HARVARD BUSINESS MANAGER MAGAZINE Harvard_Business_Manager__Juli_2017 | Page 95
FALLSTUDIE
Im Jahr 1920 führte die
Harvard Business School
die Case-Study-
Methode ein. Dabei
beschäftigen sich die
Studenten mit
konkreten Problemen
aus dem Alltag von
Unternehmen.
Fallstudien gehören
heute weltweit zum
Standard in der
Managerausbildung.
In jedem Heft
präsentieren wir
unseren Lesern einen
fiktionalisierten Fall
und Lösungsvorschläge
von Experten.
AUTOREN
Die Professoren
STEPHEN NASON und
JOSEPH SALVACRUZ
lehren das Fach
Geschäftspraktiken an
der HKUST Business
School in Hongkong.
J. P. STEVENSON ist
Manager of Competitive
Intelligence bei der
Fung Group. Diese fiktive
Geschichte lehnt sich an
die Fallstudie „Batt ling
Giants for China’s
Luxury Consumer“
des HKUST Thompson
Center for Business
Case Studies an.
Die Autoren geben in
den Randspalten zu -
sätzliche Informationen
zu ihrer Fallstudie.
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HARVARD BUSINESS MANAGER JULI 2017
ELEGANZ
GEGEN GLAMOUR
Ein Schweizer Hersteller edler Uhren hat Schwierigkeiten
auf dem wichtigen chinesischen Markt. Kann eine neue,
lokale Werbekampagne die Lösung sein?
VON STEPHEN NASON, JOSEPH SALVACRUZ UND J. P. STEVENSON
Wei Song fielen die Models
in ihren spitzenbesetzten
eleganten Chiffonroben zuerst auf.
Sie flankierten den Eingang zum re-
präsentativen Vorzeigegeschäft der Ju-
weliere Shanguang in der Nanjing Road.
Um den in der Nähe geparkten Eagle-
Roadster-Oldtimer scharte sich ein Dut-
zend gut betuchter Männer und Frauen.
In dem Juweliergeschäft drängelten sich
Besucher und nippten an Champagner-
gläsern. Viele probierten Uhren an.
„Na, das ist ja ein ziemlich hoch -
karätiges Event“, sagte Song zu seiner
Kollegin Pearl Zhang, die neben ihm
stand und wie gebannt hinschaute.
„Allerdings“, stimmte sie zu. „Nur
schade, dass es nicht unser Event ist.“
Song war Geschäftsführer bei Rochat
& Schmid (R&S), einem 100 Jahre alten
Schweizer Luxusuhrenhersteller, und
leitete von seiner Filiale in Shanghai aus
das Geschäft in China. Seine Marketing-
chefin Zhang hatte erfahren, dass Ber-
linger, ein Konkurrent von R&S, gerade
eine Produktlinie juwelenbesetzter
Armbanduhren auf den Markt brachte,
die in den Geschäften von Shanguang
verkauft werden sollten – dem größten
Juweleneinzelhändler in China. Sie
hatte Song überredet, herzukommen
und ein bisschen zu spionieren.
„Ich habe Ihnen ja prophezeit, dass
die mit ihrem Event Furore machen
werden“, sagte Zhang. „Haute-Couture-
Kleider, ein eleganter Oldtimer und
Armbanduhren, deren Zifferblätter mit
Diamanten, Smaragden oder Rubinen
eingefasst sind. Schauen Sie sich die
Kunden an – sie sind total begeistert.
Haben Sie mich nicht erst kürzlich ge-
fragt, was wir tun könnten, um unsere
Umsätze zu steigern? Ganz einfach: Wir
müssten so etwas Ähnliches veranstal-
ten wie das hier.“
„Tja, im Gegensatz zu Berlinger haben
wir aber leider keinen großen Konzern
im Hintergrund, zu dem auch noch eine
Modemarke, ein Wein- und ein Auto-
hersteller gehören“, gab Song zurück.
„Und außerdem stellen wir nichts
Diamantenbesetztes her. Die Marke von
Berlinger ist spektakulär; also wird sie
auch im Rahmen spektakulärer Promo-
tion-Aktionen präsentiert. Rochat &
Schmid steht eher für dezente Eleganz.“
„Dann bleibt uns also nichts anderes
übrig, als unsere Uhren auch auf de-
zente Weise zu vermarkten? Und das in
dieser Stadt? In diesem Land?“ Zhang
wies mit einer ausladenden Handbe -