HARVARD BUSINESS MANAGER MAGAZINE Harvard_Business_Manager__Juli_2017 | Page 96
haben – zumal R&S seine Jahresumsatz-
ziele ohne uns nie erreichen würde.“
„Sie wissen doch, dass ich Ihre Ideen
zu neuen Designs und einer neuen
Marketingstrategie an die Unterneh -
mens leitung weitergegeben habe. Ich
erwähne dieses Problem jedes Mal,
wenn ich mit der Geschäftsleitung über
Umsatzrückgänge spreche. Aber Sie
wissen ja auch, was Simon von protzi-
gen Klunkern hält.“
Song meinte Simon Carbonnier, den
Chief Creative Officer von R&S, der
ziemlich starrsinnig sein konnte. „Trotz-
dem“, fuhr er fort, „müssen wir uns
innovativere Strategien überlegen, um
mit unseren Uhren hier Aufsehen zu
erregen.“
„Ich werde Ihnen und Simon morgen
meine Ideen dazu vorstellen“, sagte
Zhang. Sie sollten Carbonnier am nächs -
ten Tag per Telefonkonferenz Vor-
schläge für die Werbekampagne zum
chinesischen Neujahr präsentieren.
„Allerdings“, gab sie mit neidischem
Blick auf die Models, das Auto und den
überfüllten Juwelierladen zu, „weiß ich
nicht, ob ich damit konkurrieren kann.“
EIN GUTER NISCHENMARKT?
Die Branche leidet
unter der Kampagne
der chinesischen
Regierung, die gegen
Luxusuhren als
Geschenke für ihre
Beamten vorgeht:
Von 2012 bis 2015
stiegen die Umsätze
in China laut einem
Bain-Bericht nur um
3 Prozent.
Am nächsten Nachmittag stand Song
schon wieder vor dem Juweliergeschäft
von Shanguang. Er hatte sich mit der
Shanguang-Chefin Li Gui Ying zu
einem Gespräch verabredet.
„Ich bin gestern Abend hier vorbei-
gekommen, als Sie Ihr Marketingevent
veranstaltet haben. Es scheint ein gro-
ßer Erfolg gewesen zu sein“, sagte er.
„Sie hätten hereinkommen sollen!“,
entgegnete Gui Ying mit vorwurfsvoller
Stimme. „Das war das erste Event dieser
Art, aber wir werden diese Promotion-
Aktion in ganz China durchführen – als
Nächstes natürlich in Hongkong und
Peking, aber auch in Shenzhen, Guang -
zhou, Tianjin, Hangzhou und Chengdu.
Angesichts der neuen Antikorruptions-
initiativen der Regierung können wir
uns nicht mehr auf den ‚Geschenke-
markt‘ verlassen. Man kann die Um-
sätze nur steigern, indem man die Kun-
den, vor allem diejenigen aus der
Mittelklasse, davon überzeugt, dass sie
es verdient haben, ihr Geld mit vollen
Händen auszugeben – auch in Zeiten
schwächelnder Konjunktur.“
„Hoffen Sie auch auf Events von
uns?“
„Wir haben gestern Abend großartige
Umsätze erzielt und viel Publicity ge-
wonnen. Aber Events von Rochat &
Schmid? Nein – zumindest würde ich
Ihnen nicht zu solchen Promotion-
Aktionen raten, wie Berlinger sie ver -
anstaltet. Sie haben sich hier in China
einen guten Nischenmarkt erobert. Im-
mer wenn Kunden in unser Geschäft
kommen, die etwas weniger Glamourö-
ses suchen, schicken wir sie gleich zu
der Vitrine mit Ihren Uhren.“
„Aber unsere Umsätze bei Shanguang
stagnieren – selbst in Ihren neuen Ge-
schäften – und im Vorjahresvergleich
sind unsere Umsätze in den großen
Städten sogar etwas gesunken“, gab
Song zu bedenken. „Ihrem letzten Quar-
talsbericht habe ich entnommen, dass
Sie an den meisten Ihrer Verkaufsstellen
trotz der derzeitigen Flaute im Luxus-
segment gute Umsätze zu erzielen
scheinen. Vielleicht weisen Sie Ihre
Kunden nicht deutlich genug auf unsere
Uhren hin. Wenn Sie unseren Artikeln
vielleicht mehr Platz im Kassenbereich
einräumen oder eine größere Auswahl
unseres Sortiments zeigen würden –
vor allem in den wachstumsstärkeren
Städten.“
Gui Yings Gesichtszüge erstarrten,
und sie saß eine Minute lang schwei-
gend da. Höflich wartete Song, bis sie
wieder das Wort ergriff.
„Ich glaube, wir haben genau das
richtige Sortiment an Uhren von
Rochat & Schmid in unseren Geschäf-
ten“, sagte sie. „Es stimmt schon: Die
Umsätze sind gesunken, aber das liegt
auch an der Korruptionsbekämpfung
durch die Regierung und an der all -
gemeinen Konjunkturflaute. Dadurch
verändert sich der Geschmack der
chinesischen Verbraucher: Man will sei-
nen Reichtum nicht mehr so offen
zeigen. Deshalb rechne ich damit, dass
Ihre Uhren in Zukunft – vielleicht in ein
oder zwei Jahren – immer mehr Kunden
anlocken werden. Aber wenn Sie mir
etwas Neues anbieten können – einen
neuen Slogan, neue Designs, vielleicht
In China werden
Uhren ausländischer
Hersteller über Fach-
geschäfte und Part -
nerschaften mit
regionalen Distribu -
toren vertrieben, die
Produkte in exklusi -
ven Kaufhäusern und
Einkaufszentren ver -
markten. Händler
haben oft Produkte
von über 50 Uhren -
mar ken in ihrem
Sorti ment.
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