Sonntagsblatt 1/1997 | Page 22

VOR 25 JAHREN GESTORBEN Mathes Nitsch , ein Dichter des Heideboden

In unserer Ebene , wie im ganzen übrigen Land und zum Teil in der fernen Welt , war es Winter geworden . Häuser und Höfe und die Flur hüllten sich in einen weißen Pelz und gebärdeten sich in diesem Kleide wie ein Federbett . Augenblicklich schien aller Lebensdrang rings erloschen . Doch es schien nur so . Auf den Tennen und Heulegen stritten auch jetzt Krähen um einzelne Fruchtkörner , das Verlorengut des letzten Drusches . Haubenlerchen , kopfnickend und das " Hüit ’ einer unversiegbaren Zuversicht im Schnabel , gingen bei den Radschneiden unter Tag , um an verrollten Roßäpfeln den Bergmann zu spielen . Mit dem Haferfutter aus zweiter Hand mußten sie sich bescheiden .
Auch dem Winter gräbt , bei der Zügelung eitler Gelüste , der Kampf ums Dasein seine Runen ins Gesicht . Und es bestimmt die Grundlinien dieses Kampfes der Hunger .
Meine Gemeinde zählte sowohl geweckte Streiter ums Leben als auch Schlafmützen zu ihren Bürgern . Ich glaube , es befanden sich jene in der Mehrzahl ; nur daß sich dies augenblicklich nicht offen zeigt Wickelten sich ja jetzt alle Geschäfte mehr in den geschlossenen Höfen ab als außerhalb dieser . Was außen lief , waren höchstens einige Höfer und Knechte , die dem Wirt von der Leitha Eis für die Kühlgrube fuhrwerkten oder sich und unbespannten Nachbarn Holz aus dem Wald heimschafften .
Dann und wann eilte eine Maid zum Krämer , um Kleinigkeiten einzukaufen . Sie steckte die Hände mit dem Geld vor dem Frost unter die Schürze weg ; dazu klapperte sie , bei allem noch so starken Standhalten , mit den Zähnen und hatte blaurote Wangen und Lippen . Gegen Abend stopften die Holzschläger
Anzeige
Ein Landsmann aus Großbetschkerek stammend , in Bad Kissingen beheimatet , 65 Jahre jung , Rentner , wünscht Kontakt mit alleinstehender christlicher Frau ohne Anhang . Antwortschreiben an die Redaktion Sonntagsblatt unter dem Kennwort “ einsam ” erbetem . mit geschulterter Axt und Zugsäge , eine allerletzte Ladung Knaster in der Pfeife , die Zeile herab , als wären sie durch einen verspäteten Sendbrief zur Sammelstelle befohlene Landsknechte .
In den Höfen selbst verrichteten der junge Bauer , die Bäuerin und das Gesinde ihre Tagesarbeit nach der Regel . Am Abend aber schliß das Weibsvolk mit der Hilfe aus der Nachbarschaft Gänse- und Entenfedern für die Betten . Während im Hintaus , dieser Gegenpartie zur Gassenfront unserer Häuser , Tor um Tor die Ochsenbuben mit den Geißeln um die Wette knallten , ein wahres Schützengeplänkel erzeugend , das stundenlang zum Hof herein- und in das Gelände hinausknatterte , denn es waren die Peitschenschnitzei aus erlesenen Ochsenschwanzhaaren gedreht worden .
Die Männer der Kirche hielten für diesen lauten Brauch die Erklärung bereit , er wünsche das Gedenken daran zu wecken , daß die Geburt des Heilandes vor allen andern Menschen einfachen Hirten bekanntgegeben worden sei . Nach der Erkenntnis der weltlichen Forscher hingegen hielt das Geräusch die Erinnerung an die Gewohnheit der heidnischen Vorfahren wach , durch das Lärmen die bösen Geister der Wintersonnenwende zu verscheuchen . Als das letzte Überbleibsel dieser Spukgestalten galt der Niglo , der sich an den Abenden nahe zur Weihnacht in der Maske des Wilden Mannes oder eines reißenden Tieres herumtrieb .
Zu dieser Jahreszeit und in dieser Umgebung rief mich die liebe Not , die um den Fortbestand der Menschheit besorgt ist , ins Leben .
So beginnt IM HELM GEBOREN , ein erster Teil der leider nicht abgeschlossenen Lebenserinnerungen des fast vergessenen Schriftstellers und Dichters Mathes Nitsch , die er im Untertitel “ Erinnerungen eines “ Glückskindes ” nennt und 1980 im Leykam Verlag Graz - Wien erschienen sind . Sein vielschichtiges dichterisches Werk umfaßt neben Geschichten und Erzählungen aus seiner dörflichen Heimat auch Gedichte und Theaterstücke sowie historische Romane und zeugt von gediegener Bildung und hohem moralischen Anspruch des einfachen Bauernsohnes Mathes Nitsch , der im Jahre 1884 zu Straß-Sommerein / Hegyeshalom , das Licht der Welt erblickte . Besonders geprägt ist dieser Dichter und sein Werk aber von der engen Verbundenheit mit dem heimatlichen Heideboden und dessen in diesem verwurzelten Bewohnern , den strebsamen und fleißigen Heidebauern , deren Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen im Wechsel der Zeitläufe er lebendig und anschaulich , poetisch , aber auch realistisch und oft mit liebenswürdiger Ironie zu schildern vermag .
Ältere Burgenländer müßten sich eigentlich noch daran erinnern , daß ihre Schullesebücher auch Beiträge von Mathes Nitsch , wie ’’ Die Knödelfuhr ”, Der Heidebauer und seine Ochsen ” oder ” Die Geschichte von der Sommereiner Feuerspritze ” enthielten , und manche könnten vielleicht gar seine wundersame Erzählung von den “ Drei Ähren ” gelesen haben , die aus dem Grab eines Halbturner Rentmeisters gewachsen sind .
Dabei hatte der kleine Mathes nur seine Kinderzeit im Heimatdorf verbracht , denn er absolvierte nach dem frühen Tod des Vaters das Gymnasium in Preßburg ( der “ Hauptstadt des Heidebodens ”) und studierte anschließend in Budapest . Hier war er an die 30 Jahre als Journalist bei der damals angesehensten deutschsprachigen Zeitung Ungarns , dem ’’ Pester Lloyd ”, tätig , bei welchem er es bis zum Chefredakteur gebracht hatte . Mit dem Heideboden blieb auch seine politische Tätigkeit als Abgeordneter des heimatlichen westungarischen Wahlkreises im ungarischen Parlament verknüpft . Bis zu seinem Lebensende - er starb im Jahre 1972 vereinsamt in Budapest - pflegte Mathes Nitsch Kontakte mit dem ’’ Ungarndeutschen Sozial- und Kulturwerk ” der Heimatvertriebenen Deutschwestungarns in Deutschland .
Jakob Perschy Aus ; Volk und Heimat
Es ist gleichgültig , ob der Herde eine meinung befohlen oder fünf meinungen gestattet sind - wer von den fünf öffentlichen meinungen abweicht und beiseite tritt , hat immer die ganze herde gegen sich .
Friedrich Nietzsche
g > onntagáblatt 21