MUNDANO MAG Ausgabe auf Deutsch | Page 34

POLITIK Brasilien hat sich schon seit 1994, als es als Antwort auf die von den USA geplante Gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA) seinen Nachbarn eine südamerikanische Freihandelszone (SAFTA) vorschlug, um eine regionale Institutionenbildung bemüht, in deren Mittelpunkt aber immer eher die regionale Kooperation als die regionale Integration stand. So wurde auf seine Initiative 2004 die Südamerikanische Gemeinschaft der Nationen (CSN) gegründet, die alle Staaten des Halbkontinents einbezieht. Damit wurde Brasiliens geopolitische Entscheidung für eine südamerikanische Identität formalisiert. Dabei ging es vor allem darum, in Zukunft eine doppelte strategische Rivalität mit anderen Führungsansprüchen in der Region wie der USA oder Mexiko auszuschließen. Diese Strategie konnte Brasilien aber nicht in vollen Umfange durchsetzen, weil es kaum bereit war – wie die Beispiele Kuba und Honduras gezeigt haben – diese Regelung selbst einzuhalten, und weil verschiedene südamerikanische Staaten – vor allem Kolumbien und Venezuela eigene Konzepte entwickelt haben. Dennoch hat Brasilien seinen Führungsanspruch in der Region keineswegs aufgegeben sondern eher ausgebaut. So hat es verschiedene Unterorganisationen des Unasur ins Leben gerufen, von denen der Südamerikanische Verteidigungsrat (CDS) das politisch wichtigste institutionelle Kooperationsinstrument darstellt, weil hier zum ersten Male die Verteidigungsund Außenminister Südamerikas, unter Ausschluss der USA, gemeinsam an der Etablierung einer regionalen Sicherheitsarchitektur arbeiten. Dies zeigt, dass Brasilien bereit ist, Süd-Süd Kooperationen den Vorrang vor der bis dahin weitgehend reibungslosen Zusammenarbeit mit den USA in Sicherheitsfragen einzuräumen. Brasiliens Bereitschaft zu größerer sicherheitspolitischer Verantwortung lässt sich auch an seiner Führungsrolle bei der VN-Stabilisierungsmission (MINUSTHA) in Haiti ablesen. Brasilien war 2004, nachdem Haitis Präsident Jean-Bertrand Aristide ins Exil gegangen war, nicht nur bereit, die militärische Führung mit einem großen Kontingent eigener Truppen zu übernehmen sondern konnte auch acht weitere lateinamerikanische Länder überzeugen hier international Flagge zu zeigen. Die dabei gesammelten logistischen Erfahrungen dürften die regionale Sicherheitskooperation im Südamerikanischen Verteidigungsrat erleichtern und Brasilien in Zukunft auch für andere internationale Krisenmissionen prädestinieren. Auf der bilateralen Ebene hat Brasilien AnstrengunMUNDANO mag gen zur Stabilisierung der Region unternommen. Dies war sowohl bei innenpolitisch riskanten Entwicklungen in Paraguay, Bolivien und zuletzt in Honduras der Fall, wie auch bei Vermittlungsversuchen zwischen Präsident Chávez und der Opposition in Venezuela 2003 und mit Hilfe von Unasur erneut 2014, sowie zwischen Kolumbien und Venezuela 2009. Das ehrliche Bemühen demokratische Regeln im innerstaatlichen wie zwischenstaatlichen Verhalten zu stärken, wird man Brasiliens Regierung dabei nicht absprechen können. Wenn eigene wirtschaftliche Interessen zu berücksichtigen waren, wie im Falle der Beziehungen zu Argentinien, Bolivien, Ecuador, Paraguay und Venezuela, ließ sich allerdings oft ein Konflikt mit den politischen Stabilisierungsbemühungen kaum vermeiden, denn positive Wirtschaftsbeziehungen garantieren keineswegs immer harmonische Nachbarschaftsbeziehungen und die angestrebte regionale Führungsrolle Brasiliens wird in Südamerika durchaus auch als Hegemonieanspruch kritisiert. Brasilien als "Anti-Status-quo-Macht" im Internationalen System Die Grundlage von Brasiliens vielfachen diplomatischen Anstrengungen liegt in der Rolle des Landes als "Anti-Status-quo-Macht" innerhalb der internationalen St