K-Colors of Korea July 2014 | 页面 28

Nichts zu neiden? Barbara Demick über ihr Buch “Die Kinogänger von Chongjin” D Text von Esther Klung, Foto vom Verlag ie amerikanische Journalistin Barbara Demick leitet das Los Angeles Times Büro in Beijing. In den 1990er Jahren arbeitete sie an einer Reihe über das Leben in Sarajevo im Spiegel des Bosnienkrieges. Die Serie, zu der John Costello die Fotos beisteuerte, wurde mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet. Bis 2001 war Demick im Nahen Osten stationiert, danach ging sie nach Korea, wo ihre Idee für ihr Buch “Die Kinogänger von Chongjin” entstand. Für dieses, in diesem Jahr ebenfalls mit einem Preis ausgezeichnete Buch, interviewte sie nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea. Mit K-Colors Of Korea sprach sie über ihre Recherchen zu “Die Kinogänger von Chongjin” und ihre Gedanken zu Nordkorea. Eine Neuauflage des Buches ist unter dem Titel “Im Land des Flüsterns - Geschichten aus dem Alltag in Nordkorea” Ende 2013 im Knaur Verlag erschienen. K: Zu allererst möchten wir Ihnen zum Samuel Johnson Preis für nichtfiktionale Literatur gratulieren. Was bedeutet es Ihnen, dass “Die Kinogänger von Chongjin” mit diesem Preis ausgezeichnet worden ist? BD: Ich habe mich selbst niemals als literarischen Schreiber gesehen, nur als Reporter, deswegen war es wirklich eine Überraschung einen Literaturpreis zu gewinnen. Was höchst erfreulich ist, ist die Aufmerksamkeit, die der Preis auf die Lage der Nordkoreaner gelenkt hat. K: Wie kam Ihnen die Idee zu “Die Kinogänger von Chongjin? BD: Die Idee kam mir bald nachdem ich 2001 begonnen hatte über Nordkorea zu recherchieren. Die Fotos und das Filmmaterial über dieses Land, die ich zu sehen bekam, waren voller Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern, die sich im Gleichschritt bewegten und im Sprechchor die Führung priesen. Ich sah mir diese Bilder an und fragte mich: Was denken diese Menschen 28 wirklich? Ich wollte ein Buch schreiben, das übermittelt, was in den Köpfen hinter den Masken vorgeht, um zu verstehen, was es wirklich bedeutet Nordkoreaner zu sein. K: Berichten Sie uns über die ersten Recherchen. BD: Als ich 2001 nach Südkorea zog, versuchte ich so viele Nordkoreaner wie möglich zu interviewen, um ein breit gefächertes Portrait über das Leben in diesem Land anzulegen. Nach mehr als 100 Interviews begann ich mir die Geschichten der sechs im Buch portraitierten Menschen genauer anzusehen. K: Welche autobiographische Geschichte, die Sie in den Interviews gehört haben, hat Sie am meisten berührt? BD: Ich denke, ich war am meisten von Mrs. Song, der Fabrikarbeiterin, berührt. Obwohl sie und ich nichts gemeinsam haben, fühlte ich mit ihrem täglichen Kampf Nahrung zum Überleben zu beschaffen. Bei jedem Schritt, als sie ihre Kleidung, ihr Geschirr, ihr Haus verkaufte, fragte ich mich, was ich in ihrer Situation tun würde - wäre ich geschäftstüchtig genug um nicht zu verhungern? Ich bin selbst Mutter eines Sohnes und so brach es mir das Herz, als sie mir erzählte, dass sie wählen musste, zwischen Nahrung oder Medizin für ihren Sohn. K: Gab es Geschichten, die Sie lieber nicht niedergeschrieben haben? BD: Jeder Nordkoreaner, den ich traf, hatte eine fesselnde Geschichte. Vor einigen Jahren interviewte ich sehr ausführlich eine Familie, die ein Boot auf dem Gelben Meer gestohlen hatte, um damit nach Südkorea überzusetzen. Es war eine der erstaunlichsten Geschichten, die ich je gehört habe. Ich begann über sie zu schreiben, als mich einer von ihnen anrief und unter Tränen bat, die Geschichte nicht zu veröffentlichen. Er fürchtete, es wäre für die nordkoreanische Regierung zu einfach die Identität der Familie festzustellen (wenige Menschen fliehen per Boot) und die Verwandten zu