HARVARD BUSINESS MANAGER MAGAZINE Harvard_Business_Manager__Juli_2017 | Page 99
AKADEMIE FALLSTUDIE
SOLL SONG
SICH FÜR DIE
NEUE WERBE-
KAMPAGNE
EINSETZEN?
UNSERE EXPERTEN
ANTWORTEN.
„CHANGCHANG GAO IST
NICHT NUR EINE
BERÜHMTE SÄNGERIN,
SIE HAT AUCH
VIELE FOLLOWER IN DEN
SOZIALEN MEDIEN.“
Wei Song und Pearl Zhang kennen
die chinesischen Verbraucher besser als
Simon Carbonnier. Sie sollten auf ihren
Instinkt vertrauen, einen Werbevertrag
mit Changchang Gao abschließen und
ihre neue Marketingstrategie weiter -
verfolgen.
Diese Vorgehensweise ist aus mehre-
ren Gründen richtig. Erstens ist der
chinesische Markt für hochpreisige
Armbanduhren – trotz des derzeitigen
harten Konkurrenzkampfs unter den
Herstellern – immer noch der wichtigste
Luxusgütermarkt der Welt und wird in
Zukunft wahrscheinlich noch weiter
wachsen. Wenn die Unternehmen wei -
terhin erfolgreich sein wollen, müssen
sie kontinuierlich in den Aufbau ihrer
Marken investieren. Zweitens haben
schon viele Uhrenhersteller (zum Bei-
spiel Longines, Omega und Baume et
Mercier) von Werbekampagnen mit chi-
nesischen Prominenten profitiert. Und
was noch wichtiger ist: Changchang Gao
scheint nicht nur eine berühmte Sänge-
rin und Schauspielerin zu sein, sondern
auch viele Follower in den sozialen Me-
dien zu haben, über die sie die Produkte
von Rochat & Schmid promoten könnte.
Mit diesem digitalen Einfluss kann sie
einen wichtigen Beitrag dazu leisten,
mehr Kunden auf die Uhren von R&S
aufmerksam zu machen, denn immer
mehr Menschen nutzen ihr Smartphone
zur Recherche und zum Kauf von Pro-
dukten. Vor allem aber wird Chang-
chang Gaos Bekanntheitsgrad in den
sozialen Medien es R&S erleichtern, die
Generation Y – einen immer wichtiger
werdenden Markt – anzusprechen.
Einige modische Uhrenmarken ver-
zeichneten in den letzten Jahren enor -
me Umsatzzuwächse, weil sie neue digi-
tale Plattformen geschickt zu nutzen
verstanden. Und selbst einige der teuer-
sten Luxusuhren – im Preissegment ab
100 000 Dollar – schrecken inzwischen
nicht mehr vor Online- und Social Mar-
keting zurück. Natürlich müsste eine
neue Marketingkampagne genau zur
DNA von R&S passen. Aber Zhangs
Strategie klingt vielversprechend.
Simon Carbonnier sprach vom Trend
zu dezenten, unauffälligen Produkten,
der sich selbst in China langsam durch-
setze. Ich würde die Wandlung des Ver-
brauchergeschmacks anders beschrei-
ben. Meiner Meinung nach tendieren
die Käufer von Luxusartikeln inzwi-
schen eher zu Produkten, die für eigen-
ständiges Denken statt Massenge-
schmack stehen. Auf diese Entwicklung
sollten Hersteller und Einzelhändler
reagieren, indem sie – genau wie Zhang
es vorschlägt – eine größere Vielfalt an
(vielleicht sogar lokalisierten) Designs
anbieten, die bei Bedarf individuell auf
die Wünsche und Bedürfnisse des Kun-
den zugeschnitten werden können.
Dank fortgeschrittener Technologien
können wir die Produkte und Einkaufs-
erlebnisse genau auf die Präferenzen
unserer Kunden abstimmen. Im Jahr
2016 hatte unser Unternehmen mehr als
2300 Verkaufsstellen in über 500 Städ-
ten in China, Singapur, Malaysia, Korea
und den USA; aber wir haben auch über
unseren E-Shop und andere Online-
händler fast eine Million Schmuck -
stücke verkauft. Jetzt experimentieren
wir damit, diese beiden Einkaufserleb-
nisse miteinander zu kombinieren: Wir
nehmen Bestellungen online entgegen,
sodass die Kunden ihr Produkt selbst
gestalten können, und liefern offline.
Die Kunden können ihre Lieferung ent-
weder im nächsten Geschäft abholen
oder sie sich von einem externen Part-
ner ins Haus liefern lassen.
R&S muss sich viel stärker auf seinen
chinesischen Kundenstamm einstellen –
nicht nur bei der Produktentwicklung,
sondern auch in Marketing und Vertrieb.
KENT WONG
ist Geschäftsführer der Chow
Tai Fook Jewellery Group.
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HARVARD BUSINESS MANAGER JULI 2017