HARVARD BUSINESS MANAGER MAGAZINE Harvard_Business_Manager__Juli_2017 | Page 98
Das Konzept des
„Wertversprechens“
spielt im strate -
gischen Marketing
eine wichtige Rolle.
Bei chinesischen
Managern ist Schwei-
gen oft ein Zeichen
von Missbilligung.
schmack ansprechen, aber ohne neue
Uhrendesigns bleibt uns nichts anderes
übrig als cleveres Marketing.“
„Konsumenten im Luxussegment
überzeugt man eher mit Eleganz als mit
Übertreibung. Das haben wir doch
schon x-mal besprochen. Der heutige
Konsumtrend geht eher in die Richtung
‚dezent und unauffällig‘. Und dieser
Trend ist inzwischen auch in China an-
gekommen. Deshalb ändern wir unsere
Uhrendesigns jetzt nicht. Und wir soll-
ten auch unsere Marketingstrategie so
lassen, wie sie ist.“
Song beschloss, kein Blatt vor den
Mund zu nehmen. „Ich verstehe schon,
was Sie meinen, Simon. Es scheint tat-
sächlich so zu sein, dass die Antikorrup-
tionsbewegung den Marken mit protzi-
gerem Design schadet. Und vielleicht
werden die ästhetischen Präferenzen
der chinesischen Verbraucher sich tat-
sächlich zu unseren Gunsten verändern.
Die Frage ist nur: Wird das so schnell
geschehen, dass wir unseren Aktionä-
ren in diesem Jahr das gewünschte Um-
satzwachstum liefern können? Sie wis-
sen doch: Wenn wir in China an Boden
verlieren, wirkt sich das negativ auf
das ganze Unternehmen aus. Vielleicht
sollten wir unser Marketing tatsächlich
ein bisschen umkrempeln.“
„Davon halte ich nichts“, widersprach
Carbonnier. „Wir dürfen nicht verges-
sen, welchen Wert Rochat & Schmid auf
dem Uhrenmarkt repräsentiert.“
„Ich verstehe schon, wie wichtig es
ist, unserer Tradition treu zu bleiben
und weltweit ein einheitliches Image zu
wahren, Simon“, sagte Zhang. „Aber wie
Sie selbst gesagt haben: China ist ein
ganz besonderer Markt. Unsere bisheri-
gen Werbekampagnen sind sehr schön
und passen auch zu unserer Marke,
doch in einem überfüllten, stagnieren-
den Markt sind sie einfach nicht so wir-
kungsvoll, wie wir es gern hätten.“
„Und woher wissen Sie, dass dieser
Werbevertrag wirkungsvoller wäre?“,
fragte Carbonnier.
Als Zhang keine Antwort gab, ergriff
Song wieder das Wort. „Vielleicht soll-
ten wir uns beide ein bisschen Zeit neh-
men, um die zwei Marketingstrategien
genau zu prüfen“, schlug er vor.
„Ich glaube, ich brauche weder für die
eine noch für die andere Strategie viel
Bedenkzeit“, erwiderte Carbonnier.
„Aber ich werde Ihnen meine Stellung-
nahmen in ein paar Tagen schicken.“
BEREIT FÜR EINE KONFRONTATION?
Am nächsten Tag führte Song sein all-
wöchentliches Telefonge spräch mit Rolf
Odermatt. Nachdem sie die üblichen
Nettigkeiten ausgetauscht hatten, gin-
gen sie die Umsatzzahlen für die einzel-
nen Verkaufsregionen durch.
„Möchte Pearl tatsächlich unsere
Marketingstrategie über den Haufen
werfen, oder habe ich da etwas miss -
verstanden?“, fragte Odermatt.
Diese Frage verblüffte Song, denn
er konnte sich nicht vorstellen,
dass Carbonnier schon mit Odermatt
gesprochen hatte. „Ja, wir überlegen,
ob wir nicht eine andere Richtung
einschlagen sollen.“
„Simon findet die neue Strategie
zu billig und fürchtet, dass sie unse-
rem Image schaden könnte“, sagte
Odermatt. „Aber natürlich ist nicht er
der Unternehmenschef, sondern ich.“
„Haben Sie sich Pearls Vorschläge
denn schon angesehen? Sicher weichen
sie von unserer bisherigen Werbestrate-
gie ab, aber sie wirken nicht protzig.“
„Simon hat sie mir gezeigt. Um ganz
ehrlich zu sein: Das hübsche Mädchen,
das rote Kleid, die drei Armbanduhren –
ich finde daran nichts Protziges. Aber
Sie kennen China besser als ich. Haben
Sie denn überhaupt das Budget dafür?“
„Wir bräuchten nicht mehr Geld, als
wir bereits eingeplant hatten. Pearl
meint, wir kommen günstiger weg,
wenn wir Changchang Gao gleich für
etwas länger unter Vertrag nehmen.“
„Aber nur, wenn wir mit dieser Pro-
minentenwerbung die gewünschte Wir-
kung erzielen. Ansonsten wäre es kein
gutes Geschäft“, wandte Odermatt ein.
„Das stimmt“, gab Song zu.
„Also möchten Sie es wegen dieser
neuen Marketingstrategie auf einen
Streit mit Simon ankommen lassen?“
Diese Frage stellte sich Song seit
gestern auch. Ihm war nur nicht klar
gewesen, dass er sie so schnell würde
beantworten müssen.
JULI 2017 HARVARD BUSINESS MANAGER
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