MUNDANO MAG Ausgabe auf Deutsch | страница 36

POLITIK Brasiliens Beziehungen zur EU sind weniger konfliktreich als mit den USA aber auch weniger intensiv. Erst 2007 hat die EU als letztem Land der BRIC Staaten, den Status einer "Strategischen Partnerschaft" angeboten. Sieben Jahre später ist nur ein geringes Maß an gegenseitigem Vertrauen zu erkennen, das aber als Grundlage für die beabsichtigte enge Zusammenarbeit in multilateralen Fragen unverzichtbar wäre, nicht zuletzt weil die Machtverschiebungen in der multipolaren Welt von Brasilien eher als vorteilhaft und von der EU eher als nachteilig angesehen werden. Trotz der sehr engen und weit gefächerten bilateralen Beziehungen mit einzelnen Mitgliedsstaaten wie Deutschland, Spanien und Frankreich – hier sogar im sicherheitspolitischen Bereich – scheint die EU Brasilien bisher noch nicht in gleichen Masse als globalen Akteur einzuschätzen wie andere BRICSStaaten, obwohl es in Fragen des Klimawandels sicherlich eine zentrale Rolle spielen kannund auch bei den weltwirtschaftlichen Reformdebatten in der G-20 ein wichtiger Allianzpartner sein könnte. Aber auch hinsichtlich der EU Beziehungen zu Südamerika könnte die "strategische Partnerschaft" mit Brasilien eine solide Basis für eine realistischere Regionalstrategie bieten, nachdem die langjährigen Bemühungen um biregionale Assoziierung zwischen den regionalen Integrationsprozessen weitgehend gescheitert sind. Zu dem Realismus auf europäischer Seite müsste freilich auch die Einsicht gehören, mit Brasilien gegebenenfalls ein bilaterales Freihandelabkommen auszuhandeln dem das Land derzeit – vor allem wenn es jetzt auch im dritten Anlauf nicht zu dem seit Jahren angekündigten biregionalen Abkommen mit dem Mercosur kommen sollte – aufgeschlossener gegenübersteht. Dass Brasilien als "Anti-Status-quo-Macht" und Führungsmacht des Südens keineswegs immer die gleiche Weltsicht mit der EU teilt, wird sich in jeder bilateralen Beziehungsform kaum vermeiden lassen. Freilich haben gerade einige der innovativen Beiträge Brasiliens zur den sicherheitspolitischen Debatten im VNRahmen – wie das Konzept "responsibility while protecting" – eher zur Verärgerung der Europäer MUNDANO mag als zu einer verstärkten Zusammenarbeit beigetragen. Das Bemühen Brasiliens als "Normunternehmer" aufzutreten, verstärkt einerseits seinen Führungsanspruch in zentralen Fragen der internationalen Zusammenarbeit und beunruhigt anderseits seine traditionellen außenpolitischen Partner. Gerade auf Grund der außerordentlich aktiven und innovativen internationalen Rolle Brasiliens muss sich die EU wohl auf eine zunehmende Nord-Süd-Distanzierung in der "strategischen Partnerschaft" einstellen weil Brasilien als pragmatische Führungsmacht in Zukunft ohnehin mit keinem allzu großen globalen Gewicht der EU rechnet. Eine noch nicht konsolidierte Fuhrungsmacht Brasilien teilt mit der EU das Schicksal, sich als Fuhrungsmacht noch nicht konsolidiert zu haben, was angesichts der grundlegenden und keineswegs abgeschlossenen Veranderungen im internationalen System nicht anders zu erwarten ist, zumal die internationale Anerkennung als Fuhrungsmacht nicht ursachlich von der eigenen Wirtschaftskraft oder gar der Kapazitat zur Durchsetzung der eigenen Interessen abhangt, sondern vor allem auch von der Fahigkeit in der eigenen Region Krisenmanagement zu betreiben und von den etablierten beziehungsweise sich etablierenden Fuhrungsmachten als solche anerkannt zu werden. Hier lassen sich bei Brasilien vier – nicht unbedingt selbst verschuldete – Defizite erkennen: Seine Rolle als Führungsmacht ist in der eigenen Region – selbst in Südamerika und erst recht in Lateinamerika umstritten.  Von Seiten der etablierten Weltmacht USA ist eine eindeutige Anerkennung der neuen internationalen Rolle Brasiliens bisher ausgeblieben.  Unter den sich etablierenden Führungsmächten ist die Akzeptanz Brasiliens bei China und Indien ausgeprägter als bei Russland und der EU.  Seine Rolle als weltwirtschaftlicher Akteur in Handel, Dienstleistungen und Investitio 36