Sonntagsblatt 1/1997 | Seite 17

BUCHE

Katharina Griesmeier-Coufal : Denn ich will dir ein Land zeigen .
Die Besiedlung Ungarns im 18 . Jahrhundert durch deutsche Siedler- Vertreibung und Integration 1946 , aufgezeigt am Beispiel Soroksdr- Nürtingen . 142 Seiten , 42 Abb ., gebunden Bezugsquelle : E . Griesmeier , Millotstr . 11 , 72622 Nürtingen Telefon : 07022 / 210008 Preis : DM 28 . - zuzügl . Porto- + Verpackung Der biblische Titel des Buches “ Denn ich will dir ein Land zeigen ” nach Gen 12,1 , wurde aus der Überzeugung heraus gewählt , daß aus scheinbar ausweglosen Situationen von Gott Wege aufgezeigt werden , die nach vorne weisen und einen Neuanfang möglich machen . Die in dem Buch beschriebenen Verhältnisse im 18 . Jahrhundert , die durch eine Überbevölkerung vor allem im süddeutschen Raum eine Auswanderungsbewegung in Gang gesetzt haben , und andererseits das durch die Verwüstung durch die Türken im Balkanbecken entstandene Vakuum erzeugten eine Sogwirkung für viele Einwanderer , die dieses verwüstete Land wieder aufbauten . Die durch den Zweiten Weltkrieg eingetretene Situation traf die Nachfolgegeneration der im 18 . Jahrhundert Eingewanderten mit voller Härte . Die Früchte der in den vergangenen Jahrhunderten geleisteten Aufbauarbeit wurden ihnen mit brutaler Gewalt entrissen . Gedemütigt und enteignet wurden sie von Haus und Hof zurück in ihre angestammte Heimat gejagt . Das vorliegende Buch versucht , die politischen Hintergründe , die zur Vertreibung führten , zu erhalten , zeigt aber auch auf , welche Anstregungen notwendig waren , die Flüchtlings- und Vertriebenenströme in einem vom Krieg selbst in Mitleidenschaft gezogenen Land aufzunehmen . Anhand von Dokumenten werden die Schritte der Aufnahme und Integration dokumentiert . Daß die Flüchtlinge und Vertriebenen in ihrer angestammten Heimat nicht immer mit offenen Armen empfangen wurden , ist aus der damaligen Situation heraus verständlich .
Wie in den eigenen Erlebnisberichten beschrieben , gab es durch Gottes Fügung Menschen , die durch Verständnis und Mittun den Weg für einen Neuanfang erleichterten , so daß das Wort “ Ich will dir ein Land zeigen ” nach der Vertreibung neue Hoffnung für viele war . Bewußt wird in dem Buch auf eine Kommentierung der Ereignisse verzichtet , da der betroffene Leser auf Grund seiner damals erlebten Lebenssituation die geschilderten Ereignisse für sich selbst bewerten kann . Dem Nichtbetroffenen bleibt es überlassen , aus dem Gang der Entwicklung seine Schlüsse zu ziehen .
Ernst Hauler : Werden und Vergehen der Sathmarer Schwabensiedlung Maitingen
Maitigen = Nagymajtény = Moftinul Mare ; allein schon die Ortsbenennung sagt Geschichte und Schicksal aus .
Jede Zeile des 380 Seiten schweren Buches zeugt davon , daß der jetzt in der fremden alten-neuen Heimat lebende Verfasser sich mit allen Fasern seines Herzens “ mit dem Flecken , wo die Wiege stand ” unlöslich verbunden fühlt . Er hat mit reichem Wissen und professionellem Geschick umfangreiches Material zusammengetragen , daß der Gegenwart zur Lehre und der Zukunft als Erinnerung dienen soll . Es soll der seelisch vernommenen Mahnung seiner Landsleute gerecht werden . Hierüber sagt er in “ Zum Geleit ”: “ Dorfbewohner rufen mir aus dem vollbelegten Friedhof zu : Dir wurde ein langes Leben und das Wissen um unsere Herkunft , um unser Werden und Vergehen geschenkt . Laß uns doch nicht ganz in Vergessenheit geraten . Verkünde laut die Wahrheit , damit sich nicht Fremde ungehindert mit unseren Leistungen brüsten können ... Wir vergehen , laß nicht unsere Spuren absichtlich verfälschen und verwischen .”
Mit der Waffeniederlegung der Kurutzen auf der Maitinger Heide ( Nagymajtényi síkon ) zog der Name dieser Ortschaft in die ungarische Geschichte ein . Ihr folgte der Sathmarer Friedensschluß im Jahr 1711 und gleich danach brachte der Gutsherr Károlyi Kolonisten in das entvölkerte Gebiet . 1722 begann die Besiedlung von
Maitingen mit “ echten Schwaben ”.
Nach Not und Tod war auch den Maitingern endlich Brot beschieden und im 19 . Jh . waren die nur schwäbisch sprechenden Bauern zu wohlhabenden Staatsbürgern und guten ungarischen Patrioten geworden . Die Zeit des “ freiwilligen und natürlichen Assimilationsprozesses ” war gekommen . Wie freiwillig und wie natürlich , darüber liefert uns Hauler unzählige Beispiele . Davon nur eines , eben aus der Feder eines späteren Lehrers : “ Die ungarische Sprache war meinen Kameraden nicht besonders nahe verwandt , wir verständigten uns , wenn wir unter uns waren , in Schwäbisch . Hörte das zufällig unser Lehrer , dann setzte er eine von den Ruten , die auf dem Tisch lagen , in Begleitung folgender Worte in Tätigkeit : ‘ Mär megint svábul handrikáltok ’ ( Quatscht ihr schon wieder schwäbisch ) und wir erhielten entweder ‘ körmös ’ ( Schläge auf die zusammengelegten Fingerspitzen ) oder ‘ tenyeres ’ ( auf die Handfläche )... oder der Missetäter mußte sich auf die erste Bank legen und das Bemessen seiner Portion auf den Hosenboden awarten .”
Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges war es dann soweit , daß die Maitinger nur mehr von den Nachbarvölkern als Schwaben benannt wurden , was sie selber als Verspottung empfanden .
Der erste Weltkrieg , die ‘ Frontkameradschaften ’ brachten auch diesen Menschen ein völkisches Erwachen ein , dem jedoch der verlorene zweite Weltkrieg ein tragisches Ende machte . Nach Deportation , Enteignung Heimat- Bucht bekennen sich 61 % der heute noch vorhandenen “ Deutschstämmigen ” zum deutschen Volk gehörig - mit ungarischer Muttersprache ( als rumänische Staatsbürger ).
Jede Seite des Buches hat dem Leser etwas zu sagen , wenn auch bezogen auf Maitingen und Sathmargebiet , so doch für das ganze Donauschwabentum geltend und wertvoll . Schade , daß durch einen Druckereifehler viele Seiten “ weiß ” ( unbedruckt ) geblieben sind , wodurch noch manch Wissenswertes uns vorenthalten bleibt .
( Das Buch von Ernst Hauler umfaßt 380 Seiten und ist 1996 in der Reihe “ Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund ” ( Reihe B - Band 56 ) erschienen . Herausgeber : Johannes Hoffmann . Auslieferung : Forschungsstelle Ostmitteleuropa , D-44221 Dortmund-Barop , Universität
G . Krix
16 ^omitagöblatt