Sonntagsblatt 1/1997 | Page 16

Jeder Mensch hat eine Meinung - so glaubt man wenigstens . Nur : viele behalten ihre Meinung für sich und nur ganz wenige sind es , die “ offen ” reden - eventuell schreiben . Sicherlich kann man mit der Offenheit leicht jemand kränken , vielleicht sogar beleidigen , oder man j kann mit seiner Meinung auch mal danebengreifen . Das muß man eben in Kauf nehmen . Fest steht jedenfalls , daß man sich nur durch reden verständigen kann , daß einAustausch der Meinungen , vernümftiges Debattieren notwendig sind um Entwicklung und Erfolg erreichen zu können . Wir werden versuchen , auf die an uns gestellten Fragen nach Möglichkeit eine Antwort zu erteilen bzw . den angeführten Meinungen unsere , d . h . die Meinung der Redaktion beizufügen .
M . K . aus Raab / Gyor schreibt u . a .: “... Sonntagsblatt klingt gut . Aber vierteljährlich ?... Redaktion : Leider , es ist mal so . Die Jakob Bleyer Gemeinschaft e . V . ist bestrebt , immer und überall die Ideen und das Wirken des Namensgebers vor Augen zu halten . Bleyer schuf das Sonntagsblatt bereits 1921 , weit vor der Gründung des Ungarnländischen Deutschen Volksbildungsvereins ; das Blatt blieb auch nach der Vereinsgründung unabhängig . Warum ? Der Verein wurde vom Staat finanziell unterstützt , das Blatt jedoch nicht . So blieb es auch unabhängig vom Staat . Doch damals gab es noch so etwas wie “ Opferbereitschaft ”. Große Opfer erbrachten jene , die das Blatt machten , aber auch das “ deutsche Volk in Ungarn ” war spendefreudig . Und das wichtigste : Das Sonntagsblatt war gefragt , die Leute konnten und wollten es lesen , es wurde gekauft , abonniert . Binnen einem Jahr , bis Anfang 1922 wurde das Sonntagsblatt von 5000 Lesern bezogen . Es konnte also ( es mußte ) wöchentlich , zu jedem Sonntag erscheinen . Heute ist die Lage in vielem eine ganz andere . Wer kann und wer will deutsch lesen ? Und wer hat eine Spende übrig ? Wir sind froh , wenn wir vierteljährlich die nötige Summe zusammenbringen . Immerhin : Interessantes Material gäbe es genug , sogar für jeden Sonntag genug . Themen und Nachrichten , die unsere Ungarndeutschen wissen sollten , lesen müßten . Wenn wir doch wenigstens monatlich erscheinen könnten ...
L . Sch . ebenfalls aus Raab / Gyor : ... Ich verstehe , daß die Jakob Bleyer Gemeinschaft treu zu ihrem Vorbild Bleyer steht und dies auch in Äußerlichkeiten zum Ausdruck bringen will . So ist also der Hinweis im Zeitungskopf “ Sonntagsblatt für das deutsche Volk in Ungarn ” für mich verständlich und akzeptabel . Aber : wo ist das deutsche Volk in Ungarn ? Als Pädagoge komme ich auch in ( ehemals ) deutsche Dörfer unserer Umgebung , in

Aas anser-m Brigidste «

Bemerkenswerte Meinungen und Fragen vor
Dörfer , wo der Abstammung und dem Namen nach auch heute noch viele Deutsche ( Deutschstämmige ) wohnen . Das Sonntagsblatt habe ich noch nirgends vorgefunden . Bei Gesprächen mit Kollegen / innen habe ich den Namen Jakob Bleyer erwähnt . Staunende Augen , allgemeines Unwissen . Und es wollte auch niemand von mir Aufklärung bekommen ( die ich ja auch kaum hätte geben können ). Warum wohl ? Redaktion : Glauben Sie , daß “ offizielle ” Stellen in Ungarn ( auch ungarndeutsche ) daran interessiert sind , das “ deutsche Volk ” voll und wahrheitsgetreu aufzuklären über z . B . Jakob Bleyer ? Es wäre bestimmt niemandem unangenehm ihn als “ guten ungarischen Patrioten ” zu schildern ; sicherlich würde es aber vielen schwer fallen , Bleyers Kampf gegen den madjarischen Chouvinismus zu erklären , z . B . das Duell mit vitéz Bajcsy-Zsilinszky . Natürlich weiß jeder Ungarndeutscher , welch “ ein hervorragender Mensch ” B . Zsilinszky war . Aber , daß er ein Deutschhasser war , der größte Feind Bleyers und somit des Ungarndeutschtums ? “ Erről inkább ne beszéljünk ” ( darüber reden wir lieber nicht ) bekommt man da zur Antwort . Es gibt noch einige ähnlich “ heikle ” Themen , über die man heute - 50 Jahre nach Kriegsende - noch immer nicht reden will . Oder sich nicht getraut ? Ja warum denn ? Weil man niemand weh tun will ? Lieber schlucken wir selber die Krott ... Buta svábok !, wird häufig gesagt .
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Eine Lehrerin aus der Tolnau : ... Ich wollte in meiner Klasse über die “ Ansiedlung unserer Ahnen ” reden . Schließlich haben wir wöchentlich fünf Stunden Deutsch und so baute ich in meinen Lehrplan auch Themen über Volkstum und Traditionen ein . Da sagt mir die Direktorin : “ Was heißt unsere Ahnen ? “ Naja ” erwiederte ich “ wir unterrichten doch Deutsch als Muttersprache und da gehört dann schon etwas mehr als Grammatik und Deutschmobil dazu ”. “ Quatsch ” - war die Antwort - “ mehr als die Hälfte deiner Kinder haben mit dem ‘ svábság ’ ( dem Schwabentum ) nichts zu tun und viele Schwaben sind auch nicht neugierig auf solch altmodische Geschichten .” Ja , viele unserer Leute sind schon wirklich nicht mehr neugierig darauf , weil sie tagtäglich merken , fühlen , daß sie es nicht sein sollen . So kommt es , daß die Tante Resi , als sie aus Deutschland hier zu Besuch war , von der Nani-Basl dann erfahren hat : “ Bei uns ist nichts los mit dem Deutschen , auch wenn die Kinder noch “ népitánc ” ( Volkstanz ) lernen ; Ich schäme mich gerade , daß unsere Ibolya nicht deutsch reden
Lesern und Freunden
kann und es auch nicht lernen will . Aber die Sárika vom Nagy Doktor geht ins Nachbarsdorf auf Extrastunden und wird jetzt in Budapest eine Deutschprüfung machen .” Redaktion : Kein Kommentar . Wer ist schuld an dieser Situation ? Wohl auch jene , die zu allem ja sagen und sich zufrieden geben .
Bei einem Klubtreffen erzählte eine Frau ( Sechzigerin ) weinerlich / empört : - Ich singe sehr gerne und kann auch viele deutsche Lieder . Natürlich will ich da bei jeder Probe unseres Gesangchores ( ungarndeutscher Gesangchor ! - versteht sich !) dabei sein . Als ich mal gefragt wurde , woher ich so viele Lieder kenne , erwiderte ich offen und stolz : “ Als Kind habe ich die deutsche Volksschule in .... besucht .” Darauf der Chorleiter sehr aufgebracht : “ Ez csak Bund-iskola lehetett ” ( dies kann nur eine Volksbund-Schule gewesen sein ). Seither redet er nicht mit mir und die Blitze seiner Augen vernichten mich seelisch . Dabei wollten meine Eltern damals nur erreichen , daß ich die Muttersprache gut erlerne ... Redaktion : Auf diesen Chorleiter paßt das Sprichwort : Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen .
L . M ., Hochschülerin , schreibt : ... Aus dem Sonntagsblatt ersehe ich , daß Sie auch Jugendliche in Ihrem Verein haben . Mich würde die Jugendarbeit sehr interessieren . Ich liebe Gesellschaft und suche auch Gelegenheit , die deutsche Sprache zu üben . In meinem Heimatstädtchen gibt es leider keinen passenden deutschen Verein , bzw . man spricht dort nur ungarisch . Ich habe vor den Feiertagen auch zwei GJU-Freundeskreise besucht . Dort habe ich aber nur Kinder vorgefunden und auch die haben nur ungarisch gesprochen ... Redaktion : Wir werden Sie zu unserer nächsten Versammlung in Budapest einladen . Ja , wir haben Jugendliche in unserem Verein und haben auch “ eine ernste Jugendarbeit ” vorgesehen . Wir sind dabei , dafür noch weitere Mitglieder zu werben . Wir möchten unsere Jugendarbeit gerne mit anderen ungarndeutschen Organisationen , vor allem mit der GJU , abstimmen und nach Möglichkeit auch Zusammenarbeiten . Bei letzterer sind wir auf Verständnis und Entgegenkommen gestoßen - nur leider kam es bisher nie zu einer Aussprache . Unsere jungen Freunde sind stets in Zeitnot , wohl auch wegen der vielen internationalen Verpflichtungen und ausländischen Seminare ...
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