Sonntagsblatt 1/1997 | Page 20

Ilch entdeckte meine Mutter ; sie stand

mit der Kiste vor dem uns zugeteilten
Waggon und wartete auf die Durchsuchung des Gepäcks . Nachdem die Polizisten die Kiste durchwühlt hatten , warfen sie sie in
I den Waggon , unser zu einem Bündel I zusammengeschnürtes Federbett hinterher .
Wir stiegen nun auch in den Viehwaggon I ein . Es waren bereits zehn Personen da . Eine junge Familie mit Säugling und
| Großmutter , eine Familie mittleren Alters mit zwei fast erwachsenen Kindern und den alten Eltern . Der Großvater war schon steif , auch ihn hatte man heraufziehen und von hinten mit Schieben nachhelfen müssen . Vor einer halben Stunde hatte ich dabei zugesehen . Nun saß er da , von Kopf bis Fuß in seinen Pelz gehüllt , obwohl es ein warmer Maitag war . Tante Elisabeth stieg nun auch mit ihrem Mann ein . Hinzu kam noch eine verwitwete Nachbarin mit ihrer körperlich behinderten Tochter . Wir hatten Glück , denn wir waren nur 16 Personen , sonst wurden 25 bis 30 Personen in einen Waggon gepfercht . Bis gegen 15 Uhr hatten alle ihren Platz eingenommen . Die Waggontüren blieben offen , auch war es erlaubt , sich vor dem Waggon aufzuhalten , nur das Gelände durften wir nicht verlassen .
Meine Mutter hatte eine Kreide mitgenommen . Sie schrieb auf unseren Viehwaggon : “ Es lebe Ungarn , Mariens Land .” Ein Polizist kam daraufhin mit einem Eimer Wasser und wischte es mit einem Schwamm ab . Das Spiel wiederholte sich stundenlang . Verschiedene Aufschriften waren zu lesen : “ Wir kommen wieder ” oder “ Auf Wiedersehen ”, “ Wir fahren mit Gott ”, “ Gott behüte uns ”. Im Laufe des Tages kamen die entlassenen Internierten zum Transport . Abgemagert , mißhandelt und um Jahre gealtert . Je später es wurde , desto mehr veränderte sich das Bild auf dem Bahnhofsgelände . Ein großes Aufgebot von schwerbewaffneten Polizisten bildete in größerer Entfernung vom Transport einen Halbkreis , die geladenen Maschinengewehre auf uns gerichtet . Hinter ihnen standen Tausende von Menschen . Die Polizisten ließen niemand in die Nähe des Transports durch . Doch plötzlich sahen wir einen kleinen alten Mann sich von der Menge lösen und langsam auf unseren Waggon zukommen . Es war mein Großvater . Wir dachten , jetzt werden sie ihn von hinten erschießen , und hielten den Atem an . Aber nichts regte sich . Er kam zu uns , um noch einmal auf Wiedersehen zu sagen .
Um 19 Uhr setzte sich der Zug langsam in Bewegung . Das letzte , was wir vom Bahnhof sahen , war ein Meer von weißen Tüchern . Die Zurückgebliebenen winkten uns zum Abschied zu . Fast im Laufschritt fuhr der Zug durch Soroksár . Auch wir winkten zum Abschied , bis das letzte Haus unseren Blicken entschwand . Wir fuhren bis zum Bahnhof Ferencváros in Budapest ... lexer sc kr eilen ________________________________________

Bleiben wir bei der Wahrheit

Fünfzig Jahre sind seit dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Vertreibung der Ungarndeutschen aus ihrer Heimat vergangen . Hie und dort wird noch eine kleine Gedenkfeier auf Drängen der Vertriebenen und auch als offizielle Pflicht von den Selbstverwaltungen gestaltet . In den meisten Fällen wurde diese Gedenkfeier in der Staatssprache abgehalten . Leider . Wie steht es nun mit den Minderheitenselbstverwaltungen ? Die am Anfang bestehende große Euphorie mimmt zusehends ab . Die Ernüchterung gewinnt an Raum . Es war außenpolitisch ein Propagandezug für die madjarische Minderheit in den Nachfolgestaaten . Es ist Tatsache , daß es weiterhin keine deutsche Kindergärten , Schulen , keine identitätsbewußten Lehrkräfte gibt . Die Identität liegt weiterhin tief im Sand . Viele Volksgruppenleiter können selber nicht oder kaum deutsch .
Man erfuhr , daß fast eine Million Bürger im Lande die deutschen Minderheitenselbstverwaltungen gewählt haben . Nach eigener Schätzung leben noch 200-220.000 Ungarndeutsche im Lande . Laut ungarischer Statistik vom Jahre 1990 haben sich aber nur etwa 40.000 Personen zum Deutschtum bekannt . Da aber alle ungarischen Staatsbürger berechtigt waren die Minderheitenvertreter zu wählen , so wurden die deutschen Minderheitsvertreter hauptsächlich von
Bei meinen Reisen in Ungarn stellte ich wiederholt fest , daß die dort lebenden Slowaken gegenüber dem Land , in dem sie geboren sind und das sie als ihr Heimatland betrachten , sehr loyal sind . Dagegen ist es in der Slowakei keine Seltenheit , daß bereits die 17- bis 18jährigen Jugendlichen der ungarischen Minderheit sich nicht einmal auf slowakisch verständigen können . Laut Umfragen von 1995 gaben 1,9 Prozent der Eltern , die der ungarischen Minderheit auf dem Gebiet der Slowakei angehören , an , daß die Beherrschung des Slowakischen für ihre Kinder überflüssig sei , und 19,2 Prozent sind der Meinung , sie könnten auch ohne Slowakisch auskommen . Es wäre unvorstellbar , daß die in Ungarn lebenden Slowaken , Deutschen , Griechen , Bulgaren , Rumänen , Kroaten , Slowenen und so weiter nicht das Ungarische beherrschen oder gar die Erlernung dieser Sprache ablehnen würden .
Es scheint , daß die Palette der Möglichkeiten , die das ungarische Gesetz zur Wahrnehmung der Interessen der Minderheiten bietet , recht groß ist . Ein Schönheitsfehler besteht jedoch darin , daß die Angehörigen der Minderheiten bis zur Wende 1989 ihre Sprache und Kultur nicht pflegten , weil sie Angst vor Repressalien hatten . 1994 besuchte ich in Ungarn sogenannte slowakische Gymnasien , in Budapest und in Békéscsaba . In beiden war nur die Aufschrift slowakisch . Ich konnte mich mit keinem Schüler verständigen . Bis auf wenige Lehrer slowakischer Abstammung waren dort nur Ungarn ohne Kenntnis des Slowakischen . Ähnliche Erfahrungen machte
Madjaren gewählt . In den meisten Siedlungen sind die Ungarndeutschen in Minderheit , so sind die deutschen Selbstverwaltungen den Selbstverwaltungen des Mehrheitsvolkes sowohl politisch als auch finanziell unterstellt .
Der Verband der Ungarndeutschen mußte auch deswegen aufgelöst werden , um identitätsbewußte Deutsche beiseite zu schieben und viele Deutsche , auf die die madjarische Führung baut , an die Macht zu bringen . Damit ist natürlich für uns nichts gelöst . Der Egoismus nimmt immer breiteren Raum ein und die Interessen unserer Minderheit bleiben auf der Strecke . Die heutige Minderheitenpolitik besteht aus schönen Versprechungen , aus Lied , Tanz und Festivals .
Es gibt immer mehr Ungarndeutsche , die diese Politik durchschauen , sie suchen Verbindungen mit Leuten , die für die wahren Interessen der Ungarndeutschen kämpfen .
In letzter Zeit kommt oft die Äutonomiefrage ins Gespräch . Eines ist klar : Hier in Ungarn gibt es keine Minderheit , die an eine politische Antonomie denkt und diese verwirklichen will .
Wenn einmal in ganz Europa die Grenzen verschwinden , dann kann man über diese Frage nachdenken . Die Hauptfrage ist zur Zeit der Fortbestand unserer Volksgruppe , die Pflege der Muttersprache , der Sitten , Bräuche und Kultur . Nikolaus Märnai-Mann

Schönheitsfehler in Ungarns Minderheitengesetz

eine Gruppe von Heidelberger Pädagogen mit dem „ deutschen Schulwesen “ in Ungarn . In den vom deutschen Staat unterstützten Schulen saßen ungarische Kinder , die auf diese Art Deutsch lernen wollten .
Mit Vorliebe läßt man sich über das ungarische Minderheitengesetz aus , das angeblich als Vorbild für andere Staaten dienen könnte . Einem Fachmann entgeht jedoch nicht , daß das ungarische Minderheitengesetz mehr den ungarischen Minderheiten im Ausland dienen soll als dem Schutz der ethnischen Minoritäten in Ungarn . Für einige Minderheiten wie die slowakische ist das Gesetz „ fünf vor zwölf1 gekommen . Wie mir von älteren Slowaken in Ungarn berichtet wurde , gab es in Ungarn noch vor fünfzig Jahren zahlreiche rein slowakische Dörfer und Siedlungen . Heute sind alle verschwunden . Die Slowaken müssen bei Null anfangen . Sie müssen Selbstvertrauen gewinnen und die Sprache ihrer Vorfahren lernen . Sie müssen das Gefühl bekommen , daß sie nicht Menschen zweiter Klasse in Ungarn sind . Das ungarische Minderheitengesetz erinnert an einen , dem man beide Beine abgehackt und schöne Stiefel vor die Nase gestellt hat , damit er gut laufen kann .
Last , but not least : Wie viele Vertreter haben die in Ungarn lebenden Minderheiten im Budapester Parlament ? Antwort : keinen einzigen . Im slowakischen Parlament hat die in der Slowakei lebende ungarische Minderheit 17 Vertreter . Auch in Rumänien ist die ungarische Minderheit im rumänischen Parlament vertreten ..
Dr . Darina Verges , Heidelberg
g > onntagöblatt 19