es im Land nicht. Unter den Parteien waren die Kommunisten und die Nationale Bauernpartei die größten Verfechter der Vertrei- bung.
„ Es gibt kein Erbarmen, es gibt keine Gnade. Wir fordern die radikalste Lösung: Alle Schwaben müssen vertrieben werden”, forderte mit schäumendem Mund Imre Kovács von der Bauern par- tei, und vervollständigte so seine traditionelle Schwabenfeindlich- keit, die mit dem Antisemitismus der Völkischen wetteiferte. Die Sozialdemokraten waren die am meisten gemäßigten, aber am lautesten protestierten die Kirchen, die ihre Mitglieder schützten, wegen „ des Bevölkerungsaustausches, der an faschistische Metho- den erinnerten”. „ Die Art der Erledigung wird über kurz oder lang die gleiche Beurteilung erfahren wie die ungarischen Nation heutzutage wegen der Ghettoisierung der Juden”, schrieben die Evan- gelisch – Lutherischen 1946.
József Antall sen.( der Vater des ehemaligen Ministerpräsiden- ten, der als Judenretter ausgezeichnet wurde) hat die Vertreibung als Minister beaufsichtigt, aber er spielte eine unschöne Rolle: „ Aus nationalpolitischer Sicht ist es ohne Zweifel, dass es im Interesse Ungarns liegt, dass die Deutschen in der größtmöglichen Zahl das Land verlassen. Es ist eine einmalige Gelegenheit, die Deutschen loszuwerden”, erklärte er.
„ Wenn wir auf die Schwaben keine Rücksicht nehmen, dann sollten wir wenigstens auf uns Rücksicht nehmen, und vergessen wir es nicht, dass ein Dasein mit dem Geraubtem eine derartige Demolarisierung bedeutet, die einen größeren Verlust bedeutet als der ökonomische Wert des Geraubten”, schrieb hingegen István Bibó, der auch deshalb der Kollektivschuld verwahrte, weil man auf diese Weise den Tschechen eine Vorwand geben würde, „ das Gleiche den unter ihre Herrschaft gekommenen Madjaren anzutun”. Obzwar die offizielle ungarische Politik danach strebte, die Frage der Tschechoslowakeimadjaren von der der ungarischen Deut schenpolitik zu trennen, hatte sie dafür nach der kollektiven Stigmatisierung aber weder eine politische noch eine moralische Legitimation. Ein elementares Bedürfnis nach der Fortsetzung der Vertreibung der Schwaben bestand auch, weil man Platz für die Tschechoslowakeimadjaren benötigte – während dessen man sich auch um die Unterbringung des Agrarproletariats der Tiefebene, der Bukowina-Sekler und anderer Flüchtlinge kümmern musste. Wenns gefällt oder nicht: Die schandvolle Deutschenpolitik trug selber einer ähnlichen Vertreibung der Auslandsmadjaren bei, also die ungarische Politik vollzog ihr böses Schicksal nach dem Drehbuch der Beneš-Dekrete.
Erging es ihnen besser? Ist doch gut, aber warum jammert einer rum, der nach West- deutschland vertrieben wurde und bereits in den Sechzigern Heimaturlaub mit dem Auto machte? Das ist die letzte Legende, mit der wir aufräumen wollen. Es ist kein Zufall, dass mehr als zehntausend von ihnen in ihre Heimatdörfer zurückkehren wollten, aus denen sie vertrieben wurden: Einerseits vergingen bis zur materiellen Konsolidierung gut zwanzig Jahre, während die stolzen schwäbischen Landwirte als angelernte Arbeiter überleben mussten. Andererseits: 1950 war jeder Fünfte in der BRD mit ihren 60 Millionen Einwohnern Flüchtling – lasst uns das jetzt vorstellen, wo es wegen einer Million Flüchtlinge eine allgemeine Krise herrscht.
Die Volksdeutschen standen kulturell natürlich viel näher zur Mehrheitsgesellschaft wie beispielsweise die Afghanen, aber es gab auch damals große Konflikte, und auch damals waren die Alteingesessenen eher abweisend als mitfühlend. Man wurde wegen der ungarländischen schwäbischen Mundart ausgelacht, die fremden Sitten wurden geringgeschätzt. Die Einheimischen waren nicht froh, dass man ihnen Fremde aufhalste, so wünschten sie sich anfangs, dass man die Vertriebenen erst gar nicht aus den Aufnahmelagern rauslässt, es kam vor, dass man sie nur unter dem Schutz von amerikanischen Soldaten mit Maschinenpistolen zu ihren zugewiesenen Wohnorten bringen konnte.
„ Wir verstanden uns mit den Madjaren stets besser als mit den Deutschen. Nach der Vertreibung waren wir dort nur die ungarischen Zigeuner”, erinnerte sich im Buch von Györgyi Bindorffer eine Frau, die wegen ihrer deutschen Herkunft deportiert wurde. Wie sie sagte: „ Wir waren Schwaben, gute Ungarn”.
❖ Das Vertreibungsdenkmal in Schorokschar
Johann Wachtelschneider
Am 7. und 8. Mai wurde in einer würdigen und aufwändigen Feier an die Vertreibung der Schorokscharer Deutschen gedacht. Der Stadtbezirk und die Deutsche Selbstverwaltung haben keine Mühen gescheut, um dieser Katastrophe für das Deutschtum der Gemeinde zu gedenken.
Höhepunkt der Feierlichkeiten war die Enthüllung des Vertrei- bungsdenkmals auf dem Hősök-tere hinter der Kirche. Dieser Zeremonie mit kirchlicher Einweihung durch den Schorokscharer Pfarrer, Herrn Szerencsés Zsolt, wohnten Vertreter der Politik, der Bezirksverwaltung, Abordnungen der Deutschen Selbstverwal- tungen der Nachbargemeinden und eine große Anzahl von Scho- rokscharer Bürgern und den „ Ehemaligen” aus Deutschland bei.
Für die Gestaltung des Denkmals hatten sich die Verantwort- lichen für den Bildhauer Sándor Kligl(* 1945 in Mosonma gyar- óvár) entschieden. Der Künstler ist Mihály-Munkácsy-Preisträger und einer der bedeutendsten Bildhauer des Landes in der Gegenwart, auch mit internationaler Geltung. Kligl hat die Thematik „ Vertreibung” auf seine künstlerisch unverwechselbare Art gelöst und ein würdiges Ambiente geschaffen.
Die Szenerie ist zweiteilig angelegt. Im Hintergrund steht ein „ Sparherd” auf welchen noch ein größerer Suppentopf steht. Symbolisch für den schnellen Aufbruch und die letzte Mahlzeit – a guadi Rindsuppn oder nur a Grumbien-suppn? – im eigenen Haus. Aber auch exemplarisch für das Zurücklassen des gesamten Hausrats und der landwirtschaftlichen Geräte des Hofes! Die Küchentüre( Haustüre) bleibt halb geöffnet, der Schlüssel steckt im Schloss, denn das Haus musste offen bleiben für die „ Neusied- ler”! Dieser ganze hintere Teil der Anlage, auch der Boden, wurde vom Künstler aus weißem Kalkstein( Süttői mészkő) gefertigt und soll das Vertraute, das Zuhause, das Heimatliche symbolisieren.
Aus der Türe sind soeben zwei Personen herausgetreten, eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, den sie an der Hand führt. Der Vater ist nicht dabei, wahrscheinlich bei der „ malenkji robot” im Donbass! Der Junge schaut zurück zu seinem Spielkameraden, einem Puli(-hund), der in der Nähe der Türe sitzen bleibt. Das Tier zeigt stellvertretend für alle Tiere Schorokschars den Weg der leidenden Kreatur – was ist nach der Vertreibung aus den Pferden, Kühen, Schweinen, Hunden, Katzen usw. geworden?
Kligl schafft mit den Bronzefiguren einen scharfen Kontrast zum Weiß des Kalksteins und zeigt damit den Bruch im Leben der Teilfamilie, die das Vertraute verlassen muss und einer ungewissen Zukunft in der Fremde entgegensieht.
Die Figuren sind realistisch, oft bis ins kleinste Detail( Kof fer- schlösser!) dargestellt. Die Mutter trägt ein gebundenes Kopftuch, eine geknöpfte Bluse, einen langen Rock, dazu die obligatorische Schürze( Fiata) und darüber einen leichten, kurzen Mantel. Hohe
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