HARVARD BUSINESS MANAGER MAGAZINE Harvard_Business_Manager__Juli_2017 | Page 94

SELBSTMANAGEMENT AKADEMIE Eine andere Studie von der New Cities Foundation kam zu dem Ergebnis, dass sogar das Nutzen sozialer Netzwerke, wie der Verkehrs- und Navigations-App Waze, diesen Effekt hervorrufen und den durch die Fahrt erzeugten Stress für Pendler verringern kann. Also sollten auch Sie sich überlegen, wie Sie auf Ihrem Arbeitsweg sozialer werden können. Wenn Sie mit öffent- lichen Verkehrsmitteln fahren, nehmen Sie vielleicht lieber Ihre Ohrstöpsel he raus und setzen sich über die unge- schriebene Anti-Smalltalk-Regel hin- weg. Wenn Sie im Auto unterwegs sind, stellen Sie Ihr Telefon auf Lautsprecher um und rufen einen Freund an, oder Sie fragen einen Nachbarn, der in Ihrer Nähe arbeitet, ob er nicht vielleicht mit Ihnen fahren möchte. Sie können auch eine App wie Sluglines ausprobieren, die dabei hilft, gelegentliche Fahr - gemeinschaften zu organisieren. Wenn Sie in einer Stadt leben, in der der Fahr- dienstvermittler Uber vertreten ist, nutzen Sie uberPOOL, das Sie mit ande- ren Fahrgästen zusammenbringt, statt uberX, wo Sie während der Fahrt für sich sind. Sollten Sie einen Shuttle Ihres Unternehmens nutzen, wie es bei den Tech-Firmen im Silicon Valley oft der Fall ist, sprechen Sie einfach mit Ihrem Sitznachbarn. 5. REDUZIEREN SIE DIE PENDELZEIT Wenn Sie nun alles getan haben, um das Beste aus Ihrem Arbeitsweg heraus- zuholen, Sie sich aber immer noch ge- stresst, unglücklich und unproduktiv fühlen, gibt es noch eine weitere Option: Reduzieren Sie das Pendeln. Das fängt mit den Entscheidungen über Ihren Arbeits- und Wohnort an. Die meisten Menschen bewerten die positi- ven Seiten eines langen Wegs zu hoch – einen besser bezahlten Job beispiels- weise oder ein größeres Haus in einer schöneren Umgebung. Die negativen Aspekte des Pendelns hingegen werden unterbewertet. Wir bezeichnen dies als Pendlervorurteil. Um das zu testen, führten wir eine bislang unveröffent- lichte Studie durch. Wir baten mehr als 500 amerikanische Vollzeitarbeitneh- mer aus vielen verschiedenen Bran- chen, sich zwischen zwei Szenarien zu entscheiden: Job 1 mit einem Jahresge- halt von 67 000 Dollar und einem Ar- beitsweg von 50 Minuten und Job 2 mit einem Gehalt von 64 000 Dollar und einem Arbeitsweg von 20 Minuten. Alles andere wäre gleich: die Nachbar- schaft, die Aufstiegschancen und die Zufriedenheit im Job. 84 Prozent der Teilnehmer entschieden sich für Job 1, waren also bereit, täglich eine Stunde Fahrtzeit auf sich zu nehmen (das sind 250 Stunden im Jahr), nur um 3000 Dol- lar mehr Gehalt zu bekommen. Das macht 12 Dollar pro Fahrtstunde, weni- ger als die Hälfte ihres Stundenlohns im Job! Wir überprüften, ob die Teilnehmer in der Lage waren, diese Rechnung auf- zustellen – das konnten sie natürlich. Ihre Antworten reflektierten einfach die Unfähigkeit, die psychologischen, emo- tionalen und physischen Auswirkungen längerer Fahrtzeiten vollständig anzu - erkennen. Wenn Sie über einen neuen Job oder eine neue Wohnung oder ein Haus nachdenken, ermutigen wir Sie, dem Pendlervorurteil zu widerstehen. Überlegen Sie sich so rgfältig, welche Nachteile ein langer Arbeitsweg hat, be- vor Sie ihn sich zumuten. Eine gute Möglichkeit, das Pendeln einzuschränken, ohne den Job zu wech- seln oder umzuziehen, bieten folgende Optionen: gelegentlich von zu Hause aus arbeiten oder an einem Ort, der näher an Ihrer Wohnung liegt, wie etwa in Gemeinschaftsbüros, die von Unter- nehmen wie WeWork angeboten wer- den. Heimarbeit wird zunehmend all- täglicher. Im Jahr 2015 arbeiteten laut US-Statistikbehörde 24 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer gelegent- lich oder ständig von zu Hause aus. Untersuchungen von Global Workplace Analytics zeigen, dass sich die regel - mäßige Heimarbeit in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat. Studien haben außerdem gezeigt, dass Menschen, die ab und zu von zu Hause aus arbeiten können, produktiver und zufriedener sind als diejenigen, denen das nicht erlaubt ist. Ein Feldversuch, der von dem chinesischen Reisebüro Ctrip sowie dem Stanford-Ökonomen Nick Bloom und seinen Kollegen durch- geführt wurde, zeigte, dass Arbeitneh- mer, die zeitweise im Homeoffice tätig waren, 13 Prozent mehr Aufgaben erle- digten als diejenigen, die nur im Büro arbeiteten. Darüber hinaus waren sie mit ihrer Arbeit glücklicher – wohl auch deshalb lag die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Unternehmen verlassen, um 50 Prozent niedriger. Wenn Ihr Arbeit- geber flexib les Arbeiten unterstützt und es Ihrem Chef und Ihren Kollegen recht wäre, wenn Sie von zu Hause aus arbei- ten, versuchen Sie es an einem Tag in der Woche oder zumindest an einigen Tagen im Monat. Die meisten Menschen, die einen lan- gen Arbeitsweg haben, fühlen sich wie hilflose Opfer, die ein notwendiges Übel ertragen müssen. Mit der Folge, dass sie erschöpft zur Arbeit und ausgelaugt nach Hause kommen. Darunter leiden sowohl ihre Leistung als auch ihr Wohl- befinden. Versuchen Sie deshalb, die Fahrt zur Arbeit zu verbessern, indem Sie sie in eine positive Erfahrung um- wandeln. Und nutzen Sie jede Möglich- keit, die Pendelzeit zu reduzieren. © HBP 2017 siehe Seite 110 AUTOREN FRANCESCA GINO ist Professorin an der Harvard Business School und Autorin von „Sidetracked. Why Our Decisions Get Derailed, and How We Can Stick to the Plan“ (HBR Press 2013). BRADLEY STAATS ist Associate Professor an der Kenan- Flagler Business School der University of North Carolina. JON JACHIMOWICZ ist Doktorand an der Columbia Business School. JULIA LEE ist Postdoctoral Fellow an der Ross School of Business der University of Michigan. JOCHEN MENGES ist Professor für Leadership an der WHU – Otto Beisheim School of Management. JULI 2017 HARVARD BUSINESS MANAGER 93