Sonntagsblatt 1/1997 | Page 21

Polen

Vertreibung oder “ nur ” Aussiedlung

Darüber diskutierte man in Warschau auf einer Tagung , mit der das Programm der polnischen Robert-Schuman-Stiftung “ Der Vertreibungskomplex ” endete . An der Konferenz , die am 7 . Dezember im Europejski-Hotel stattfand , nahmen über 200 Menschen teil , darunter Spitzenpolitiker , Historiker , Juristen und Publizisten aus beiden Ländern . Noch vor wenigen Jahren wäre es nicht vorstellbar gewesen , daß man in Warschau so offen über die polnische Schuld gegenüber den Vertriebenen gesprochen hätte . Es wäre unmöglich gewesen , daß unter den Diskussionsteilnehmern Professor Wladyslaw Bartoszewski , Tadeusz Mazowiecki und Professor Longin Pastusiak auch Professor Gerhard Bartodziej vom parlamentarischen Klub der deutschen Minderheit gesessen hätte oder die bundesdeutschen Abgeordneten Hartmut Koschyk und Marcus Meckel , ganz zu schweigen vom “ Oberrevisionisten ” der propaganda des kommunistischen Polen , Dr . Herbert Hupka . Den Schlußbericht des Programms “ Der Vertreibunskomplex ” verfaßten Dr . Artur Hajnicz , Leiter des Zentrums für Internationale Studien der Polnischen Robert-Schuman-Stiftung , und Professor

w Erwin Jerzy Kabus Meine Heimat

Das schönste Land auf der Welt ist meine Heimat , egal wie es jemand gefällt ! Hier wurde ich geboren , aufgewachsen und geprägt . - Habe gute und schlechte Zeiten hier verlebt . Eines muß ich jedem sagen : im Leben kann man vieles ertragen ! Doch wenn man einen Rückblick machen kann dann schaukelt das Leben wie in einem Kahn ... Die Elternlehre ist immer im Auge dann wenn man zum Zweifel kommen kann . - Ein gutes Beispiel und gute Lehre sind hoch geschätzt und haben ihre Ehre !
Dr . Wlodzimierz Borodziej vom Historischen Institut der Universität Warschau . Die letzten Meinungsumfragen zeigten , daß die Hälfte der Polen weiterhin nichts über die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg weiß . Die Hälfte der Bürger unseres Staates ist zudem überzeugt , daß die Vertreibung “ die verdiente Strafe für die Nazi-Verbrechen ” war . Diejenigen , die wissen , daß die vertriebenen Deutschen von Ungerechtigkeit und Leid betroffen waren , machen dafür die sowjetischen Soldaten , Banditen und Plünderer verantwortlich . Das Wissen von der Schuld gewöhnlicher Menschen - der polnischen Nachkriegsverwaltung , der Neusiedler und die Milizionäre - ist in Polen weiterhin verschwindend gering . Erst in den sechziger Jahre begannen die polnischen Historiker , sich mit der Vertreibung zu beschäftigen und stellten etwa tausend Todesopfer fest , eine Zahl , die unvergleichlich niedriger war als die Angaben ihrer deutschen Kollegen . Erst das Jahr 1989 machte einen gemeinsamen deutsch-polnischen Dialog über die Vertreibung möglich , über ihre Gründe , ihren Verlauf und ihre Folgen . Mit der Warschauer Tagung ist das Thema Vertreibung nicht abgeschlossen , es wurde nur das gegenwärtige Wissen über diesen Prozeß zusammengefaßt . Artur Hajnicz , dem Verfasser des Programms , wurde häufig die Frage gestellt : Wie steht es um die polnische Verantwortung für den Transfer der deutschen Bevölkerung nach dem Krieg ? Dr . Hajnicz sagte dazu : “ Die Vertreibung war eine Konsequenz des Zweiten Weltkriegs , für den das Dritte Reich verantwortlich ist . Die Entscheidung über die Vertreibung trafen die Siegermächte , also tragen auch sie die Verantwortung dafür , daß diese Gebiete und Bevölkerungen verschoben wurden . Aber für die Art und Weise , wie der Aussiedlungsprozeß vonstatten ging , für seine Brutalität , sind die Polen verantwortlich ”. Auf der Konferenz wurde viel über die Zeit unter Gomölka gesprochen , der anordnete , “ die Deutschen hinauszuwerfen , und denjenigen , die noch da sind , solche Bedingungen zu schaffen , daß sie nicht bleiben wollen ”. Man sprach über Arbeitslager , Plünderungen , Verbrechen , auch über die Propaganda-Lügen der Nachkriegsjahre und die Mythen von den wiedergewonnenen Gebieten und dem Mutterland .
Ruth Kubac Oberschlesienlied
Wir kommen aus Oberschlesien Und haben das Wandern gern . Wir lieben musizieren , Der Frohsinn bleibt uns nicht fern . Wir haben die Welt gesehen , Manch wunderbares Land- Auch Deutschlands Berge und Seen Sind uns nicht unbekannt . Doch möchte ich Euch sagen , Darauf habt Ihr mein Wort : Überall ist es schön - Doch das schönste Land Ist mein Heimatland !

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Das Diskussionsmaterial soll im nächsten Jahr in gedruckter Form erscheinen . Es bleibt zu hoffen , daß es dann nicht nur als Quellenmaterial für polnische Historiker dient , sondern daß es auch polnische Schulen erreicht und in polnische Geschichtsbücher aufgenommen wird .
Teresa Kudyba
Zum Thema wurde auch Herbert Hupka , Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien befragt . “ Herr Vorsitzender , man hatte in Polen frücher darüber gesprochen , daß das Thema Vertreibung in Deutschland die bösen Geister von Nationalismus und Revanchismus wieder zum Leben erweckt . Haben Sie keine Angst davor , daß es nach der Eröffnung des Dialogs auch in Polen zu ähnlichen Erscheinungen kommen könnte ? “ Wer in der Zukunft Chancen haben will , muß zuerst mit der Vergangenheit abrechnen . Ich bin überzeugt , daß Polen wie Deutsche als freie Nationen bereit sind , in dieser Richtung zu arbeiten . Die Stunde des Dialogs hat geschlagen . Natürlich kann jeder Dialog zu einem Streit werden , doch Streit kommt ja auch in den besten Familien vor . Es gibt aber eine wichtige Voraussetzung : Beide Seiten müssen den Standpunkt des jeweils anderen respektieren und dürfen sich nicht gegenseitig Mangel an gutem Willen zur Verständigung vorwerfen . Dann erst vermeidet man den Nationalismus mit seinen billigen Denkschemen und fertigen Rezepten für alles . Das Wort Demokratie bedeutet ja nicht , anderen seine Überzeugungen aufzunötigen , sondern lediglich guten Willen zur Diskussion über auch noch so schwierige Themen . Ich glaube , daß beide Seiten dem Dialog mittlerweile gewachsen sind ”.
20 ü > onntagöblatt