fen. Das war eine Selbstverständlichkeit in Hatzfeld.
Ich habe im Übrigen Noten früher gelernt als Buchstaben. Ich habe Klavier gespielt, neun Jahre lang, und meine Klavierlehrerin hieß Brigitta Bartzer. Und wir haben deutsch gesprochen in den Klavierstunden, zweimal die Woche.
SB: Und habe ich richtig verstanden, dass Sie auch den Dialekt erlernt haben, die Hatzfelder Mundart? Sprechen Sie diese heute noch?
ESSZ: Ich habe sie damals gesprochen. Im Kindergarten durften wir es nicht, weil wir nur hochdeutsch sprechen sollten. Es war für mich Parallellernen eigentlich, Hochdeutsch und die Umgangssprache: Schwäbisch auf der Straße, klar, Schwäbisch mit meinen Freunden, aber mit den Kindern im Kindergarten wiederum Hochdeutsch. Die Kindergärtnerinnen haben mich bei meiner Mutter gelobt: Ja, wie schön und gut, dass dieses Mädchen nur Hochdeutsch spricht- wobei sie überhaupt keine Ahnung hatten, dass ich, wenn ich aus dem Kindergarten herauskam, mit Schwäbisch weitergemacht habe. Leider spreche ich die Mundart nicht mehr. Ich verstehe viel, aber die Übung fehlt, daher sind die Kenntnisse nicht mehr da.
SB: Sie lebten von ihrer Geburt an bis 1978 in der Volksrepublik Rumänien und ihre Familie hat sich dann für die Übersiedlung nach Ungarn- nach Fünfkirchen- entschieden. Wie haben Sie diese kleine deutsche, ungarische und rumänische Welt der 60er und 70er Jahre erlebt?
ESSZ: Ich habe das Wort Selbstverständlichkeit schon ein paar Mal erwähnt. Sie war für mich die Realität. Das war eine mehrsprachige Region. Die Nähe zur damaligen jugoslawischen Grenze, und auch die Bevölkerung von Hatzfeld bestand nicht nur aus diesen drei Volksgruppen, sondern da waren sogar Türken, da waren Kroaten, Serben, Bosnier … Diese Art von Vielfalt war eine alltägliche Realität für mich. Und auch als ich aufs Gymnasium in Temeswar kam, da war ein ungarisches Gymnasium und ein deutsches Gymnasium, natürlich neben den rumänischen Gymnasien. Das war ganz einfach Alltag im Banat.
SB: Sie sind im Teenageralter nach Ungarn gekommen und gleich in eine multikulturelle Stadt – Fünfkirchen ist ja Heimat von Donauschwaben, Kroaten, Madjaren und anderen Nationalitäten wie Roma beispielsweise. Inwiefern prägte das Fünfkirchen der 70er und 80er Jahre Ihr Leben?
ESSZ: Als meine Familie 1978 nach Pécs kam, war für mich nicht diese vielfältige Realität der Region das Erste, was mir bewusst wurde, sondern das Allerwichtigste war, mich in dieser neuen Umgebung irgendwie einzuleben. Ich selbst war vielleicht ein Kuriosum für die Schüler, mit denen ich dann zusammen ins Gymnasium kam, und auch für die Lehrer. Zum Beispiel habe ich angefangen, Deutsch in der Schule als Fremdsprache zu lernen, aber ich habe mich dann entschieden für Italienisch, weil was da als Deutsch in der Schule unterrichtet wurde, hat mich gelangweilt. Das war nichts Neues oder nichts Zusätzliches für mich gewesen. Und es hat Zeit und Energie in Anspruch genommen, mich in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Da gab es keine Freunde am Anfang, keine Bekannten. Ich habe vielmehr eine gelebte Multikulturalität mit hineingebracht, glaube ich.
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SB: Wann wurden Sie zum ersten Mal mit dem Ungarndeutschtum und mit der deutschen Minderheit in der Schwäbischen Türkei konfrontiert?
ESSZ: Das passierte kurz nachdem ich mein Jurastudium beendet hatte. Ich habe im Laufe meiner Jurastudien auch sehr viel profitiert davon, dass ich eigentlich Deutsch fast als eine zweite Muttersprache gesprochen habe bzw. spreche. Das hat mich dazu gebracht oder mir auch eine Art Selbstbewusstsein verliehen, mich dafür zu entscheiden, in Richtung Völkerrecht zu gehen. Aber zurück zu Ihrer Frage: Nachdem ich mein Jura-Studium beendet hatte, dann hat man mich als Assistentin an der juristischen Fakultät eingestellt- Fach Völkerrecht, damals war Europarecht noch nicht vorhanden, aber Völkerrecht. Ich habe auch eine Aufgabe bekommen- ein Spezialthema- und zwar völkerrechtlicher Schutz der Minderheiten hieß es damals. Dann ist es klar geworden- auch für meine Fachkollegen, aber auch für die engere Gemeinschaft in der Region-, dass ich da bin und mich nicht scheue Deutsch zu reden mit Deutschen, die auf der Straße oder am Markt sind. Dann kam es dazu- Ende der 80er Jahre-, dass man mit Johann Wolfart und mit anderen Kollegen angefangen hat, Rundtische, Gesprächsrunden zu organisieren, wozu ich dann zufällig einmal eingeladen worden bin und dann ziemlich Aufruhr damit verursacht habe, dass ich deutsch gesprochen habe, also mit den Anwesenden. Da fing es eigentlich an. Dann hat ja der sogenannte Minderheitenrundtisch landesweit angefangen, Entwürfe vorzubereiten und den Inhalt eines Gesetzes zugunsten der Minderheiten auszuarbeiten. Da bin ich dann schon aktiv mit einbezogen worden- mit zwei weiteren Kollegen aus Budapest, mit denen wir dann teilweise vor die Nationalitätenöffentlichkeit getreten sind. Damals habe ich Heinek Otto kennen gelernt und auch viele andere. Nicht nur Vertreter der deutschen Gemeinschaft, sondern auch die der Serben, Kroaten und der Roma.
SB: War das dann der Grund- also diese Verbindungen zu den hiesigen Minderheiten oder Nationalitäten-, warum man sich dann 2013 für Sie als neue Ombudsfrau für die Rechte der Minderheiten entschieden hat?
ESSZ:. Gewiss, ja! Das hat eindeutig dazu beigetragen, aber das fing nicht 2013 an, sondern schon früher. Ich habe an unterschiedlichen Konferenzen und Gesprächen und so weiter teilgenommen. Und auf Empfehlung von Herrn Jenő Kaltenbach und mit Unterstützung von Herrn Otto Heinek haben bereits 2007 zwölf von den 13 Landesselbstverwaltungen der Nationalitäten in Ungarn entschieden, mich zur Ombudsfrau zu wählen. Das wurde damals dem Staatspräsidenten empfohlen, nachdem das zweite Mandat von Jenő Kaltenbach abgelaufen war: Aber dann ist eine andere Entscheidung getroffen worden, eine andere Person wurde zum Ombudsmann gewählt- das war für mich auch kein Problem. Damals war das noch keine stellvertretende, sondern eine autonome, selbständige Position.
So kam 2013 dann als eine Überraschung, meine Wahl als stellvertretende Ombudsfrau. Natürlich eine große Ehre, aber: Ich bin von Kopf bis Fuß Universitätsmensch. Also ich fühle mich wohl, wenn ich unter meinen Studenten bin. Und das ist für mich auch zufriedenstellend. Aber natürlich bin ich keiner, der sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft versteckt: Ich mag es, wenn ich verstehe und sehe, wie das Recht funktioniert, weil es sich so herausstellen kann, wo es nicht richtig angewendet wird oder wo man halt Verbesserungsbedarf sieht. Ich war 2007 Dekanin der rechtswissenschaftlichen Fakultät und davor von 2002 bis 2007 Prodekanin. Zudem war ich von 2004 an ständige