Nichts zu neiden?
Barbara Demick über ihr Buch “Die Kinogänger von Chongjin”
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Text von Esther Klung, Foto vom Verlag
ie amerikanische Journalistin Barbara Demick
leitet das Los Angeles Times Büro in Beijing.
In den 1990er Jahren arbeitete sie an einer
Reihe über das Leben in Sarajevo im Spiegel des
Bosnienkrieges. Die Serie, zu der John Costello die Fotos
beisteuerte, wurde mit mehreren internationalen Preisen
ausgezeichnet. Bis 2001 war Demick im Nahen Osten
stationiert, danach ging sie nach Korea, wo ihre Idee
für ihr Buch “Die Kinogänger von Chongjin” entstand.
Für dieses, in diesem Jahr ebenfalls mit einem Preis
ausgezeichnete Buch, interviewte sie nordkoreanische
Flüchtlinge in Südkorea.
Mit K-Colors Of Korea sprach sie über ihre
Recherchen zu “Die Kinogänger von Chongjin” und
ihre Gedanken zu Nordkorea.
Eine Neuauflage des Buches ist unter dem Titel
“Im Land des Flüsterns - Geschichten aus dem Alltag in
Nordkorea” Ende 2013 im Knaur Verlag erschienen.
K: Zu allererst möchten wir Ihnen zum Samuel Johnson
Preis für nichtfiktionale Literatur gratulieren. Was
bedeutet es Ihnen, dass “Die Kinogänger von Chongjin”
mit diesem Preis ausgezeichnet worden ist?
BD: Ich habe mich selbst niemals als literarischen
Schreiber gesehen, nur als Reporter, deswegen war
es wirklich eine Überraschung einen Literaturpreis
zu gewinnen. Was höchst erfreulich ist, ist die
Aufmerksamkeit, die der Preis auf die Lage der
Nordkoreaner gelenkt hat.
K: Wie kam Ihnen die Idee zu “Die Kinogänger von
Chongjin?
BD: Die Idee kam mir bald nachdem ich 2001 begonnen
hatte über Nordkorea zu recherchieren. Die Fotos und
das Filmmaterial über dieses Land, die ich zu sehen
bekam, waren voller Menschen mit ausdruckslosen
Gesichtern, die sich im Gleichschritt bewegten und
im Sprechchor die Führung priesen. Ich sah mir diese
Bilder an und fragte mich: Was denken diese Menschen
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wirklich? Ich wollte ein Buch schreiben, das übermittelt,
was in den Köpfen hinter den Masken vorgeht, um zu
verstehen, was es wirklich bedeutet Nordkoreaner zu
sein.
K: Berichten Sie uns über die ersten Recherchen.
BD: Als ich 2001 nach Südkorea zog, versuchte ich so
viele Nordkoreaner wie möglich zu interviewen, um
ein breit gefächertes Portrait über das Leben in diesem
Land anzulegen. Nach mehr als 100 Interviews begann
ich mir die Geschichten der sechs im Buch portraitierten
Menschen genauer anzusehen.
K: Welche autobiographische Geschichte, die Sie in den
Interviews gehört haben, hat Sie am meisten berührt?
BD: Ich denke, ich war am meisten von Mrs. Song, der
Fabrikarbeiterin, berührt. Obwohl sie und ich nichts
gemeinsam haben, fühlte ich mit ihrem täglichen Kampf
Nahrung zum Überleben zu beschaffen. Bei jedem
Schritt, als sie ihre Kleidung, ihr Geschirr, ihr Haus
verkaufte, fragte ich mich, was ich in ihrer Situation
tun würde - wäre ich geschäftstüchtig genug um nicht
zu verhungern? Ich bin selbst Mutter eines Sohnes und
so brach es mir das Herz, als sie mir erzählte, dass sie
wählen musste, zwischen Nahrung oder Medizin für
ihren Sohn.
K: Gab es Geschichten, die Sie lieber nicht
niedergeschrieben haben?
BD: Jeder Nordkoreaner, den ich traf, hatte eine
fesselnde Geschichte. Vor einigen Jahren interviewte
ich sehr ausführlich eine Familie, die ein Boot auf
dem Gelben Meer gestohlen hatte, um damit nach
Südkorea überzusetzen. Es war eine der erstaunlichsten
Geschichten, die ich je gehört habe. Ich begann über sie
zu schreiben, als mich einer von ihnen anrief und unter
Tränen bat, die Geschichte nicht zu veröffentlichen. Er
fürchtete, es wäre für die nordkoreanische Regierung zu
einfach die Identität der Familie festzustellen (wenige
Menschen fliehen per Boot) und die Verwandten zu