksgruppen geht, die wirklich klein in der Zahl sind, dann scheitert diese Renaissance nicht an dem Willen der zurzeit aktiven Vertreter oder der Gemeinschaft selbst, sondern ganz einfach an objektiven Umständen: Jeder hat nur ein Leben. Die jüngere Generation sieht ihr Leben nicht unbedingt als Mitglied einer Volksgruppe gesichert, sondern bewegt sich in eine Richtung, wo sie denkt, dass sie ihr Leben besser einrichten kann. Das bedeutet nicht nur, dass man das Land verlässt, sondern dass man sich anderswo niederlässt, wo halt die Sprache nicht mehr so präsent ist: Man verlässt die eigene Herkunftsgemeinschaft.
Man müsste insgesamt sehr viel mehr Aufmerksamkeit dem alltäglichen Sprachgebrauch widmen. Es geht in erster Linie nicht darum, dass man in der Schule oder bei Kulturprogrammen die Sprache- die ein identitätsstiftendes oder identitätserhaltendes Element ist- benutzt, sondern dass man sie im Alltag verwendet. Dazu braucht man natürlich eine entsprechende Fachpolitik und diese muss in die Strategien der jeweiligen Volksgruppen mit einbezogen werden.
Hinsichtlich der deutschen Sprache- da wir jetzt über die deutsche Volksgruppe reden- muss ich sagen, dass sehr viel getan wurde, um dieser Tendenz des Sprach- und Identitätsverlusts Einhalt zu gebieten oder sie möglicherweise umzukehren. Aber das braucht Generationen. Das braucht auch, dass der Staat- wenn jemand ein Formular ausfüllen will, was aufgrund des Gesetzes möglich sein soll- das Formular halt auch in der entsprechenden Sprache zur Verfügung stellt. Oder wenn die Medien nicht permanent auch allgemeine Informationen auf Deutsch vermitteln- nicht nur die Informationen, die die Gemeinschaft konkret und direkt betreffen- wie dann?
Die deutschen Nationalitätenselbstverwaltungen können nicht alles alleine. Ich meine, es gibt etwa 300 lokale deutsche Selbstverwaltungen. Okay! Es sind etwa 98.000 Menschen- wenn ich die Zahlen gut in Erinnerung habe-, die sich 2022 zur deutschen Volksgruppe bekannt haben. Das ist eine kleinere Zahl als bei der vorherigen Volkszählung – und auch eine kleinere als diejenigen Zahlen, die meines Erachtens der tatsächlichen Größenordnung der deutschsprachigen Gruppe in Ungarn nahekommen würden. Es ging ja bei der Volkszählung auch darum, wie viele Personen Deutsch sprechen und wie viele denken, dass Deutsch ihre Muttersprache ist: 28.000! Um Gottes Willen! Also ich denke, das ist eine negative Tendenz, die sehr schwer umzudrehen ist. Und bei der deutschen Volksgruppe gibt es noch ein weiteres Element, das zu beachten gilt: Die deutsche Sprache ist ein Pass in die Außenwelt. Ein weiteres Problem ist der Mangel an Fachlehrern. Von denjenigen, die Deutsch als Fach haben an den Universitäten, gehen nicht alle in den Lehrerberuf, teilweise weil der unterbezahlt ist. Es geht hier um strukturelle Probleme.
Ich habe versucht, Hilfe zu leisten, indem ich während meiner Amtszeit sehr tiefgehende Untersuchungen in all diesen Bereichen veröffentlicht habe. Ich habe versucht, den sichtbaren und weniger sichtbaren Problemen nachzugehen. In diesen zwölf Jahren habe ich etwa 80 große Grundsatzstellungnahmen verfasst. Das sind Stellungnahmen zu den wichtigsten Themen, die mit Hilfe und entsprechender Unterstützung und Besprechung mit den Betroffenen entstanden sind.
SB: Nun gab es einige Stellungnahmen, die zu Ihren letzten gehören und für Wirbel gesorgt haben. Unter