Abschied von Soroksár 8 . Mai 1946 Erlebnisbericht der Katharina Griesmeier-Coufal ( damals 9 Jahre jung )
Von unserem Familienverband wurden vier Familien mit insgesamt 15 Personen vertrieben . Am Tag vor unserer Vertreibung , am 7 . Mai 1946 , gaben wir vorschriftsmäßig Nahrungsmittel zur Sicherstellung der Verpflegung während des Transports ab . Meine Mutter beauftragte mich , Mehl , Öl und Salz in das Eisrich-Gasthaus zu bringen , das als Sammelstelle für die abgegebenen Lebensmittel diente . Dort sah es sehr unordentlich aus . Auf dem vor Dreck strotzenden Fußboden standen Ölflaschen , kleine und größere Töpfe mit Schmalz , Tüten mit Mehl und Salz . Ich ekelte mich sehr und verließ schnell den Raum .
Wieder zu Hause angekommen , fand ich eine gereizte Stimmung vor . In aller Eile packte meine Mutter Kleider , Bettwäsche , Lebensmittel und auch Geschirr in eine Kiste . Pro Person durften wir 50 Kilogramm mitnehmen . Da meine kleine Schwester inzwischen verstorben war und mein Vater noch festgehalten wurde , durften wir für zwei Personen 100 Kilogramm einpacken .
Im Haus kümmerte sich niemand um mich , so ging ich auf die Straße , wo ich spielende Nachbarskinder antraf . Sie ließen mich mitspielen . Aber ich konnte mich nicht lange auf das Spiel konzentrieren , weil mir andere Dinge durch den Kopf gingen , so hörte ich auf zu spielen . Ich fing an zu erzählen , und die Kinder hörten mir zu , dabei drehte ich den Spieß um und gab fürchterlich an . Eine tolle Reise würden wir machen , ich würde mich schon sehr darauf freuen , hier in Ungarn sei es gar nicht schön , auch wolle ich nie wieder zurückkommen , Abenteuer und Überraschungen würden auf mich warten und viel , viel Schokolade . Das sagte ich deshalb , weil ich Schokolade sehr gerne aß und dies sich damals kaum jemand leisten konnte . Ich sagte , ich würde mich sehr darauf freuen und könne es kaum erwarten .
Plötzlich hatte ich das Gefühl , ich würde neben mir stehen . Staunend hörte ich , was ich selbst sagte . Die Kinder hörten mir mit offenem Mund zu , so kannten sie mich gar nicht , außerdem konnten sie kaum glauben , was ich ihnen erzählte .
Dann setzte ich mich an den Straßenrand . Sonst fuhren hier die Bauern mit ihren Pferdegespannen vorbei . Wir Kinder winkten ihnen zu . Besonders lustig war es anzusehen , wenn ein Fohlen nebenher lief .
Heute blieb alles ruhig . Kein Pferdegespann war zu sehen , denn zwei Transporte waren schon abgefahren , am 2 . und am 3 . Mai .
Morgen , am 8 . Mai , würden wir mit dem dritten Transport abfahren . Ich dachte an die kommende Ernte , an die Dreschmaschine , die jedes Jahr hier vorbeifuhr . Alle Kinder unserer Straße liefen hinter ihr her , barfuß , der heiße Sand an den Fußsohlen kribbelnd , bis zum Dreschplatz in der Nähe des alten Judenfriedhofs . Nun würde ich nie mehr dabei sein , nie mehr den frischen , würzigen Duft des frischgemähten Korns riechen , die Drescher mit ihren weißen , weiten langen Hosen beobachten , die Sonne auf meiner Haut spüren .
Was , wenn meine Freundin mich auch vergißt ? Panische Angst erfaßte mich . Ich stand sofort auf und lief zu meiner Freundin hin . Atemlos dort angekommen , wurde ich mit freudiger Überraschung aufgenommen , weil ich mich ja schon verabschiedet hatte und gegenseitige Besuche verboten waren . Ich fing an zu schluchzen und konnte nicht reden . Die Eltern meiner Freundin nahmen mich in die Mitte und sprachen beruhigend auf mich ein , bis ich mich äußern konnte . Ich sagte , daß ich große Angst bekommen hätte , daß sie mich vergessen würden , deshalb sei ich noch einmal vorbeigekommen .
Nicht die Entfernung entscheide darüber , ob man jemand vergißt oder nicht , sagte die Mutter meiner Freundin , sondern das Herz . Sie würden mich nicht vergessen , und in ihren Herzen hätte ich schon immer einen besonderen Platz eingenommen , und das werde auch so bleiben . Meine Freundin und ich schworen uns , daß wir immer Freundinnen bleiben werden , mag kommen was wolle . Ich versprach , sofort zu schreiben , wenn wir am Ziel seien , und machte mich langsam und ruhig auf den Heimweg . Die ganze Familie winkte mir nach , so lange sie mich sahen . Streckenweise versuchte ich rückwärts zu laufen , damit ich sie alle im Auge behalten konnte . Mein Weg führte mich an leerstehenden Häusern und blökenden , hungrigen Tieren in den Ställen vorbei . Auf dem ganzen Weg hatte ich das Gefühl , als würde sich kein Blatt bewegen .
Zu Hause angekommen , packte meine Mutter die Kiste , die sie schon eingepackte hatte , wieder aus . Sie war von der Idee besessen , den Transport vor der österreichischen Grenze zu verlassen , um wieder nach Hause zurückzukehren . Meine Tante Elisabeth redete auf sie ein , dies nicht zu tun , denn dann müßten sie und ihr Mann allein weiterfahren , und so viel Mut , den Transport zu verlassen , besäßen sie beide nicht . Meine Mutter ließ sich nicht beirren und packte weiter aus . Wenn wir wieder zurückkommen , dachte ich , muß ich meine Schulsachen nicht mitnehmen . Das Buch der heiligen Elisabeth ließ ich in der Tasche , denn unterwegs , bis zur Grenze , wollte ich darin lesen . Meine Großmutter brachte mich endlich zu Bett . Die letzte Nacht zu Hause ! Immer wieder wachte ich trotz des leisen Sprechens meiner Familie auf , denn in dieser Nach schlief von den Erwachsenen niemand .
Meine Mutter , so schien es , ließ sich von ihrer Schwester Elisabeth überzeugen , die Kiste wieder zu packen , denn morgens , als wir darauf warteten , abgeholt zu werden , war sie reisefertig . Nur ich dachte nicht daran , meine Schulsachen wieder einzupacken , so war nur das Buch der heiligen Elisabeth in der Schultasche .
Als das Pferdefuhrwerk vorfuhr , luden Männer unsere Kiste auf . Ich stieg nicht auf den Wagen , denn ich wollte allein zu Fuß zum Bahnhof gehen . Bevor ich mich auf den Weg machte , lief ich in den Garten und umarmte jeden Baum , strich mit der Hand über die Beerenbüsche , die voll grüner Früchte hingen , verabschiedete mich von den Reben , den Blumenbeeten , von meiner Schaukel und dem Brunnen , umarmte dann meine Großeltern und schloß hinter mir unser schönes gelbes , schmiedeeisernes Tor , auf das ich immer so stolz war . Vorbei an den vor unserem Haus stehenden Kugelakazienbäumen bog ich um die Ecke , ging entlag der Straße über die Eisenbahnschienen zum Bahnhof , ohne zurückzuschauen . Ich ging sehr langsam , nahm von jedem Strauch , von jedem Grashalm und auch vom Staub auf der Straße Abschied . Nur mein Herz weinte , sonst verzog ich keine Miene . Eines schwor ich mir , daß ich es in meinem ganzen Leben nie mehr zulassen werde , daß mir jemand etwas wegnimmt , nie mehr , so lange ich lebe .
Von weitem sah ich schon , daß der Güterzug bereitstand . Beim Näherkommen entdeckte ich zwei winzige vergitterte Fenster und eine große Schiebetüre . Jeder Waggon hatte eine Nummer .
Auf dem Bahnhof herrschte ein reger Betrieb . Schwer bewaffnete Polizisten patrouillierten auf dem Gelände . Immer mehr Pferdegespanne kamen mit dem Hab und Gut der Leute angefahren . Auf den Pferdewagen saßen oft alte , kranke Menschen , manche lagen auf einer Bahre . Diese luden die Schächer vom Wagen und verfrachteten sie im Viehwaggon . Viele alte Menschen konnten kaum laufen . Sie wurden auf den Waggon hinaufgezogen und von hinten geschoben . Es war ein unwürdiges Schauspiel . Das gesamte Gepäck durchwühlte eine Gruppe von Polizisten . Was zuviel war oder Gegenstände , die ihnen mißfielen , zogen sie aus der Kiste oder dem Sack heraus und warfen es auf den Boden . Wertgegenstände nahmen sie zu sich . Wie wir nahmen auch andere Familien wenigstens eine Daunendecke nebst Kissen mit . Oft kam es vor , daß der Durchsuchungstrupp willkürlich in ein Federbett stach , so daß die Federn herausquollen und auf dem Gelände herumflogen .
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