Architekturführer Pjöngjang
von Philipp Meuser
D
Text von Philipp Meuser, Foto vom Verlag
ie Fotos muten seltsam an. Der Betrachter
fühlt sich einerseits zurückversetzt in den
ehemaligen Ostblock und der Gedanke an
alte Spionagefilme, in denen die Kommunisten der
weltbedrohende Feind war, flackert in einem auf.
Andererseits wirken die Bauten, die Kim Jong Il errichten
ließ teilweise wie die Kulissen für einen Science Fiction
Film.
Kennzeichnend für Pjöngjang sind klare, gerade
Linien, funktionale Wohnbauten und überdimensionale
Versammlungs- und Kulturbauten. Allgegenwärtig ist
die Verehrung Kim Jong Ils und seines Sohnes, der ihm
nachfolgen wird. Eine Stadt inszeniert sich, doch man
fragt sich für wen., denn, was in den Bildern fehlt, sind
Menschen und Autos, es fehlt das bunte Treiben, das
eine jede Stadt lebendig macht. Wundervolle Museen,
Kaufhäuser und prunkvolle Bahnhöfe sind beinahe
menschenleer. Und so ist die photographische Reise
durch Pjöngjang eine einsame, aber eindrucksvolle.
Eigentlich
sollte
jeder
sich
diesen
Architekturführer zu legen. Die Fotos aus den
verschiedenen Jahrzehnten sprechen für sich selbst, sie
erzählen von einem Leben, das die wenigsten von uns
sich vorstellen können und sie erzählen eine Geschichte,
die in keiner Rezension hinreichend zusammengefasst
werden kann. Wer sich nur etwas für Nordkorea oder
Architektur interessiert, sollte zumindest einen Blick in
die zwei Bände werfen.
Es fällt einem schwer den Architekturführer
nach dem ersten Durchblättern wieder aus der Hand zu
legen. Mehr als einmal wird man, schwankend zwischen
neugieriger Faszination und traurigem Mitgefühl für
die Menschen, die in dieser verschlossenen Welt leben
müssen, seinen Blick über die Fotos schweifen lassen.
Der erste Band dieses zweiteiligen
Führers entstand unter den wachsamen Augen der
Nordkoreaner und so sieht der Leser, was er sehen
soll. Von dem beigefügten zweiten Band wussten
die nordkoreanischen Behörden beim Erscheinen
des Architekturführers nichts. In den Begleittexten
findet man Hintergrundinformationen zu Nordkoreas
Entwicklung, zur Architektur, zu Propaganda und
Führerkult, außerdem den Originaltext „Über
die Baukunst“ von Kim Jong Il samt erklärendem
Kommentar.die in keiner Rezension hinreichend
zusammengefasst werden kann. Wer sich nur etwas
für Nordkorea oder Architektur interessiert, sollte
zumindest einen Blick in die zwei Bände werfen.
Wer sich den Architekturführer kauft, wird
wissen, dass er keinen Reiseführer in der Hand hält,
mit dem er sich auf Erkundungstour durch Pjöngjang
begeben kann. Zur Sicherheit wird am Ende noch einmal
von der Mitnahme abgeraten. Wahrscheinlich zeigt der
Architekturführer von Philipp Meuser mehr als man bei
einer bewachten Reise durch Nordkorea je sehen wird.
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